Ingo Heinemann: Scientology-Kritik
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Thomas Gandow
über Leben und Sterben der Lisa McPherson:
Predigt zum 5. Todestag von Lisa McPherson


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Adresse dieser Seite: lisa2.htm zuletzt geändert am 2.10.2000

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Zum Thema auch:

Pfarrer Thomas Gandow schildert Leben und Sterben der Lisa McPherson in seiner Predigt am 17. September 2000 in der Luisen-Kirche in Berlin-Charlottenburg:

Auszüge aus Thomas Gandows Predigtnotizen:

Lisa McPherson stammte aus einer christlichen, baptistischen Familie. In ihrem 18. Lebensjahr, an ihrer ersten Arbeitsstelle, wurde sie für Scientology rekrutiert. Seit 1982 war sie bei Scientology.

Mit der Zeit wurde sie zu einer Musterscientologin. Immer größere Geldsummen gab sie für die geldschluckende Organisation, in den letzten fünf Jahren ihres Lebens ca. 200.000 US-$. Unter vielen Schwierigkeiten und nach über 12 Jahren der Zugehörigkeit und vergeblichen Versuchen erreichte sie schließlich den Status "Clear", heute eine Stufe nur im unteren Mittelfeld der scientologischen Aufstiegsskala, der "Brücke"

Bei einer Feier vor 5 Jahren, am 7. September 1995, wurde ihr die  entsprechende Urkunde überreicht, und die las von einem Zettel,  der sich heute in polizeilichen Ermittlungsakten befindet, bei der Übergabe der Clear-Urkunde dies ab:  "Clear zu sein ist aufregender als alles andere, daß ich je erlebt habe. Ich bin so aufgewühlt über das Leben und zu leben, daß ich es kaum
aushalten kann"

Keine drei Monate später war sie tot. Tot gepflegt in Zimmer 174 des Scientology-Hauptquartiers Ford-Harrison-Hotel in Clearwater.

Was geht uns das schon an? War es nicht vielleicht die freie Entscheidung eines erwachsenen Menschen, sich der Scientology-Organisation anzuschließen? Sollen wir denn wirklich Hüter unserer erwachsenen Geschwister sein, auch derer, die sich für die Scientology-Organisation entschieden haben?

Es ist genau 5 Jahre her:  Die großartigen Veränderungen und Verbesserungen,  die Lisa durch ihren Clearstatus im September errungen zu haben meinte, hatten sich nicht realisiert. Im Gegenteil:  Nicht nur beruflich hatte es einige Mißerfolge gegeben. Sie hatte mit ihrer Mutter telefoniert und darüber gesprochen.

Mitte Oktober war sie von Scientology, wie aus Unterlagen ersichtlich ist, wegen ihrer abnehmenden Erfolge, wegen fallender Statistiken, wie man bei Scientology sagt, in den Zustand  "Belastung" , noch eine Stufe unterhalb von "Nicht-Existenz" versetzt worden. Die offizielle Scientology-Definition für diesen Zustand: "Das Wesen hat aufgehört, als Gruppenmitglied einfach nichtexistent zu sein und hat die Farbe des Feindes angenommen". Es ist eine Belastung, so heißt es in den Unterlagen der Gruppe, eine solche Person unbewacht zu lassen.

Lisa hatte sich wieder von der SO beraten lassen und  jetzt als Hauptvorwurf sogar gehört, sie hätte "die Aufmerksamkeit vom Objekt weggenommen". Der Vorwurf bedeutete, sie könne schon nicht mehr mit Menschen in scientologischer Weise kommunizieren, und nun auch nicht mehr mit Gegenständen, sondern sie schaue nur noch nach innen.

Lisa versuchte  verzweifelt, sich gegen diese Zuschreibung zu wehren, denn sie bedeutete im Klartext nichts anderes als daß sie verrückt sei, daß sie introvertiert nach innen schaue  - und als Kur drohte ihr jetzt der sogenannte "Introspection Rundown".

Lisa versuchte alles andere, um nicht diesen Weg in den Introspection Rundown gehen zu müssen. Sie mußte sich verpflichten, durch besondere Leistungen den Schaden, den sie angeblich angerichtet haben soll, wieder gut zu machen. Dazu gehörte für Lisa, daß sie zur Wiedergutmachung von 7.00 morgens bis 10.30 abends zu arbeiten hatte,  zum Teil, um Geld für eine PR-Aktion der Scientologen "Winter Wonderland" - eine Art Weihnachtsmarkt für Kinder zu verdienen.

Falls sie das durchhielt und schaffte, hätte sie wieder mit vollen Rechten in die Gruppe zurückkehren dürfen, wenn sie noch eine weitere Bedingung erfüllte: Von der Mehrheit der Flag-Land-Scientologen in Clearwater - einige tausend - jeweils die persönliche schriftliche Zustimmung zur Wiederaufnahme in die Gruppe zu erhalten.

War sie von ihren Wiedergutmachungsaktivitäten überarbeitet, überlastet? War sie übermüdet? Hatte sie deshalb  auch zu spät auf die Bremse getreten? Sie hatte bei einem unfallverursachten Stau, in den sie hineingeriet,  den Boots-Anhänger eines vor ihr haltenden Fahrzeuges angestoßen.
Sanitäter, die bereits am Unfallort waren, kamen auch zu den Beteiligten des kleinen Auffahrunfalls . Alles wurde von der Polizei aufgenommen. Alles wurde gut geregelt. Lisa war nicht verletzt. Sie konnte selbst ihr Auto beiseite an den Straßenrand fahren, hinter das Sanitätsfahrzeug.

Lisa hatte den Sanitätern im Ambulanzauto schon den Zettel unterschrieben, daß sie nicht verletzt sei und keine Erste Hilfe brauche.  Die Sanitäter wollten schon zu ihrem nächsten Einsatz fahren. Da sah Mark Fabyonic im Rückspiegel, das Lisa zu ihnen nach vorn lief, wobei sie sich auszog, sich die Kleider vom Leibe riß. Bonnie Portolano, die nette Sanitäterin, fragte Lisa (Ich zitiere aus dem öffentlichen Protokoll der Vernehmung der Sanitäterin: "'Warum hast Du alle Deine Kleider ausgezogen, was ist los?' Und sie sagt: ‚Well, ich wollte, daß die Leute denken, ich bin verrückt, weil ich Hilfe brauche'. Und von da an sprachen wir  über Hilfe, was schief gelaufen war mit ihr, und eine ganze Menge anderer Fragen. Und ihre Antwort war grundsätzlich: ‚Ich bin eine schlechte Person.' Und ich fragte sie ‚Warum denkst Du, daß du eine schlechte Person bist?' Und sie sagte ‚Weil ich herausgefunden habe, daß ich schlechte Gedanken habe. Ich mache schlechte Sachen in meinen Gedanken'...."
Die SO habe herausgefunden , daß sie etwas falsch gemacht habe, aber sie selbst wisse nicht was. Die Sanitäterin nahm sie dann in den Ambulanz-Wagen,  deckte sie mit einer Decke zu  und fragte weiter einfühlsam nach ihren Problemen und sprach weiter mit Lisa. Sie berichtet "Und Lisa sagte, die Hauptsache, die sie falsch gemacht habe sei, daß sie ihre Augen vom Objekt abgewendet habe. Das ist ein Zitat: ‚Ich wendete meine Augen vom Objekt ab'. Das schien für sie wirklich eine Riesensache zu sein." Sanft unterhielt sich diese barmherzige Samariterin weiter mit Lisa. Im großen und ganzen, so das Protokoll, sagte Lisa, sie wollte Hilfe. Sie wußte, daß sie Erholung brauchte. Sie wußte, daß sie so nicht weitermachen konnte.
"Sie sagte wörtlich: ‚Ich brauche jemand, mit dem ich sprechen kann.'
Ich bin Sanitäterin. Ich sagte ihr, ich könne nicht hier bleiben, aber ich könnte sie zu einer Stelle bringen, wo die Leute ihr zuhören würden.  ‚Da könntest Du mit ihnen reden. Ist es das, was du willst?'"
Und Lisa sagte ja.
Ursprünglich hatte sie so etwa gesagt: "'Nein, nein, ich bin okay'. Aber ich hatte zu ihr gesagt, ‚Es hört sich alles so an, daß mit Dir eine Menge los ist'.  Und  ‚Es würde gut sein für dich, dir jetzt Zeit zu nehmen und zu reden'.  Weil sie gesagt hatte, sie wollte reden aber vielleicht nicht zu diesem Zeitpunkt. Lisa brauchte Hilfe und wir brachten sie in ein Hospital wo sie auch eine Patientin psychologisch untersuchen können."
Dort erklärte Bonnie alles der Schwester, die in der Notaufnahme Dienst hatte.
Es schien so, daß Lisa gut untergebracht war.
Und so hätte diese Geschichte ausgehen können wie die Geschichte vom Barmherzigen Samariter im Evangelium.
Aber sie endet anders.

Ein scientologischer Suchtrupp hatte Lisa schnell aufgespürt und holte sie gegen den ausdrücklichen ärztlichen Rat aus dem Krankenhaus. Denn die SO behauptet ja, etwas viel besseres und wirksameres für Leute mit Nervenzusammenbruch als Psychotherapie zu besitzen, nämlich den sogenannten Introspection-Rundown. In der Klinik sagten sie allerdings nichts von dieser Behandlung, sondern nur, Lisa würde im Ford Harrison Hotel, dem Hauptquartier der SO in Clearwater/Florida, Ruhe und Erholung finden.

Als die Sanitäterin Bonnie als sie ein paar Tage später wieder in die Klinik kam und sich nach Lisa erkundigte, erfuhr, daß das Krankenhaus Lisa in die Hände der Scientologen entlassen hatte,  sagte sie: "Mir schien es als habe man sie wieder dahin zurück geschickt, wo die Quelle ihrer Verwirrung lag. Das ist ungefähr das selbe, wie wenn ich eine geschlagene Frau ins Krankenhaus bringe und der Ehemann in die Erste-Hilfe- Station kommt und sagt: ‚O nein, behandeln sie sie nicht, sie ist okay, ich passe schon auf sie auf und achte darauf, daß sie okay ist."

Lisa wurde nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus einen Introspection Rundown ausgesetzt. Das ist eine von Hubbard entwickelte Pseudotherapie bei Nervenzusammmenbruch. Dieser IRD beinhaltet die Isolation von betroffenen auch gegen ihren Willen. Nach Hubbard grenzt der IRD an ein Wunder, es sei der größte technische Durchbruch von 1973.

Der erste Schritt des RD ist es "die Person völlig zu isolieren. Alle Anwesenden müssen absolut den Mund halten (nicht reden). ... Erst wenn es offensichtlich ist, daß die Person aus ihrer Psychose raus ist und der Verantwortung gewachsen ist, mit anderen zusammenzuleben, wird die Isolation beendet." Der verantwortliche Überwacher testet das beispielsweise, indem er z.B. auf einen Zettel schreibt: "Dear Joe, was kannst Du mir versprechen, wenn wir dich aus der Isolation lassen"? Wenn Joe nicht zufriedenstellend antwortet, muß der  Überwacher zurückschreiben: "Lieber Joe, tut mir leid, aber es geht noch nicht, dich aus der Isolation zu entlassen.

Hubbard war sehr stolz über den IR und sagte: "Das bedeutet, daß der letzte Grund für die Existenz der Psychiatrie fortgefallen ist. Ich habe einen technischen Durchbruch erzielt, der möglicherweise zu den größten Entdeckungen des 20. Jahrhunderts zählt."

Siebzehn Tage nach Anwendung dieser Errungenschaft, am 5. Dezember 1995, starb Lisa McPherson im Alter von 36 Jahren.

Siebzehn Tage lang hatte sie vergeblich versucht, der Introspection Rundown genannten Isolationsfolter zu entkommen.

Vor der Tür stand ein Wächter;  bei ihr im Zimmer war ständige Aufsicht von mindestens einer, meist mehreren Personen. Lisa versuchte alles, herauszukommen.

Sie übte Selbstkritik: "Ich habe bei der Handhabung meiner Mutter versagt." Und: "Ich war 1.1."

Sie versuchte es mit Unterwerfungsgesten: "Ich möchte die Zahnbürste nehmen und den Fußboden putzen bis ich eine Erkenntnis habe"

Sie bat um andere Gesprächspartner:"Kann ich bitte meinen Auditor Vatisinski sprechen."

Und immer wieder versucht sie, mal aus der Tür, mal aus dem Fenster zu
entkommen.

Die Protokolle,  die bei der Isolation angefertigt wurden
und die Aussagen der Bewacher stimmen darin überein: Lisa versuchte, aus
der Isolationsfolter auszubrechen.

Die Protokolle der Wächter lesen sich u.a. so:

17 Tage lang versucht sie verzweifelt zu verhindern, daß ihr Drogen eingeflößt werden. Benutzt wurden Benadryl, ein Beruhigungsmittel und Chloralhydrat, ein stark wirkendes Beruhigungsmittel.

Das und andere SO-Medikamente wurden ihr immer wieder in das Essen gemischt oder ihr mit einer Kanülenspritze in den Mund gespritzt. Sie wehrte sich, indem sie so viel wie möglich wieder ausspuckte.

Tage lang versucht sie auszubrechen - bis sie schließlich an das Bett gefesselt wird. Einmal war sie schon bis zur Tür gekommen; ihre Hand war schon am Türgriff.  Da fallen mehrer Wächter über sie her, werfen sie aufs Bett und halten sie nieder, indem sich einer über sie wirft, andere ihre Beine festhalten - fast eine Stunde, bis sie sich "beruhigt" hat.

Lisa starb am Abend des 5.12. zwischen 21.30 und 22.00 Am nächsten Tag um 14. 00 rief Lisas Arbeitgeberin bei der Mutter an und sagte, sie sei gestorben. "Sie wurde mittags krank und wurde krank und immer kränker, dann brachte der Arzt sie ins Hospital. Schnellwirkende Meningitis".

Die Mutter dachte, das sei bei der Arbeit passiert. Dann erfuhr sie, sie hätte in den letzten Tagen nicht an Ihrer Arbeitsstelle gearbeitet sondern bei der SO. Sie habe dort angeblich  für das Projekt Winter Wonderland gearbeitet, wird der Mutter erzählt über die zeit, als sie in der Isolation war.

Der Totenschein nennt als Todesursache ein Blutgerinnsel, das durch Bettruhe und schweren Flüssigkeitsverlust herbeigeführt wurde. Lisa hat nach Schätzungen der Autopsie 5-10 Tage kein Wasser, auch keine Infusionen bekommen.

Scientology machte der Mutter und den Angehörigen zunächst weis, Lisa sei an einer schnellen ansteckenden Meningitis gestorben und sorgte für eine rasche Einäscherung. Die SO-ler, die Lisa ins Krankenhaus brachten,  sind nach Bekanntwerden des Falls aus den USA ausgereist.

Als Mutter und Tante nach Clearwater kamen, räumten Scientologen gerade das Appartement aus. Schmuck, Ringe alles war weg, sogar Kleider.


1. Version dieser Seite am 1.10.2000