Ingo Heinemann: Scientology-Kritik 
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Zuletzt bearbeitet am 7.6.2010 
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Scientology: Dressur zum Selbstmord
Ein Erfahrungsbericht
 
 
 
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Kapitel I  Kapitel II  Kapitel III  Kapitel IV  Kapitel V 
Kapitel VI 
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Dieser Bericht ist 1995 als Broschüre Werkmappe Nr. 73/1995 "Scientology: Erfahrungsbericht" erschienen  bei: Referat für Weltanschauungsfragen der Erzdiözese Wien.

Vorwort der Herausgeber der Broschüre:
 
Auszug aus dem Vorwort der Herausgeber: 

Gespräche mit ehemaligen Scientologen sind oft nur sehr schwer zu führen. Man versteht sie nicht. Sie haben noch eine andere Sprache und leben in einer "anderen Welt". Vieles erscheint einem wie Erzählungen aus wirren Phantastereien. Nur mühsam kann man vielleicht nach der Lektüre vieler Bücher verstehen, was in diesen Menschen geschehen ist. 

Deshalb ist es erfreulich, daß ein ehemaliger "Scientologe" uns seine Erfahrungen zur Verfügung gestellt hat. 

Der Text ist keine wissenschaftliche Analyse. Er ist auch nicht der Versuch, anhand der eigenen Erfahrungen das ganze System Scientology zu entlarven und durchschaubar zu machen. 

Es ist ganz einfach das, was dieser Mensch erlebt hat. 

Darum haben wir den Text auch in der Form und in der Sprache übernommen, die der Betroffene gewählt hat. 

Ein Mitglied des Deutschen Bundestages und der Enquete Kommission zur Sektenproblematik schrieb zu diesem Bericht: 

"Ich habe Ihr Manuskript mit großer Aufmerksamkeit gelesen und bin beeindruckt von Ihrer sachlich-distanzierten Beschreibung der Vorfälle und Ereignisse, wie auch der reflektierenden Momente, die Sie immer wieder in den chronologischen Fortlauf einbauen. Dadurch werden für den Leser einzelne Entwicklungsetappen verständlich und gleichzeitig hilfreich kommentiert. Die Form der Erzählung, Beschreibung und Erklärung trägt mehr zur Aufklärung der Öffentlichkeit/des Lesers bei als eine 'individuelle Abrechnung' auf emotionaler Basis mit der Sektenorganisation." 

Es ist wie in fast allen Gesprächen mit ehemaligen Scientologen trotzdem nicht einfach, sich diesen Erfahrungen zu stellen. Es lohnt sich aber, wenn man die Kehrseite der scientologischen "Wirklichkeit" verstehen will. 

 
 

Friedrich Schuch:

Dressur zum Selbstmord
 

VORWORT

Ich ließ mich vom Sirenengesang von Scientology einfangen. Was danach war, war eine Tragödie. Möge mein Bericht andere vor gleichem Schicksal bewahren helfen. Mit Hilfe meiner Frau konnte ich aussteigen, danach rettete sie mir das Leben. Meine Familie half mir mit viel Geduld und Liebe, meine Persönlichkeit wieder herzustellen. Ihr widme ich diesen Text und den Rest meines Lebens.
 

KAPITEL I

Eigentlich fing alles ganz harmlos an. Bis dahin war ich immer davon überzeugt gewesen, daß mein Erfolg im Leben in meinen Kenntnissen, meiner Intelligenz und in meinem Fleiß lagen. Deswegen lernte ich auch Fremdsprachen, machte einen Managementkurs und besuchte Kurse, um Techniken zum schnellen Lesen zu lernen und um mir einige Techniken anzueignen, Dinge besser merken und mein Gedächtnis verbessern zu können. Ganz nützliches und unschädliches Wissen. Sehr interessant fand ich daher die Werbung von "DIANETIK" in einer Fachzeitschrift für Logistik, welche unter einem Foto von Einstein behauptete, daß man nur einen kleinen Teil seiner geistigen Kapazität verwende. Ich schrieb an die angegebene Adresse und ließ mir das Buch "Dianetik, Die moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit", schicken. Als ich es gelesen hatte, meinte ich dadurch gelernt zu haben, daß jeder psychologische Barrieren in sich trägt, die unlogische Handlungen verursachen und daher verhindern würden, daß man seine Intelligenz voll verwenden könne. Durch diese "Wissenschaft" sei es ferner möglich, seinen Intelligenzquotient zu steigern. Nachdem ich keine Ahnung von Psychologie hatte, glaubte ich, was in diesem Buch geschrieben stand.

Nach der Lektüre des Buches ging ich zum nächstgelegenen Dianetikzentrum und meinte, dort meine drei wichtigsten Probleme (soweit sie überhaupt wichtig waren) lösen zu können, da mich das Buch ziemlich überzeugt hatte. Diese Probleme, die ich meinte alleine nicht lösen zu können, waren:
 

  1. Eine gewisse Schüchternheit gegenüber Personen mit stärkerem Charakter und mit lauter, starker und entschiedener Stimme.
  2. Durch eine verbesserte Intelligenz die Chancen im Leben besser zu nutzen.
  3. Die Ursache meines guten Appetits und meines Übergewichts zu erkennen.
Heute sehe ich diese Probleme aus einem anderen Blickwinkel und auch deren Lösung nicht durch und mit "Dianetik".

Wenn ich nachfolgend von den Dianetik-Sitzungen, den sogenannten "Auditing"-Sitzungen berichte und sage "ich erinnerte", so müßte es heißen "ich dachte mich zu erinnern".

Im Dianetik-Zentrum wurde ich zu sogenannten Auditing-Sitzungen eingeladen, eine an Therapieverfahren erinnernde Sitzung zur Auffindung von störenden Ursachen für Unfähigkeiten. Dabei versucht ein/e Auditor/in das Gegenüber in einen tranceähnlichen Zustand zu versetzen, in dem die Person sich an frühere Zeiten erinnern soll.

Bei meiner ersten Auditing-Sitzung wurde das sogenannte "alte" Verfahren, d.h. ohne Verwendung des "E-Meters", angewendet. Deshalb zählte die Auditorin mehrmals bis zehn, bis mir, bei geschlossenen Augen, meine Augenlider zu zittern begannen. Die Auditorin forderte mich auf: "Erinnere ein unangenehme Begebenheit aus Deiner Vergangenheit!" Das soll, wie schon erwähnt, helfen, Ursachen für Unfähigkeiten oder Schwierigkeiten aufzuspüren und zu löschen.

Ich erzählte, wie ich mir als Kind in einer Autotür einen Finger einklemmte. Mehrmals wurde ich aufgefordert, diese Erinnerung erneut zu erzählen. Jedesmal meinte ich, mehr Einzelheiten davon erinnern zu können. Als mir keine weiteren Einzelheiten einfielen und ich meinte, mich an alles erinnert zu haben, fragte mich die Auditorin, ob ich mich denn mit dieser Erinnerung wohl fühlte. Als ich dies bejahte, bat sie mich, eine weitere unangenehme Begebenheit zu erinnern, die sich vor der bereits erzählten zugetragen hatte. Ich "erinnerte" mich an ein Ereignis, das mir eigentlich meine Mutter mehrfach erzählt hatte. Da meine Mutter mir ihre Brust sehr lange gegeben hatte, tat sie es noch, als ich meinen ersten Zahn bekam. Dabei passierte es, daß ich sie einmal biß und daher einen sehr großen Schmerz verursachte, weswegen sie aufschreien mußte.

Unter der Suggestionskraft des Dianetik-Buches und unter der erwartungsvollen Schweigsamkeit der Auditorin war ich überzeugt, auch tatsächlich mich an dieses Ereignis erinnern zu können. Ich sah keine Anzeichen der Verwunderung bei der Auditorin dafür, daß ich Erinnerungen von so früher Kindheit berichtete, im Gegenteil, ich meinte, bei der Auditorin sogar eine gewisse Zufriedenheit zu spüren.

Auch diese "Erinnerungen" mußte ich wieder und immer wieder erzählen. Mit jedem erneuten Durchgehen der Szene konnte ich mich an weitere Einzelheiten erinnern, so z.B. daß mein Vater herbeieilte, daß er mich in den Arm nahm und mich dann auf ein Sofa legte. Ich konnte mich sogar noch an die Farbe seines Pullis, seiner Hose und seiner Schuhe erinnern, die er damals trug.

Dann meinte ich sogar, mich selbst in einer Entfernung von ca. einem Meter von meinem Körper entfernt gesehen zu haben.

Ich glaubte mich an meine erste "Exteriorisation" (bei Scientology ist das ein Moment, bei dem der "Thetan" den Körper verläßt) zu "erinnern". Danach jedoch korrigierte ich meine Erzählung dahingehend, daß ich mich in einem Spiegel, der an der Wand hing, gespiegelt gesehen haben wollte.

Irgendwann war ich ermüdet davon, das Gleiche immer wieder stundenlang erzählen zu müssen. Man stelle sich außerdem vor: ich "erinnerte" mich an etwas, das ich im Alter von sechs Monaten erlebt hatte!

Das Verhalten der Auditorin war so, als ob sie solche "Erinnerungen" täglich hören würde, und meine Erinnerungen etwas ganz Normales sei. So fuhr ich eben fort, mich zu "erinnern" und erzählte weiter. Ich selbst begann gleichzeitig damit, dieses ganze Geschehen auch als vollkommen normal zu empfinden.

So hatte ich später eine noch ältere "Erinnerung": es war als ich noch ein Sperma war und zum Ei schwamm. Nachdem ich jenes befruchtet hatte, begann ich darin zu schwimmen. Es war alles fleischfarben, hell und fast gelb. Ende der "Erinnerung".

Nach dieser ersten Sitzung, die fast vier Stunden gedauert hatte, fühlte ich mich müde, betäubt und erschöpft, aber all dies wurde durch eine tiefe Euphorie ausgeglichen, froh darüber, endlich den Weg "zu einem besseren Wesen" gestartet zu haben. Ich war davon überzeugt, auf dem Wege zur Lösung meiner Probleme zu sein.

Als ich dann wiederkam und weitere Auditingsitzungen nahm, wurde ich immer zu sehr langen Gesprächen eingeladen. Dabei wurde ich fast vollkommen ausgefragt.

Gleichzeitig schuf man bei mir eine wachsende Begeisterung für Dianetik. Von Scientology wurde damals noch nichts erzählt.

Alle meine Gesprächspartner strahlten eine ansteckende Begeisterung aus. Sie schafften es auch, diese bei mir zu entfachen. Es wurde immer peinlichst darauf geachtet, daß diese Begeisterung bei mir nicht mehr erlosch. Notfalls wurde sie irgendwie wieder angefacht. So begann man mich mit Anrufen, mit Postsendungen und mit Reklameschriften zu bombardieren. Offensichtlich durfte der Kontakt zu mir nicht abreißen, auch an Tagen, an denen ich nicht zum Dianetik-Büro hinging. Diese immer lodernde Begeisterung ließ mich meine normalen anerzogenen Schranken der Vorsicht und des Mißtrauens fallen lassen. Ich dachte: dies alles klingt zwar unglaublich, aber es ist so wunderbar, daß schon alles stimmen wird.

Am Ende der ersten Sitzungen demonstrierte man mir übrigens noch die Funktionsweise des "E-Meters", eines elektrischen Geräts, das beim Auditing von Scientology eine wichtige Rolle spielt. Man erklärte mir, daß man mit dem E-Meter viel stärkere und tiefergehende Erinnerungen erzielen könne und beeindruckte mich mit einer Vorführung. Hierfür mußte ich die Elektrokontakte des Gerätes (zwei Blechdosen mit Klammern über Kabel an das Gerät angeschlossen) in den Händen halten, eine in jeder Hand. Daraufhin zwickte man mich schmerzvoll in den linken Handrücken und zeigte mir, wie sich wegen des Schmerzes die Meßnadel des Geräts bewegte. (Beim Auditing kann man den Nadelausschlag normalerweise nicht sehen.) Danach mußte ich nochmals die Kontaktdosen halten und an den Schmerz auf meinem Handrücken zurückdenken. Bei diesen Gedanken schlug die Nadel wieder aus. So glaubte ich, daß man damit die Gedanken aufspüren könnte. Ich glaubte, man könne damit auch in die Tiefen des Geistes vordringen, um dann wirkungsvoll diejenigen Barrieren zu beseitigen, die uns dazu bringen, Fehler zu machen.

Das E-Meter selbst ist eigentlich nur eine Art Hautwiderstandsmeßgerät.

Und doch beeindruckte mich diese Vorführung sehr, noch dazu in Anbetracht des "Erfolges" meiner ersten Sitzung.

Von da an fühlte ich mich in den darauffolgenden Auditing-Sitzungen wie ausgeliefert und vollkommen durchsichtig gegenüber dem Auditor, mit der Überzeugung, ihm nichts verstecken zu können, solange ich am E-Meter angeschlossen war.

Ich versuchte deshalb auch in den nachfolgen Sitzungen immer das zu sagen, was ich gerade dachte, davon überzeugt, daß der Auditor jede Unwahrheit sofort mit dem E-Meter entdecken würde. Seitdem fühlte ich mich vollkommen dem Auditor ausgeliefert, aber ich lehnte dies nicht ab, da ich den Auditor als meinen Helfer betrachtete, um meine geistigen "Barrieren" abzubauen. Es war so, als ob ich alles einem Arzt erzählte, um ihm die Diagnose zu erleichtern. Ich brachte ein sehr hohes Vertrauen entgegen.

In diese Phase des Einfangens wurde nur über das gesprochen, was mich interessierte und was mich schon länger beschäftige: die Verbesserung meiner Persönlichkeit. Alles hatte für mich wirklich den Anschein von Methoden zur Verbesserung der geistigen Fähigkeiten. Man erzählte mir von so vielen Personen, die so viele wunderbare Dinge erreicht hatten, daß ich mich dafür begeisterte und erwartungsvoll hoffte, bald weitermachen zu dürfen.


KAPITEL II

Von Anfang an wurde von den Scientologen mit gegenüber das meiste sehr geheimnisvoll dargestellt und dadurch bei mir eine konstante Neugierde geweckt. Es wurde über viele Sachen gesprochen, jedoch wurde mir immer gesagt, daß in diesem oder jenem Buch näheres über dieses Thema behandelt werde. Als erstes Werk wurde mir empfohlen, das Buch "Einführung in die Ethik von Scientology" zu lesen. Die Essenz dieses Buches sind eine Reihe von Verhaltensregeln.

Diese Regeln besagen, daß alles, was dem Überleben dient, ethisch ist und alles was gegen das Überleben geht, unethisch ist. So z.B. sei es ethisch, eine Person aus einer Lebensgefahr zu retten, die Umwelt zu schützen, Kriege zu vermeiden, sich für das Überleben von Pflanzen, Tieren, des Planeten, etc. einzusetzen, während Abtreibung, Kriege, Diktaturen, Walfischfang, die Zerstörung vom Regenwald, etc. etc. nicht ethisch sei.

All dies schien mir in Ordnung, und ich glaubte, daß die meisten Menschen mit diesen Regeln einverstanden sein müßten.

Durch dieses Buch wurde mein Enthusiasmus und mein Vertrauen gegenüber Dianetik und Scientology gestärkt. Dadurch drängte es mich (und man überredete mich auch dazu), immer mehr Bücher zu kaufen und zu lesen, wobei darauf Wert gelegt wurde, daß ich zuerst das Wörterbuch von Scientology kaufen sollte. Dieses Buch sei sehr wichtig, da laut dem Gründer von Scientology, L. Ron Hubbard, die Umgangssprache zu ungenau sei, um seine "Entdeckungen" oder "Wissenschaft" exakt beschreiben zu können. Deswegen gebrauchte Hubbard in seinen Texten laufend entweder neue Worte, oder von ihm erfundene Worte oder er gab einfach existierenden Worten einen neuen, anderen Sinn.

Um seine Texte verstehen zu können, mußte ich also laufend sein Wörterbuch verwenden, und wenn ich dies nicht tat, konnte ich meist den Zusammenhang nicht verstehen.

L. Ron Hubbard richtet bereits in seinem Grundausbildungskurs "Student Hut" alles darauf aus, daß man kein unverstandenes Wort überlesen oder unverstanden überspringen darf. In so einem Fall sollte man immer das Wörterbuch verwenden, um das Wort zu verstehen und dann mit dem Studium fortzufahren. Und so machte ich es dann auch. Als Folge davon sah ich das Leben immer mehr anders als früher und immer mehr durch die Brille von Scientology. Erst nachdem ich die Scientology verließ, erkannte ich das Fatale an dieser Vorgangsweise.

Um deutlicher zu werden, muß ich auf ein Gleichnis zurückgreifen: wenn ich alle meine früheren Kenntnisse und Begriffe mit den Bausteinen eines Gebäudes vergleiche, so wurden mir durch Scientology diese Bausteine einzeln ausgetauscht, Stein für Stein, durch die neuen Begriffe und Definitionen der Scientology-Kunstsprache. Nach einer gewissen Zeit waren bei mir bereits so viele "Bausteine" meines "Gedankengebäudes" ausgetauscht, daß die noch intakten Reste des alten Gebäudes zusammenzubrechen drohten, weil sie nicht mehr mit den neuen Teilen zusammenpaßten.

Dadurch wurde auch in mir sehr stark der Drang zum Lesen von weiterem Scientology-Material gefördert, um eben sobald wie möglich das neue Gedankengebäude fertigstellen zu können und um dadurch die "großen Zusammenhänge des Lebens" kennenlernen und verstehen zu können. Damit wollte ich auch den (eigentlich erst künstlich geschaffenen) Schleier über den großen Geheimnissen des Lebens lüften.

Aber ich war inzwischen schon überzeugt, diese Antworten nur bei Scientology zu bekommen.

Doch diese Offenbarungen ließen immer mehr auf sich warten und gerade dadurch wurde der Wissensdurst bei mir immer größer.

Einige dieser Bücher waren sehr schwierig, wie z.B. "Phoenix Lectures" (die Axiome der Ethik) oder das "Philadelphia Doctorate" oder "The Power of Simplicity". Diese Bücher sind Niederschriften von Vorträgen von L. Ron Hubbard, begleitet von den entsprechenden Tonkassetten mit dem Originalton Hubbards. Natürlich hieß es, daß diese Tonkassetten in "Clear-Sound" aufgenommen worden waren, angeblich eine weitere wissenschaftliche Entwicklung von L. Ron Hubbard. Obwohl diese Materialien in den Prospekten als die letzten Durchbrüche von Scientology und als sehr powerful beschrieben wurden, war ich dann letztlich doch immer wieder enttäuscht zu erfahren, daß es sich um Vorträge Anfang der fünfziger Jahre handelte.

Die zentralen Fragen blieben immer noch unbeantwortet, obwohl die Vorträge unheimlich langatmig, ermüdend und fantasmagorisch waren. Es wurden immer nur halbe Antworten gegeben und jeweils eine Menge neuer Fragen aufgeworfen, was mich zum Vertilgen von weiteren Texten zwang.

Scientology besteht aus einem ausgeklügelten System von aufeinanderfolgenden Kursen und Verfahren.

Die Auditing-Sitzungen dienten zum Erklimmen der unteren Grade "Der Brücke" und des NED (New Era Dianetics), dem letzten Grad vor dem "Clear".

Jeder Grad bestand aus einer Reihe von Anweisungen, die der Auditor strikt nach Vorschrift ausführen mußte.

Nachdem ich noch nicht "Clear" war sondern nur ein "Pre-Clear", mußte ich, wie jeder andere Pre-Clear, durch die gleiche Mühle. Wenn sich unterwegs auf den Stufen des scientologischen Weges "Hindernisse" ergaben, so mußten diese in Sondersitzungen wegauditiert werden.

Es wurde sehr streng darauf geachtet, daß die Vorschriften zur Durchführung der Sitzungen exakt eingehalten wurden. Der Auditor mußte in der Sitzung alles notieren, was ich sagte und tat. Diese Notizen kamen dann zum "Elfenbein-Turm", einem ungestörten Ort in den Räumen der Organisation, wo eine Reihe von Kontrolleuren, genannt CS (= case supervisor = Fallüberwacher), alle Reports gründlich prüften. Manchmal mußte der Auditor einen Teil der Sitzung wiederholen, wenn der CS nicht zufrieden war. Natürlich wurde mir auch diese Auditingzeit von den im voraus bezahlten Auditingstunden abgezogen.

Manchmal mußte ich in den Sitzungen Pakete oder Listen von Fragen beantworten. Wenn dann bei einer meiner Antworten die Nadel vom E-Meter ausschlug, wurde ich aufgefordert, ein Geschehen zu erinnern, welches mit dieser Frage in Zusammenhang stand.

Bei allen Auditing-Sitzungen mit E-Meter hatte ich zwar meine Augen offen, jedoch konnte ich nicht die Bewegungen "der Nadel" einsehen. Wenn der Auditor mir sagte, daß sich die Nadel bewegte, so mußte ich ihm dies glauben. Der Auditor führte mich durch die Sitzung, indem er mir mit seinem Blick eine Art Führung oder Anweisung zu spüren gab. Selbst wenn er Notizen machte, versuchte er, so viel wie möglich mir in die Augen zu schauen. An seinen Augen merkte ich, ob meine Aussagen in die richtige Richtung gingen. Ich spürte darin auch seine Zufriedenheit oder Unzufriedenheit. Am meisten ersehnt war das Ende der Sitzung, welches mit einem erleichternden "die Nadel schwebt" (eine Art "bestanden") endete.

Sehr beschwerlich waren die "Joburg Confessionals", eine Art Beichte mit Checkliste. Auch diese sehr zeitaufwendigen Sitzungen wurden während der im voraus bezahlten Auditing-Sitzungen gemacht. Die Fragepakete sollten angeblich helfen, negative oder auch gefährliche Erinnerungen zu suchen und auch eventuell Antagonismen zu Scientology zu entdecken. Sie ließen mich psychisch quasi nackt vor dem Auditor stehen. "Hast Du Deine Frau betrogen?", "Warst Du mit Prostituierten zusammen?", "Hast Du Drogen genommen?", "Bist Du vom CIA, FBI oder einem anderen Geheimdienst, von der Presse?", "Hast Du gemordet?", "Hast Du gestohlen?", etc. etc. So ging es stundenlang.

Ein weiterer wichtiger Faktor meiner psychischen Veränderung waren die Unterhaltungen zwischen den Mitgliedern untereinander und zwischen den "Staffs" (etwa "den Mitarbeitern") und den Mitgliedern. Anfangs sprach ich oft sehr lange mit dem Leiter der Niederlassung, wo man mir die Vorstufen zum "Clear" auditierte. Dieser erklärte mir sehr viel über die Theorien von Scientology, jedoch immer unter Anwendung der Taktik, bei mir Erwartungen und Neugierde zu erwecken. Eines Tages erklärte er mir diese Taktik, als er über eine andere Person erzählte und sich dabei verplapperte. Die Taktik bestand darin, im Gespräch eine unvollständige Information oder Andeutung über etwas zu geben. Wenn dann der Gesprächspartner mehr darüber wissen wollte, wird ihm keine Antwort gegeben oder einfach das Thema gewechselt. Die unterschwellige Neugierde brach dann irgendwann mit direkten Fragen aus den Leuten heraus.

Diese wurde insofern beantwortet, daß wiederum empfohlen wurde, dieses oder jenes Scientology-Buch zu kaufen und es zu lesen.

Bei meinen Aufenthalten in den Räumen der Organisation, wo die Auditing-Sitzungen stattfanden, wurde ich sehr oft zu stundenlangen Gesprächen überrumpelt. Als dann dabei offensichtlich meine fortgeschrittene Indoktrinierung festgestellt wurde, begann man mir von Reinkarnation und früheren Leben zu erzählen und man empfahl mir wieder einige Bücher von L. Ron Hubbard zu lesen, wie z.B. "Haben Sie schon einmal vor diesem Leben gelebt?" oder "Eine Geschichte des Menschen". In diesen Büchern erzählt Hubbard angebliche "Erinnerungen" von Scientologen in ihren Sitzungen, was sie in früheren Leben erlebt zu haben meinten. Diese Bücher hatten auf mich eine sehr starke Suggestionskraft, weswegen ich mich mit deren Inhalt sehr lange und sehr viel in meinen Gedanken beschäftigte. Meine konstante Begeisterung hatte ja schon alle Vorsichtsschranken bei mir beseitigt, und ich glaubte inzwischen an die Reinkarnationstheorie. Ich war sehr gespannt, in den nächsten Auditing-Sitzungen meine Vergangenheit vor dem jetzigen Leben kennenzulernen. Ich ging mit angespannter Neugierde in die folgenden Sitzungen.

Die "Staffs" waren sehr angetan von meinen neuen Kenntnissen, meinem Fleiß und meinem Enthusiasmus. Dabei befriedigten mich die Bücher immer nur halbwegs. Es wurden immer viele neue Fragen aufgeworfen, welche ich dann hoffte, mit wiederum weiteren Texten beantwortet zu bekommen. Ich studierte bis in die Nacht hinein, monatelang. Den Kopf voll solcher Theorien und dazu unter dem Einfluß der immer häufiger werdenden Auditing-Sitzungen, verwechselte ich die Wirklichkeit immer mehr mit meiner Phantasiewelt.

In diese Phantasiewelt steigerte ich mich immer mehr hinein, und ich wunderte mich sogar selbst, so unheimlich viel zu "erinnern". Ich sagte dann ganz begeistert zu mir, diese Technik von Scientology sei wunderbar in ihrer Wirkung und war natürlich noch begeisterter. Jedes erneute Mal war es für mich normaler zu "erinnern". Ich war voller Stolz und Freude über meine "Erfolge" bei den Nachforschungen in den Tiefen der Erinnerungen meiner "vergangenen" Leben.

In den Stufen (oder "Graden") in Richtung "Clear" die "Brücke" hinaufsteigend, spielte sich eine bunte Reihenfolge von verschiedenen Arten von Sitzungen ab. So mußte ich mich z.B. vor einen Tisch stellen, den Tisch mit der Hand berühren, dann meine Stirn mit dieser Hand berühren, danach wieder den Tisch mit der Hand berühren, etc.

In einer weiteren Sitzung mußte ich im Zimmer hin- und hergehen: "Berühre diese Wand mit der Hand, gehe zum Tisch, berühre ihn mit der Hand, gehe zum Stuhl, berühre ihn mit der Hand, etc." Als ich dann zum x-ten Mal den Tisch mit der Hand berührte, hatte ich plötzlich das Gefühl, als ob der Tisch unter mir anfangen würde zu schweben oder als ob unter dem Tisch und unter mir Wolken seien. Damals dachte ich, mich "exteriorisiert" zu haben.

Später erklärte man mir, daß ich in einem parahypnotischen Zustand gewesen war. Am Schluß dieser Sitzungen wurde ich dann immer gefragt, wie ich mich bezüglich der jeweiligen Sitzungen fühlen würde. Antwortete ich, daß ich mich wohl fühle, beendete der Auditor die Sitzung.

Heute frage ich mich, ob man mit diesen Sitzungen lediglich den Grad der erzielten Unterwürfigkeit testen wollte. Denn im Prinzip war es ja nur um die Ausführung von Befehlen gegangen. Wenn ich mich mit Befehlen also "wohl" fühlte, waren meine eventuelle Aufmüpfigkeit bzw. mein selbständiges Handeln und Entscheiden besiegt und ausradiert.

In einer späteren Sitzung wurden wieder einmal meine "vergangenen" Leben herbeigerufen. Dabei erinnerte ich mich daran, daß ich in meinem vergangenen Leben ein Neger gewesen war, welcher bei einer Schlägerei ums Leben kam. Während "ich" meinen Gegner mit einer Pistole tötete, brachte der mich dabei mit einem Messer um. Er war der Zuhälter einer Prostituierten, die ich liebte.

Danach konnte ich mich dann in dieses vergangene Leben immer mehr vertiefen und selbst bis zum Zeitpunkt des Beginns des damaligen Lebens "erinnern". Ich sah plötzlich, wie ich als Thetan ohne Körper auf einer Plattform im Weltall war. Es waren noch zwei oder drei weitere Thetane mit auf der Plattform (laut der Doktrin von Scientology sind wir Wesen, genannt Thetane, als die wir in unseren Körpern wohnen). Dann beschloß ich, auf die Erde hinabzuspringen. Ich landete im Wasser der karibischen See, neben einem kleinen Boot mit schwarzen Fischern an Bord. Einer von ihnen war über Bord gefallen, war kurz vor dem Ertrinken. Dazu näherte sich ihm ein gefährlicher Hai. Ich, als Thetan, drang von hinten in den Kopf des Ertrinkenden ein und sah seinen Thetan im Innern seines Körpers, vollkommen verängstigt. Ich übernahm den Körper, ließ ihn bis zur Oberfläche schwimmen und in das Boot zu den anderen Fischern klettern. Er beschwerte sich über Kopfschmerzen. Dann ruderten alle schnell ans Ufer. Dort warf sich der Fischer auf den Sand des Strandes, um sich vom Schreck zu erholen. Dies konnte ich alles beobachten, weil ich in der Zwischenzeit seinen Körper wieder verlassen hatte. Die "Erinnerungen" waren so frisch, als ob sie noch vom Vortag stammten. Damals merkte ich nicht, daß meine Phantasie unter Kraft der Suggestion bereits zügellos galoppierte.

In wieder einer späteren Sitzung fuhr ich mit dieser Erinnerung fort. Ich vagabundierte an jenem Strand weiter, bis ich auf eine sehr schöne Eingeborene traf, die sich gerade mit ihrem Freund liebte. Zusammen mit letzterem wollte ich dieses schöne Ereignis genießen und drang sofort von hinten in seinen Kopf ein. Ihn befiel deswegen ein sehr starker Kopfschmerz, weswegen er den Akt abbrechen mußte. Schnellstens verließen ich und sein Thetan seinen Körper, sein Thetan beschimpfte mich sehr heftig und jagte mich fort.

Ich suchte weiter an der Küste. Ich merkte, daß ich in der Karibik war, in Haiti. Dann sah ich eine Negerin vor ihrer Hütte sitzen, dick, fröhlich und hochschwanger. Ich beschloß den Körper dieses heranwachsenden Kindes zu bewohnen. Später kam ich in jenem Körper als Neger auf einem Frachtschiff nach New York. Danach wiederum fuhr ich nach Lateinamerika. Als man mich dort tötete, verweilte ich kurz bei meiner Leiche und beobachtete sie. Ich konnte mich daran "erinnern", die Fliegen gesehen zu haben, die um mein Blut flogen. Dann flog ich direkt zu jener Stadt, in der ich in diesem Leben geboren wurde.

Als ich dort ankam, wurde gerade der Körper meines jetzigen Lebens geboren. Ich "erinnerte" mich daran, daß die Krankenschwester mich auf die Waage legte, um mich zu wiegen. Auf dem Rücken liegend, mußte ich Harn lassen und machte dies, indem ich einfach nach oben spritzte und dabei auch die Krankenschwester benäßte, welch dann sehr lachen mußte. Danach erinnerte ich mich, wie ich neben meiner Mutter im Wochenbett lag. Meine Mutter pflegte mich, weil ich an einer heftigen Diphtherie und einer starken Bronchitis erkrankt war. Heute weiß ich, daß ich diese Geschehnisse damals nicht erinnerte, sonder daß ich dies unter der Suggestionskraft von Dianetik nur so meinte. Denn in Wirklichkeit hatte mir meine Mutter diese Begebenheiten in meiner Kindheit erzählt.

Ich meinte also, mich in der Auditing-Sitzung an das damalige Zimmer zu erinnern. Im Glas eines offenen Fensters konnte ich einen schönen Garten mit Obstbäumen gespiegelt sehen. Auch in dieser Sitzung mußte ich immer wieder von Anfang an die Erinnerung durchgehen. Nach mehrmaligem Erzählen der Szenen, in welchen meine Mutter mich pflegte, "erinnerte" ich mich plötzlich daran, daß die haitianische Frau, also meine Mutter in meinem "vorhergehenden" Leben, starb, während sie mir die Brust gab. Deshalb also hatte ich meine Mutter in diesem Leben in die Brust gebissen, um sicher zu sein, daß sie noch am Leben sei. Diese "Entdeckung" verursachte mir tiefe Traurigkeit (wegen des Verlustes des geliebten Wesens) und daher mußte ich in der Sitzung sehr stark weinen. Aber gleichzeitig war es wie ein erlösendes Weinen.

Obwohl diese Art von Situationen mit dieser Ladung an Gefühlen nicht sehr häufig war, so war es doch normal, daß während der meisten Sitzungen ein Anstieg der Spannung auftrat, die sich dann am Ende der Sitzung entlud.

Diese "Entladung" hieß dann das "EP" (= End Phenomenon), danach sagte dann normalerweise der Auditor, daß die "Nadel schwebe" und beendete die Sitzung.

Als ich damals diese Sitzung beendete, kam ich zu der, für meine ursprünglichen Fragen relevanten Schlußfolgerung, daß diese schlimme Erinnerung in meinem Unterbewußtsein mich immer dazu brachte, viel zu essen und daß dies die Ursache von meinem Übergewicht war.

In einer späteren Sitzung konnte ich mich an mein Leben vor dem Leben als Haitianer "erinnern". Damals war ich ein italienischer Soldat in den italienischen Alpen während des Ersten Weltkriegs gewesen. Ich konnte mich sogar an den Namen "erinnern", den mein damaliger Körper trug. Angeblich war ich in einer Mission unterwegs, zu der ich mich als Freiwilliger gemeldet hatte. Ich starb, als unser Militärfahrzeug von einer Mine zerrissen wurde.

Zum Zeitpunkt der Sitzungen merkte ich noch nicht, daß ich beim Auditing Erinnerungen hatte von Orten, die ich bereits kannte, bevor ich in "diesem" Leben zu Scientology kam.

Später jedoch verlieh mir die Suggestionskraft ungezähmte Flügel.

In einer weiteren Sitzung erinnerte ich mich daran, im Heer der alten Griechen ein General gewesen zu sein. Dem König wollte ich meine Loyalität beweisen und verbrannte meine rechte Hand vor ihm im Feuer. Dann merkte ich jedoch, daß dieses Opfer unnötig gewesen war, weil er mir trotzdem nicht glauben wollte. Ich "entdeckte" nämlich in dieser Sitzung, daß er mir nicht glauben wollte, um mir nicht seine Tochter zur Frau geben zu müssen. Wegen der Boshaftigkeit des Vaters tötete ich seine Tochter und trug jahrhundertelang ihren Leichnam an mich gefesselt herum, bis ich dies in der Auditing-Sitzung "endlich durchgehen" konnte und mich somit von ihr "befreien" konnte. Eine sehr große Erleichterung befiel mich am Ende dieser Sitzung.

In einer weiteren Sitzung erinnerte ich mich, ein Offizier in einer sehr weit zurückliegenden Zeit gewesen zu sein, als wir noch in anderen Galaxien lebten und den Weltraum mit Raumschiffen durchkreuzten. Damals betrog ich meinen Vorgesetzten mit seiner Frau, welche dann alles ihrem Mann beichtete. Ich wurde hingerichtet mit zwei blitzenden Lichtern, welche mich blendeten und töteten.

Nachdem ich die Sitzungen des NED (New Era Dianetics) beendet hatte, also einen Teil des scientologischen Weges gegangen war, fuhr ich nach Flag in Clearwater, Florida, um dort die Sitzungen für den CCRD (Clear Certainity Rundown) zu nehmen. Ich wollte noch mehr aus den scientologischen Kursen rausholen für mein Leben, auch aus den Kursen, die ich in den USA absolvieren wollte. Denn in sehr vielem Propagandamaterial war von Flag gesprochen worden. Der Ort, wo angeblich die "Hubbard-Technik" absolut fehlerfrei und erfolgreich von den "bestgeschulten Auditoren der Welt" angewendet werden würde. Die Ohren hatte man mir schon taubgeredet und alles in den Himmel gehoben: ich konnte es kaum noch abwarten.

Noch dazu war der CCRD (Clear Certainity Rundown) das große Ziel, um nämlich endlich "Clear" zu werden.

Im Zimmer, in welchem bis dahin die Sitzungen abgehalten wurde, hing auch ein großes Poster mit Reklame für den CCRD. Wenn ich während der Sitzungen auf dieses Poster schaute, war ich immer mit Sehnsucht danach erfüllt.

Der CCRD dauerte zwei Wochen und es auditierten mich mexikanische, italienische, niederländische und amerikanische Auditoren. Die Sitzungen wurden von 9 bis 13 und von 14 bis 21 Uhr abgehalten. Wenn der Auditor seine Notizen aus der Sitzung dem Fallüberwacher brachte, um sie korrigieren zu lassen und eventuell neue Anweisungen entgegenzunehmen, dann durfte ich nicht einfach herumsitzen und warten, sondern mußte zu einem Schulungsraum gehen und die Zeit zum Studieren scientologischen Materials verwenden.

Während der Sitzungen des CCRD kombinierte ich mit Logik zwei Definitionen aus dem Scientology- Wörterbuch.

Zum einen wurde dort jemand als "Clear" definiert, der keinen "reaktiven Verstand" mehr hatte.

"Clear" meint nach scientologischer Lehre etwa den Zustand, den jemand aufgrund scientologischer Hilfe erreichen kann und in dem er frei ist von Einflüssen "negativer Erinnerungen" im "reaktiven Verstand".

Der "reaktive Verstand" soll der Teil des Verstandes sein, in den sich Momente des Lebens als Engramme eingraben, die mit Schmerzen und Bewußtlosigkeit verbunden sind. Und diese Engramme werden ja für alle möglichen Unfähigkeiten in diesem Leben verantwortlich gemacht.

Andererseits wurde dort auch definiert, daß außerdem "elektronische Einpflanzungen" in den Zeiträumen "zwischen den Leben" von den "Invasoren" unseres Planeten im "reaktiven Verstand" vorgenommen werden.

Ich wurde daher als "Clear" bestätigt, als ich "entdeckte", daß ich keinen "reaktiven Verstand" mehr hatte und mir deswegen keine "elektronischen Einpflanzungen" mehr "zwischen den Leben" gemacht werden konnten.

Zu den Sitzungen des CCRD war ich sehr angespannt und mit sehr großer Angst vor möglichem Versagen gegangen. Die Sitzungen kamen mir unendlich lang vor mit unzähligen Fragepaketen.

Dauernd befürchtete ich, daß die im voraus bezahlten Auditingstunden nicht ausreichen würden. Der Auditor hatte nämlich die Anweisung, beim Beginn des letzten zur Verfügung stehenden Stundenpaketes (= 12 Std.) dann keine neue Sitzung zu geben, bis Reservepakete nachgekauft waren.

Dies verursachte "tragische" Reaktionen bei einigen Freunden und brachte mich unter dauernden Zwang, so schnell wie möglich voranzukommen. Sogar die Möglichkeit, daß ich mein seit Monaten angestrebtes Ziel nicht erreichen würde – das im Leben "einzig wichtige Ziel" – sowie die Möglichkeit des eventuellen Zurückreisens mit unerledigten Dingen und der Notwendigkeit einer eventuellen erneuten, einer zweiten Anreise nach den USA setzten mich unter unerhörten Streß.

Als ich dann doch noch endlich das "EP" hatte, ist mir ein wahrer Berg vom Herzen gefallen.

Es war eine unheimliche Erleichterung, endlich das erreicht zu haben "was ich seit Milliarden von Jahren nicht erreichen konnte." Ich weinte vor Freude und umarmte jeden, der mir in den Weg kam.

Ich hatte ein Ziel erreicht, das viele noch vor sich hatten, das mich Jahre harter "Arbeit" gekostet hatte, aber das mich nun "für immer befreite".

Danach begann ich mit den Sitzungen, die L-11 und 12 genannt werden. Die Kurse heißen L's, weil es hier um Listen von Fragen geht, die der Auditor ablesen, stellen und eventuell in seinen Unterlagen ankreuzen muß.

Hierfür wurden Auditoren der maximal möglichen Klasse, der Klasse 12, eingesetzt. Mein Auditor hatte angeblich noch mit L. Ron Hubbard persönlich zusammengearbeitet. Es war für mich das höchste aller Gefühle, ich war unter der Creme de La Creme zugelassen worden.

Beim Verlesen der Fragen mußte ich am E-Meter angeschlossen sein. Der Auditor bewies dabei höchstes Training, da er praktisch alles gleichzeitig machte: das E-Meter bedienen und einstellen, ablesen, notieren, mir in die Augen sehen und die Fragen vorlesen. In allem war er so sicher, daß man sah, daß ihm keine Fehler unterlaufen würden. Vor einigen Fragenpaketen gab mir der Auditor einen Text zu lesen.

Die Sitzungsstunden für die L's waren horrend teuer, und ich ärgerte mich, daß ich wertvolle Minuten verschenken mußte, nur um einen Text zu lesen. Einer der Texte sagte z.B., daß wir in Urzeiten Epochen und Gesellschaftsformen erleben mußten, bei denen wir durch den "bösen Blick" anderer geschädigt wurden. Über dieses Thema stellte er mir dann verschiedene Fragen.

Das versprochene Ziel der L-11 war die Wiederherstellung der vollen Fähigkeit des "Havingness" (=die Fähigkeit mit Besitztum umzugehen, der Wohlstand). Unter anderem auditierte man mir eine Erinnerung, bei der ich Offizier in einem Raumschiff gewesen sein soll, mit der Aufgabe, die Zivilbevölkerung in einem Raumschiff unterzubringen, kurz vor einer großen Katastrophe auf jenem Planeten. Ich erteilte den Passagieren Verhaltensanweisungen. Hauptsächlich betonte ich, daß sie "in-ethics" bleiben sollten, sie sollten also die (Scientology) Ethiken einhalten.

Ich kam für mich und für mein Leben zu der Überzeugung, daß ich viel Wohlstand erzielen würde, wenn ich mich an die Ethik von Scientology hielte und daß diese Ethik der einzige Weg zu Macht und Wohlstand sei. Durch"Out-ethics" würde ich beides verlieren.

Mit dieser "Cognition" (= Schlußfolgerung) bestand ich die L-11.

Das Ziel der L-12 hingegen war es, eine sehr starke Selbstsicherheit zu erlangen, also das "Beingness" (das Sein, das Wesen) zu stärken. Aus einer der Unterlagen las mir der Auditor nur eine Liste von Worten vor. Als er damit fertig war, sagte er mir, daß angeblich die Nadel des E-Meter bei einem Wort ausgeschlagen hatte. Natürlich konnte ich, wie immer, die Nadel während der Sitzung nicht sehen, sondern mußte dem Auditor glauben, was ich auch unterwürfig tat. Er sagte mir, das Wort sei "göttlich?" Ich fragte: "göttlich? und er bestätigte es mir noch einmal und sagte: "Ja".

Dadurch kam ich zu der großen "Cognition" (= Schlußfolgerung), daß ich Mitglied von jener Gruppe von Thetanen war, die zusammen sich dieses Universum geschaffen hatten, mit der Absicht, für sich ein kompliziertes Spiel zu schaffen, um zu spielen und sich zu zerstreuen und gegen die Langeweile anzugehen. Es war ein astronomisch komplexes Spielzeug, um eben himmlische Intelligenzen zu befriedigen. Mit dieser Schlußfolgerung bestand ich die L-12.

Mit diesem "Wissen" über mich hatte ich natürlich ein unerschütterliches Selbstvertrauen erlangt. Wenn ich also einer der Schöpfer dieses Universums war, wer konnte mir denn dann noch überlegen sein? Das überlegene Wesen war dann doch immer ich!

Heute frage ich mich selbst: Wenn man dies nicht als von Scientology verursachten Wahnsinn betrachtet, dann verstehe ich die Welt nicht mehr. Ich war ja schlimmer dran als der typische Bewohner einer Irrenanstalt, der seine rechte Hand auf den Magen legt und behauptet, er sei Napoleon. Wenn Scientology tatsächlich die geistige Gesundheit erzielen wollte, dann hätte man meine Entwicklung nicht erlauben dürfen. Im Gegenteil: sie hätte alles unternehmen müssen, meine Entwicklung zu stoppen.

Aber nein: ich war ja ein Held! Alle bewunderten sie mich und schätzten mich, auch wenn ich nicht weiß, wer außer mir sonst noch all dies über mich wußte, außer den Auditoren, Fallüberwachern und Ethikoffizieren.

Und Fehler vom Auditor sind bei der Klasse 12 ausgeschlossen: es wurde strikt nach Scientology-Technik vorgegangen und das erzielte Resultat fiel nicht aus dem üblichen Schema.

Ich meine, das Teuflische waren also die ganzen Vorschriften, Anweisungen und die gesamte "Technik" von L. Ron Hubbard.

Nach der L-12 fühlte ich mich als der Supermensch "par excellence", unschlagbar in diesem Universum, Selbstsicherheit also in Hülle und Fülle! Natürlich ergab dies auch eine phänomenale Arroganz. Noch heute habe ich Schwierigkeiten, meine Gefühle zuzulassen und die Gefühle der anderen richtig zu spüren und zu deuten. Manchmal komme ich mir wie ein geistig Amputierter vor.

Nachdem es sich in den Auditingsitzungen laut den Auditoren, den "Staffs" und den internen Vorschriften um eine "neue Wissenschaft" handelte, welche Außenstehende nicht bekannt sein konnte, und um mit den eigenen "Erinnerungen" die anderen Mitglieder nicht zu beeinflussen, war es mir strengstens verboten, mit anderen über meine "Gewinne" und den Inhalt der Sitzungen zu sprechen. Die Außenstehenden konnten unmöglich mehr wissen als ich und hätten mich daher nicht "verstehen können". Daher konnte ich nie außerhalb der Gruppe um Rat fragen und schon gar nicht mit irgend jemanden über diese Themen sprechen. Man sollte also immer der Meinung sein, das was man "entdeckte", selbst entdeckt zu haben, ohne den Einfluß von Erfahrungen anderer Mitglieder. Dadurch war man "sicher" über die Einzigartigkeit des eigenen Weges durch Scientology und voll von dessen Echtheit überzeugt. Seltsamerweise fiel es mir dabei aber gar nicht auf, daß L. Ron Hubbard selber in seinen Vorträgen und Texten so viel über diese Geschichten sprach und diese Schlußfolgerungen selbst suggerierte.

Wenn ich also etwas erfragen oder erfahren wollte, konnte ich nur auf die erwähnten internen Wörterbücher zurückgreifen, oder Texte lesen oder den Auditor fragen; ich konnte keinen neutralen oder unbefangenen Rat oder Kommentar einholen.

Das ganze System war auch darauf ausgerichtet, daß peinlichst keine Meinungen von "draußen" zugelassen wurden. Wenn es mal abweichende Meinungen gab, so wurden diese schnellstens korrigiert. Das System war konsequent und absolut wasserdicht. Diese Isolierung bewirkte bei mir eine tiefe Verankerung meiner Phantasien, noch dazu weil ich deswegen meinte, Kenntnisse zu besitzen und Wahrheiten zu kennen, zu denen Außenstehende keinen Zugang haben konnten. Aus meiner Phantasiewelt konnte ich nicht ausbrechen, nur tiefer hineinrutschen. Ich mußte einsam mit mir selbst leben. Ich fühlte mich wie eine Wissenschaftler, der äußerst wichtige und revolutionäre Dinge entdeckt hatte. Dies verursachte mir ein sehr starkes Überheblichkeitsgefühl; da die Doktrin die einzige war, die mich darin bekräftigte, fühlte ich mich immer mehr an Scientology gebunden.

Somit baute sich mir gegenüber Dritten eine Mauer der Nichtkommunikation auf, weil ich mit ihnen nichts besprechen konnte. Ich geriet vielmehr immer tiefer in die Abhängigkeit der Gruppe. Nur mit den anderen Mitgliedern konnte ich teilweise Kommunikation haben, denn sie waren die einzigen, die meine Denkungsweise verstehen, meine Begeisterung teilen, mein "Gedankengebäude" und dessen seltsame Schlußfolgerungen und Logiken verstehen konnten.

Immer mehr zog ich mich von meinen früheren Bekannten zurück, da mich deren Konversationsthemen immer weniger interessierten: ich fand sie banal und oberflächlich, sehr primitiv im Verhältnis zu meinen "viel tiefergehenden und faszinierenden Abenteuern". Das einzige Gesprächsthema, das mich wirklich faszinierte, konnte ich mit niemandem besprechen. Somit wurden die Außenstehenden langsam zu "armen Ignoranten". Mein Überheblichkeitsgefühl warf mich somit immer mehr in die Arme der Gruppe. Schrittweise entfernte ich mich immer mehr von der Realität und sehnte mich immer mehr danach, mich zu verbessern und die großen Endziele zu erreichen. Dadurch wurde ich auch immer beeinflußbarer durch die Gruppe. Natürlich unterstützten mich die "staffs" und die anderen Mitglieder in meiner Begeisterung, sie machten mir Mut und ließen mich wie in einer Familie fühlen, geschützt von der häßlichen Außenwelt voller "unterdrückerischer Personen".

(Später werde ich dann noch darauf eingehen, wie dies die "andere" Seite, hauptsächlich meine Familie, ertragen mußte.)

Auf diesem Planeten ,so wurde mir gesagt, seien wir wie in einem Gefängnis, in welchem wir die Gefangenen sind, überwacht von "außerirdischen Invasoren", welche die unterdrückerischen Personen (= 2,5 % der Bevölkerung, hauptsächlich Psychologen und Psychiater) als Gefängniswärter verwenden.

Aber leider war das noch nicht alles. Nach Flag und den L-11 und L-12, beschäftige ich mich weiterhin mit dem Inhalt dieser L's. Diese zwei Kurse hatten mich tief beeindruckt und aufgewühlt. So hatte man mir bei der L-11 immer eine Schlüsselfrage gestellt. Immer wenn mir eine "Erinnerung" auditiert wurde, fragte mich der Auditor zuerst, wer mir etwas getan hatte. Dann plötzlich fragte mich der Auditor, was ich denn dem anderen getan hatte. Die Auflösung, Schlußfolgerung oder "Cognition", die dann erlösend das Durchgehen der Erinnerung beendete, war dann immer die Einsicht, daß ich selber etwas angestellt hatte, daß ich (!!!) also immer schuld war. Ich löste also die "angestauten Erinnerungen" immer mit einem Schuldbekenntnis. Damit war dann der Auditor zufrieden und ging zur nächsten Erinnerung über.

Dadurch bekam ich langsam die Überzeugung, daß ich durch meine Fehler selbst schuld an meinem Schicksal war, an einer so tiefen Stufe der Spirale der nachfolgenden Leben gelandet zu sein.

Danach merkte ich jedoch, daß ich nach den Sitzungen irgendwie immer aufgebaut wurde. Ich hatte natürlich begriffen, daß ich meine "früheren Fehler" nicht wiederholen wollte. Ich wollte und mußte also in Zukunft den "richtigen Weg" gehen, und das war der Weg innerhalb der Ethik von Scientology.

Das so in mir künstlich aufgebaute Schuldgefühl hatte mich zu einem "gläubigen" und "folgsamen" Anhänger der Ethik von Scientology gemacht. Bei der L-11 also wurde ich auf die Schlußfolgerung hinsuggeriert, daß "Havingness" (s.o.) nur unter der strikten Befolgung der Ethik von Scientology erzielt werden kann.

Das Resultat: ich wurde zum geistigen Sklaven der Ethik von Scientology.

Zur besseren Verdeutlichung erwähne ich ein Beispiel einer "Erinnerung", die nach jenem Verfahren auditiert wurde. Ich war ein römischer Soldat und lief zu Fuß, als mich ein römischer Hauptmann zu Pferd mit seiner Lanze tötete. Als er dies tat, brüllte er mich mit seiner sehr kräftigen und tiefen Stimme an. Er stieß seine Lanze in mein Herz. Ich war natürlich voller Haß gegen diesen Hauptmann.

Doch der Auditor fragte mich, was ich ihm denn getan hätte.

Bei dieser Frage stutzte ich erst, doch dann "erinnerte" ich mich, ein Verräter gewesen zu sein, auf der Flucht unterwegs zum Feind mit wichtigen Informationen. Ebenfalls meinte ich mir dann auch erklären zu können, warum ich mich von Personen mit tiefer und starker Stimme einschüchtern ließ: es war die unterbewußte "Erinnerung" an diesen römischen Hauptmann. Damit war diese "Erinnerung" zu Ende auditiert.

Zur Erinnerung: Menschen mit lauter Stimme waren eines meiner Alltagsprobleme.

Und wieder einmal waren so also meine realen Probleme plötzlich mit einer phantastischen Erklärung eigentlich wie aufgelöst. Ich war wieder einmal dazu gebracht worden zu glauben, ich hätte meine realen Alltagsprobleme zu einer (Auf-)Lösung gebracht.

Meine Gedanken über diese stark gefühlsbetonten "Erinnerungen" kreisten wie wild in meinem Kopf, Tag und Nacht. Und ich durfte mit niemandem darüber sprechen, da es sich um sehr "hohe" Kurse handelte, auch nicht mit anderen Mitgliedern.

Es trieb mich immer stärker in meine Phantasiewelt.


Kapitel III

Nachdem anfangs bei mir so etwas wie Neugierde geweckt worden war, begann allmählich bei mir auch die Indoktrinierung einzusetzen. Es wurde damit begonnen, meine Kenntnisse und die mir bekannten Begriffe durch die Definitionen der Doktrin zu ersetzen. Indem ein eigenes Vokabular verwendet wurde, welches mir vorher völlig unbekannt war, brachte man mich mittels Texten und des internen Wörterbuches von Scientology zum Lernen einer neuen Sichtweise. Jeweils nach solchen Lernvorgängen prüfte mich der Kursüberwacher, um zu sehen, ob ich die neuen Begriffe gelernt hatte. Um dies zu beweisen, mußte ich die Begriffe erklären, Sätze mit diesen Begriffen bilden und den Begriff mittels kleiner Gegenstände auf dem Tisch darstellerisch erläutern. Die Doktrin wurde mir somit mit sanften Hammerschlägen eingetrichtert und meine bisherige innergeistige Welt verdrängt und durch das Begriffsgebäude der scientologischen Doktrin ersetzt.

Bei diesem Austausch wurde mit sehr viel Geduld und Gründlichkeit vorgegangen. Überzeugt wurde immer mit der scheinbaren Begeisterung. Notwendige Voraussetzungen war der Kurs über die Studiertechnik von Scientology, der "Student Hat".

Vor allen Dingen jedoch wurde in mir eine starke Neugier und Sehnsucht nach höheren Graden geschaffen. Ich wollte immer mehr über diese "neuen Wahrheiten" und über "mich selbst" wissen. Immer wurden mir nur Teilangaben gemacht und die Hoffnung in mir geschürt, daß ich dann irgendwann später die umfassenden Antworten schon bekommen würde.

So las ich immer mehr und bekam meine Fragen nur teilweise beantwortet, doch immer neue Fragen wurden mir in diesen Texten aufgeworfen. Ich wandte immer mehr Zeit auf, um mich gedanklich mit Scientology zu beschäftigen. Ich dachte über die Doktrin nach und über die "irrtümliche" Art und Weise, in der die übrige Welt das Leben betrachtete. Ich dachte darüber nach, wie ich mit meinen durch Scientology gesteigerte Fähigkeiten die Probleme meines Lebens lösen würde.

Es wurde mir mit der Post sehr viel Propagandamaterial von Scientology geschickt. Darin wurden auch Briefe von angeblichen Mitgliedern abgedruckt, wo beispielsweise berichtet wurde, daß andere nach diesem oder jenem Kurs die finanziellen Probleme spielend gelöst oder die geistigen Fähigkeiten so zugenommen hätten, daß ein anderer Scientologe sich immer einen Parkplatz "bestellen" könnte.

Ich meinte dann schon, durch Scientology eine Art Zauberkraft erreichen zu können.

Die oberste erreichbare Stufe, der Grad OT-15, wurde mir definiert als ein Wesen, welches in der Lage ist, Materie, Energie, Raum und Zeit zu schaffen (!), so stand es auch auf den Tafeln der "Brücke zur Freiheit".

Nachdem man mir die ersten Grundlagen der Doktrin eingepflanzt hatte, verlor ich genügend logisches Denkvermögen und begann solchen Phantasien zu glauben. Dadurch entwickelte ich eine noch intensivere Sehnsucht, "befreit" zu werden. Es wurde für mich wie eine Sucht, von der ich mich nicht mehr befreien konnte.

Man überzeugte mich, daß nur die Texte von Scientology mir die Kenntnisse geben könnten, nach denen ich lechzte. Deshalb müßte ich andere Wissensquellen abweisen, weil diese nicht die wahren Zusammenhänge kennen würden.

Ich entfernte mich immer mehr von der "normalen" Welt und versank immer tiefer in die Lektüre und das Studium der Doktrin. Scientology war für mich zur Sucht geworden.

Ein Alkoholiker hat das Problem, daß er immer an Alkohol denken muß. Wenn er morgens aufwacht, denkt er schon darüber nach, wie er sich Alkohol besorgen kann. Wenn ich morgens aufwachte, dachte ich über Scientology nach und abends, wenn ich ins Bett ging, tat ich es immer noch.

Die Doktrin hatte in mir so viele Erwartungen geweckt, daß ich dauernd an meine bessere Zukunft durch Scientology denken mußte und wie leicht ich in Zukunft meine Probleme lösen würde; oft sogar dachte ich daran, wie ich meine zukünftigen Leben gestalten wollte.

Ich war überglücklich, das "Glück" gehabt zu haben, Scientology zu entdecken: "Die einzige Quelle der Wahrheit" und "der einzige Weg zur ewigen Rettung".

Bei jeder Gelegenheit bestätigten mir die Mitglieder begeistert, Scientology funktioniert.

Damit wurde auch für ein Fortbestehen der Begeisterung gesorgt. Ich lernte, daß es das Wichtigste im Leben sei, die "Brücke" hinaufzusteigen. Wenn Familienangehörige nicht mitmachen wollten, mußte ich mich von ihnen trennen, denn sie würden meine Rettung verhindern.

Auf diese Weise wollte man verhindern, daß ich zu Außenstehenden über die Doktrin sprach. Man wollte so Störungen bei der Indoktrinierung vermeiden. Mir wurde empfohlen, mich scheiden zu lassen.

Dieser Rat kam von englischen Mitgliedern aus der Organisation in St. Hill, welche mich besuchten und offensichtlich vorher meine persönlichen Akten gelesen hatte.

Auch bei anderen Mitgliedern sah ich Symptome dieser Sucht. Ihnen war z.B. das Geld ausgegangen und sie konnten daher nicht weiter auditiert werden. Sie weinten bitterlich. Es war wie bei Entzugserscheinungen.

Die Doktrin schafft also eine so starke Anziehungskraft, daß jeder Indoktrinierte Angst hat, daß er – wenn er einmal nicht mehr dazugehören sollte – dann nicht mehr weiter wüßte und ihm Scientology nach seinem Austritt diese Antworten verweigern würde. Auch würde dann ein Aussteiger nie erfahren können, wie er an die ganzen versprochenen Fähigkeiten je herankommen sollte. Deswegen ist es sehr schwer, einen Indoktrinierten von dem ganzen Lügengerüst zu überzeugen und davon abzubringen. Aus eigener Erfahrung kann ich dies bezeugen und unterstreichen.

Je mehr ich über Scientology nachdachte und mir meine Fragen von der Gruppe beantworten ließ, um so mehr war ich indoktriniert. Dadurch aber dachte ich immer mehr gleich den anderen Indoktrinierten. Sobald die Indoktrinierung fortgeschritten war, war mein geistiges Gedankengerüst immer mehr dem scientologischen "Standard" angepaßt.

Heute habe ich erkannt, daß das Ziel der Doktrin darin besteht, ein Heer von Mitgliedern zu schaffen, die alle die gleiche geistige Struktur besitzen, das gleiche geistige Gerüst an Gedanken und Begriffen, die gleichen Sehnsüchte, die gleichen Prioritäten im Leben, die gleichen Ziele und die gleichen Ängste. Eine geistige Uniformierung, gleich am Fließband gebauten geistigen Robotern, welche viel leichter zu befehligen und zu unterwerfen sind als ein Haufen geistiger Rebellen. Also ein Heer von geistigen Robotern, die leicht für die eigenen Ziele einsetzbar sind.

Ist dies die von Scientology versprochene Freiheit des Geistes?

Fällt dies unter den von Scientology verlangten Schutz der Gedankenfreiheit oder ist es nicht vielmehr geistige Versklavung?

In Flag in den USA steckten sich die dort zu Besuch befindenden Mitglieder gegenseitig mit ihrer Euphorie an. Es war wie ein ungeschriebenes Gesetz, daß man Euphorie ausstrahlen mußte. Tat man es nicht, so ließ man Gefahr, gefragt zu werden, ob denn etwas nicht stimme. Ich kann mich an einen Herrn erinnern, Ende fünfzig, der weinte, weil er nicht auditiert werden konnte. Alle gingen sie zu ihm, um zu erfahren, was ihn denn belaste. Als er dann sagte, daß man ihn nicht auditieren könne, weil seine "Nadel" (vom "E-Meter") nicht vorschriftsmäßig ausschlage, um eine Sitzung zu beginnen, entfernten sich die Fragenden verständnisvoll.

Ansonsten liefen alle wie glückliche Schulkinder herum. Mir näherte sich z.B. ein mir bis dahin unbekanntes Mitglied und erzählte mir, daß er einen Scientologen kenne, der in seinem Wagen fuhr, und als er an einer Ampel stand, riß er sich plötzlich die Brille vom Gesicht und warf sie zum Fenster hinaus, weil er sie dank Scientology nicht mehr brauchte. Heute weiß ich nicht, ob es sich um einen Besucher oder um ein Staff handelte, mit dem Auftrag, solche Märchen unter den Besuchern zu verbreiten. Denn natürlich trug ich gerade meine Brille, als man mir diese Geschichten erzählte.

Nach meiner Rückkehr von Flag versuchte ich einige Zeit, ohne meine Brille Auto zu fahren.

Meine Begeisterung zur Doktrin wuchs, ich konnte nicht mehr frei denken. Heute erfüllt mich Zorn und Wut darüber, was man mir angetan hat. Man hat mich eingewickelt, ohne daß ich es merken konnte, obwohl ich eine normale, offene und erwachsene Person war.

Als ich in den Mühlen von Scientology war, konnte ich mich nicht mehr befreien und ich hätte auch gar nicht den Wunsch gehabt, es zu tun, weil ich meine Situation nicht erkennen konnte. Ich hätte ewig so weiter gemacht und nichts Schlechtes daran gefunden. Weder aus eigener Initiative noch aus eigenen Kräften hätte ich mich aus dem Sirenengesang von Scientology befreien können.

Selbst heute noch muß ich gegen die Überreste der Indoktrinierung kämpfen. Nur ein so tragischer Vorfall wie mein Selbstmordversuch und dessen Folgen waren in der Lage, mich aufzuwecken. Ohne die unendliche Liebe und Geduld meiner Familie hätte ich es bestimmt nicht geschafft.

Als ich in Flag zu den Sitzungsräumen ging, wurde ich von verschiedenen "Staffs" angesprochen. Sie wollten mich immer überzeugen, etwas zu spenden oder zu kaufen und dabei indoktrinierten sie mich zusätzlich, indem sie mir wunderbare Dinge über Scientology oder L. Ron Hubbard erzählten. Wenn ich dann wieder leuchtende Augen vor Begeisterung hatte, wurde zugelangt und ich wurde zum Spenden gebracht. Es ging sogar so weit, daß sie mich aus dem Wartezimmer holten und mich zu ihrem Büro baten, wo sie dann von innen mit dem Schlüssel abschlossen, das Telefonkabel aus dem Stecker zogen und alles machten, um ungestört sein zu können, wenn ich bearbeitet wurde. Dabei wurde mir dann von dieser oder jener Kampagne erzählt, für die Spendengeld benötigt wurde.

Um mich in "Stimmung" zu bringen, wurde mir z.B. ein angeblicher Vortrag des Ex-Chefs des KGB zu lesen gegeben, in welchem er seine Taktik mitteilt, wie er die westliche Industrie unterwandern wollte. Dies sollte mit Hilfe von entsprechend indoktrinierten Psychologen und Psychiatern geschehen. Da die amerikanischen Manager fast alle zu einem Psychologen oder Psychiater gingen, seien sie von denen abhängig. Die aus der Sowjetunion eingeschleusten Psychiater und Psychologen sollten dann die Manager beeinflussen, aushorchen und ausspionieren und somit die Industrie und Wirtschaft der freien Welt unterwandern.

Die unterdrückerischen Personen auf diesem Planeten galt es also zu bekämpfen und dafür sollte ich mit meinen Spenden helfen, die Kriegskasse zu füllen.

Bei einer anderen Gelegenheit sollte ich für eine Buchkampagne im Ostblock oder für eine in Leder gebundene Luxusausgabe des Buches "Der Weg zum Glücklichsein" spenden. Diese Luxusbücher sollten dann bei den Mitgliedern der Vollversammlung der Vereinten Nationen verteilt werden, um zu zeigen, wie wertvoll Scientology sei. Diese Geschenke kosteten natürlich viel Geld und meine Spende deswegen unbedingt erforderlich.

So wurde ich immer mehr indoktriniert, ohne daß ich es eigentlich merkte, denn gleich nach der anfänglich erzielten Psychomutation war eigentlich alles für mich ganz normal. Immer mehr vertiefte ich mich in eine Welt, die ich unter normalen Umständen und bei normalem Menschenverstand nie akzeptiert hätte. Ich hatte nicht die vielen gleichzeitig verwendeten Faktoren gemerkt, die meinen Verstand veränderten. Und einmal drinnen und abhängig merkte ich nicht meinen Zustand, meine Unterwürfigkeit, meine geistige Abhängigkeit. Ich bäumte mich nicht auf, weil ich nicht wußte, daß ich versklavt war. Ich empfand alles in Ordnung, alles ganz normal.

Ich merkte nicht meine Verwandlung, ich hatte ja auch fast nur mit anderen Mitgliedern Kontakt. Zu ihnen merkte ich auch keinen Unterschied, da sie genauso verwandelt waren wie ich. L. Ron Hubbard schreibt auch in seinen Propagandaschriften: "Fühlst Du dich als Scientologe einsam? Dann umgib Dich mit Scientologen!" Nicht nur daß ich also nicht merken konnte, was mit mir los war, sondern es wurde eine solche Möglichkeit auch systematisch unterbunden.

Als ich in Flag war, durfte ich keinen Leerlauf haben. Zwischen den Auditingsitzungen mußten die Notizen des Auditors vom Fallüberwacher im Elfenbeinturm korrigiert werden. Dadurch ergaben sich zwangsläufig Wartepausen für mich. Damit ich aber nicht einfach nur so herumsitzen mußte, wurde mir auferlegt, in dieser Wartezeit zum Studienraum zu gehen und den "Student Hut" zu studieren.

Diesen Kurs hatte ich in meiner Heimatstadt schon bezahlt gehabt, aber ich mußte in Flag einen Aufpreis nachzahlen, weil laut internen Vorschriften eine übergeordnete Organisation wie Flag höhere Tarife verlangen darf. In diesem Kurs lernte ich die Lerntechnik von Scientology und wurde damit wiederum einer massiven Indoktrinierung unterzogen. Im Studienraum, mit ca. 40 weiteren Studenten, mußte ich lernen und nach jedem Kapitel beim Studienüberwacher eine Prüfung bestehen. Dort saßen auch 10-12jährige Kinder, die aus den gleichen Scientology-Unterlagen lernten wie wir Erwachsenen. Sie fragten sich gegenseitig das Gelesene ab. "Erkläre mir dieses Wort, ...gib mir ein Beispiel damit, ...Bilde einen Satz damit, ...mache mir ein Demo,..." Somit war ich dauernd unter Druck und überwacht, sei es studierend oder in den Sitzungen. Am Abend war ich nur noch müde.

Das Beschreiten der "Brücke" hatte somit für mich zwei Ziele. Das eine Ziel, mich mit dem mittleren Grad "CLEAR" von der Gefahr, nochmals in diesem Planeten "gefangengenommen zu werden", zu befreien, hatte ich schon erreicht. Mit den höheren Graden wollte ich meine übermenschlichen Fähigkeiten des Thetans wiedererlangen.

So wollte ich ja dann als OT-15 fähig werden, Materie, Energie, Raum und Zeit zu schaffen, so wie das auf den Tafeln der Brücke geschrieben stand.

Fest an diese Dinge glaubend, nach der Seelenwäsche, die ich durchgemacht hatte und der seelischen Versklavung, der ich ausgesetzt war, war ich von diesen Theorien voll überzeugt und entfernte mich immer mehr von der Realität.

Wenn ein Ertrinkender von jemandem an die Wasseroberfläche gebracht wird, dann wird dieser als Retter begrüßt. Wird der Ertrinkende hingegen hinabgezogen, so ist dies eine "unterdrückerische" Handlung, der Unterdrücker ist ein Feind und darf als solcher auch angegriffen und notfalls in Notwehr getötet werden.

Nach eigenen Behauptungen von L. Ron Hubbard ist die Scientology "der einzige Weg zur Rettung", so wie für den Ertrinkenden die Wasseroberfläche. Daher ist Scientology der willkommene Retter. Die unterdrückerischen Personen, die Gegner von Scientology, dürfen hingegen bekämpft werden. Dieser Kampf ist natürlich Notwehr und alle Mittel sind erlaubt.

Ich glaubte inzwischen alles, was die Doktrin mir sagte. Die Texte von Dianetik und Scientology (wie z.B. "The Philadelphia Doctorate") sagten mir, daß wir Gefangene auf diesem Planeten sind und bleiben würden, außer wir würden den "einzigen Weg zur Rettung" (=Scientology) gehen. L. Ron Hubbard sagte sogar, daß wir uns auf einer hinaufsteigenden Spirale von nachfolgenden Leben bewegen würden, wobei die Zukunft nur noch schlechter werden würde. Dabei würde es uns noch relativ gut gehen im Vergleich zu anderen Thetanen, die bereits weiter unten auf jener Spirale seien. Diese würden in Körpern von Tieren leben, andere in den Zellen der Därme oder wieder andere nur noch in Pflanzen; und diejenigen, denen es am schlechtesten geht und die vollkommen apathisch sind, würden als Steine ihr Dasein fristen.

Es wurde mir mehrfach wiederholt, daß Außenstehende uns nicht verstehen könnten, weil sie keine "Realität" haben könnten zu unseren Kenntnissen. Deshalb könnten sie auch nicht wissen, was in unserem Universum vorgehen würde, insbesondere was der selbsternannte "Held" L. Ron Hubbard "entdeckt" hätte. Wenn also die anderen die "Wahrheit" nicht verstehen konnten, dann konnten sie um so weniger den Weg zur Rettung erkennen und begreifen.

Ich lernte, daß wir als Bewohner von anderen Galaxien kamen, friedlich waren und von Invasoren anderer Zivilisationen besiegt wurden. Dabei bediente man sich sehr komplizierter Roboter, mit ausgeklügelten Fähigkeiten ausgestattet, spezialisiert um uns zu besiegen. Als wir besiegt waren, wurden wir in untertänige Zivilisationen verwandelt. Unser Geist sei so sehr versklavt gewesen, daß diejenigen, denen revolutionäre Gedanken kamen, sich sofort zu den "Behörden" begaben, dort beichteten und sich einer erneuten geistigen Behandlung unterzogen. So die Lehre Scientologys.

Ich war in Schrecken versetzt, ich hatte Angst, in kommenden Leben die Spirale weiter nach unten gehen zu müssen. Angeblich konnte ich nur im gegenwärtigen Zustand als Mensch die Gelegenheit wahrnehmen, mittels Scientology den Teufelskreis zu durchbrechen und mich gegen die Invasoren und deren elektronische Einpflanzungen zu wehren. Und ferner sollte ich diesen Planeten verlassen, um unsere unterdrückte Galaxie befreien zu helfen. Es wurde in mir künstlich eine Art Torschlußpanik verursacht, ich mußte so schnell wie möglich die "Brücke" hinaufsteigen, koste es, was es wolle.

Nachträglich sehe ich heute, wie durchsichtig das billige Spiel war, das mit mir gespielt wurde. Zuerst wurde in mir eine große Begeisterung geschaffen mit dem Angebot der ewigen Rettung, ja ich konnte sogar unsere ehemalige Zivilisation retten helfen (= ein schöner, gangbarer Weg). Auf der anderen Seite wurde ich terrorisiert mit angsterregenden Aussichten. Ich wollte nicht ins ewige Leiden und Dahinsiechen absinken (= kein gangbarer Weg). Von den zwei Möglichkeiten war ich so sehr überzeugt worden, daß ich logischerweise nur den heilbringenden Weg wählen konnte. Andere Wege wurden mir nicht offengelassen. Daher konnte ich nur einen Weg gehen: Scientology. Ich durfte daher auch niemanden bei Scientology verärgern, denn das hätte meinen Weg zur ewigen Rettung verbauen können, wobei ich speziell an die Ethik-Offiziere dachte. Ich ließ somit alles über mich ergehen und ging wie ein Gefangener unterwürfig den vorgeschriebenen Pfad entlang. Es war schier unmöglich für mich, aus diesem Teufelskreis zu entkommen. Ferner lernen die Auditoren und die "Staffs" im sogenannten "Ton 40" zu sprechen. Dies wird ihnen in einer der Grundausbildungen, den "TR's" (training routines" beigebracht. Es handelt sich um eine sehr sanfte Art zu sprechen, die gleichzeitig jedoch sehr entschieden wirkt und keinen Widerspruch zuläßt. Dies verursachte bei mir absoluten Gehorsam. Das heißt, ich war nicht nur unterwürfig, sondern auch ohne eigenen Willen.

Betrachte ich rückblickend meine Indoktrinierung, so war eigentlich der Inhalt dieser science fiction-Märchen nebensächlich. Das Teuflische war das System, das mich zum geistigen Sklaven gemacht hatte. Als normaler Mensch hatte ich vor meiner Zeit in Scientology eine ganz klare Trennlinie zwischen dem, was ich glaubte, und dem, was ich wußte. Für beide Bereiche hatte ich ganz klare Begriffe, Verhaltensformeln und Ansichten. Mit dem, was ich "wußte", wußte ich, was ich im Leben zu tun oder zu lassen hatte.

Ich kannte auch genau die Grenzen dessen, was man als "Glaube" bezeichnet und wie ich dadurch meine Entscheidungen zu beeinflussen bereit war. Die Doktrin und das System von Scientology zerstörten jedoch teilweise meinen Bereich des "Wissens" und bauten ihn, anders strukturiert, wieder in mir auf. Aus meinem Bereich des "Glaubens" wurden die größten Teile ebenfalls zerstört und – anders – wieder aufgebaut, jedoch dieses Mal als Bestandteile des Bereiches "Wissen". Somit dachte ich, über transzendentale Dinge nun genau Bescheid zu "wissen". Man hatte mich also davon überzeugt, Sachen zu wissen, wobei ich sie eigentlich ja nur glaubte zu wissen. Scientology hatte also meinen Bereich "Wissen" erweitert mit "transzendentalen" Märchen. In diesem neuen erweiterten "Wissensbereich" ging ich nun um, wie mit Sachen, die ich wußte, obwohl es nur Sachen waren, die ich glaubte. Ich dachte, mehr als die Durchschnittsmenschen zu wissen. Dadurch war ich in den Fängen von Scientology gefangen. Was in diesem Leben nicht zu den handfesten Dingen zählte, sondern Teil der Märchen von L. Ron Hubbard war, durfte und konnte ich jedoch mit niemandem besprechen. Mein Bereich "Wissen" über klare und festliegende Tatsachen wurde also künstlich erweitert. Dadurch wurde meine "reale" Welt größer als die wirklich nüchtern erfaßbare Welt, und ebenfalls dadurch wurde von mir eine Phantasiewelt als real wirkend in meine "reale" Welt eingebaut. Es wurde meine bisherige Grenze zwischen Wirklichkeit und Phantasie weggewischt, ich konnte nicht mehr klar zwischen Phantasie und Wirklichkeit unterscheiden.

So weit war ich gekommen, nur weil ich meine Persönlichkeit etwas verbessern wollte. Ich wollte keine neue Religion, ich wollte zu keiner Sekte. Hätte ich all dies vorher gewußt, hätte ich natürlich die Finger davon gelassen. Man köderte mich mit vordergründigen Märchen. Ich erlag einem Sirenengesang, wie die Seefahrer in der griechischen Sage. Es war ein sanfter Gesang, der mich unwiderstehlich anzog, ohne daß mich irgend etwas anderes noch interessieren konnte.


Kapitel IV

Durch die zahlreichen Gespräche, die vielen studierten L. Ron Hubbard-Vorträge, die vielen gelesenen Bücher versuchte ich meinen künstlich gewordenen Wissensdurst zu stillen. Ich glaubte inzwischen an die Doktrin. Dabei ist aus heutiger Sicht unfaßbar, woran ich zu glauben lernte. Ich lernte z.B., daß die Doktrin die "Brücke" in Stufen oder Grade unterteilte, angefangen vom untersten Grad des Neulings bis hinauf zum obersten Grad, dem OT-15. Dabei gibt es vier wichtige Zwischenziele, welche auch essentielle Stufen bei der Indoktrinierung darstellen:

1. den Grad "CLEAR"
2. den Grad OT-3
3. den Grad OT-8
4. den Grad OT-15

Ferner lernte ich, daß wir eigentlich Wesen sind, Thetane genannt, die in unseren Körpern hausen. Die Abkürzung OT bedeutet operierender Thetan, d.h. ein von seinen Fesseln befreiter Thetan, welcher seine Kräfte und Fähigkeiten wieder zu entwickeln beginnt.

Es wurde mir versprochen, daß ich nach Erreichen des Grades "Clear" von nicht-logischen Handlungen, welche in meinem "reaktiven Gedächtnis" als elektronische Einpflanzungen oder als "Engramme" schlummerten, befreit sein würde. Anfänglich wurde mir dieses Versprechen bezüglich der "Engramme" aus diesem eben gemacht. Erst bei fortgeschrittener Indoktrinierung begann man mir gegenüber von vergangenen Leben zu sprechen. Ferner sollte ich als "Clear" von verschiedenen möglichen Krankheiten befreit werden, hauptsächlich von den psychosomatischen Krankheiten, welche laut Scientology Ursache des größten Teils aller Leiden darstellen.

Für den Grad OT-3 wurde mir versprochen, daß ich von den Folgen von großen Katastrophen in vergangenen Leben befreit werden würde.

Beim Grad OT-8 hingegen sollte mir der Schleier gelüftet werden über die überirdischen Fähigkeiten der Thetane. Ich sollte meine volle Stärke wiedererlangen.

Für den Grad 0T-15 wurde mir versprochen, die Fähigkeiten zu erlangen, Materie, Energie, Raum und Zeit erschaffen zu können. Um dies zu bekräftigen, zeigte man mir die Tafel der "Brücke", auf der dies abgedruckt war.

Ich lernte, daß ich zum Bestehen der Grade in den Auditing-Sitzungen diejenigen "Tatsachen" selbst "entdecken" mußte, die mich zu den "Wahrheiten" führten, die die erlösende "Cognition" (Überzeugung) brachten und dann das "EP" (End-Phänomen) darstellten. Somit war dann das EP die Überzeugung die zum Abschluß des Grades führte. Ich stellte fest, daß auch die anderen Mitglieder fest an die Regel glaubten, daß man seine Entdeckungen selber machen muß. Um niemanden zu beeinflussen, durfte man keinem anderen seine Erfahrungen erzählen. Dadurch meinte ich, etwas über meine Person zu entdecken, das nur ich über mich wußte. Ich war Scientology sehr dankbar für diese "grundlegende Entdeckungen". Dies überzeugte mich natürlich noch mehr von der Doktrin.

Die Auditing-Sitzungen verursachten eine starke psychische Spannung, ein Vorgang, der dann mit einem entspannenden "Aha"-Effekt (die "Cognition") endete, welche dann als felsenfeste Überzeugung tief verankert blieb. In der Tat wurde ich jedoch durch Suggestion zu diesen Cognitions geführt, nur merkte ich dies nicht.

Als Beispiel hierfür möchte ich meine "Cognition" anführen, die mich zum Bestehen des Grades "Clear" brachte. Ich hatte zuvor des öfteren zwei Definitionen des Scientology-Wörterbuches gelernt. Diese Erleuchtung kam mir, als ich sinngemäß, während der Auditing-Sitzung, beide Definitionen geistig in Verbindung brachte.

Eine war die Definition von Clear: ein Thetan, der nicht mehr sein reaktives Gedächtnis hat.

Die andere handelte von den elektronischen Einpflanzungen in den Zeiträumen zwischen den Leben. Diese Einpflanzungen wurde im reaktiven Gedächtnis vorgenommen.

So kam ich beim CCRD in Flag zu folgender "logischen" Schlußfolgerung, "ich fühle, daß ich kein reaktives Gedächtnis mehr habe und daher können mir die Invasoren keine elektronischen Einpflanzungen mehr in den Zeiträumen zwischen den Leben vornehmen". Danach war ich unheimlich begeistert und euphorisch von meiner "Entdeckung". Diese Cognition hütete ich dann auch als eines meiner größten Geheimnisse. Speziell unterdrückerische Personen sollten nie den Weg zum Clear erfahren. Für mich persönlich hatte diese Cognition auch weitreichendere Folgen. Nachdem ich nun nach diesen Leben keine Angst mehr vor den Invasoren und deren elektronischen Einpflanzungen zu haben brauchte, hatte ich auch absolut keine Angst und keinen Respekt mehr vor dem Tod. Ich würde unversehrt das nächste Leben beginnen können.

Zum Grad OT-3 wurde mir gesagt, daß wir in vergangenen Leben durch riesige Katastrophen mußten. So z.B. wurden wir Thetane zu Zeiten einer riesigen Überbevölkerung von einem unterdrückerischen Diktator in einen Vulkan geworfen und man hat über uns eine Atombombe explodieren lassen. Dadurch wurden viele Thetane zerstört oder komprimiert und sie blieben an Körpern kleben wie Blutegel. Dadurch war es für mich logisch, daß die Cognition zum OT-3 lautete: "Ich fühle mich frei und rein von jeglichem externen Wesen".

Auf der Tafel der "Brücke" steht für den Grad OT-8, daß man "die enthüllte Wahrheit" erfährt und daß der Thetan seine "volle Kraft" wiedererlangt. Von da an beginnt der Thetan, die Verwendung seiner Fähigkeiten wieder zu erlernen, bis er beim OT-15 ankommt. Dann soll er wieder seine übermenschlichen Fähigkeiten haben und verwenden können. Ein Zauberer Merlin sei dann nichts im Vergleich dazu.

Ich lernte im Kurs über die "Ethik von Scientology", daß die Thetane ihre maximale Kraft entwickeln, wenn sie nach der Ethik von Scientology lebten. Wenn sie unethische Handlungen begehen, würden sie sofort Kraft und Gesundheit verlieren. Die zusammenfassende Grundlage der Ethik von Scientology ist das Überleben (im scientologischen Sinn). Alles was gegen das Überleben gerichtet ist, ist also unethisch.

Wenn man also bei OT-8 wieder das volle Potential der Kräfte des Thetans wiedererlangen will, so ist es hier logisch für mich, daß das Ziel der Suggestion lautet: man darf nur innerhalb der Ethik von Scientology handeln, um die maximalen Kräfte zu entfalten.

Da man bei diesem Grad die Regeln der Ethik von Scientology schon sehr gut kennt und auch voll respektiert, befällt den OT-8 bei dieser Cognition natürlich ein tiefes und befreiendes Gefühl, denn für ihn ist es einfach, diese von ihm akzeptierten Regeln anzuwenden. Er meint nun, das Geheimnis zur vollen Macht endlich erkannt zu haben und wird zum totalen Verfechter dieser Ethik. Da aber Scientology nach eigenen Angaben der einzige Weg zur Rettung ist, gibt es nichts, das mehr das (ewige) Überleben fördert und ermöglicht als Scientology. Scientology ist also für deren Anhänger Verteidigerin "par excellence" des Überlebens.

Wenn nun ein OT-8 die Ethik von Scientology und das Überleben als größte Aufgabe seines Daseins betrachtet, so verwandelt er sich automatisch in einen bedingungslos unterwürfigen Soldaten.

L. Ron Hubbard hat dazu aufgerufen, den gesamten Planeten "clear" zu machen und gegen die Unterdrücker zu kämpfen. Er hat zu seinem heiligen Krieg aufgerufen. Die Doktrin lehrte uns, daß Scientology sich im Krieg befindet. Deswegen hatte auch die Uniform von L. Ron Hubbard und von den Mitgliedern seiner "Sea-Organization" einen Sinn. Hubbard meinte Admiral dieser Flotte zu sein und die Wichtigkeit der Aktivitäten zur See sei so zu verstehen, daß es eben auf See angeblich Regionen gab, wo Scientology-Grade ohne Störungen von Unterdrückern erteilt werden können.

Das Wissen zur Erlangung der oberen Grade (ab 0T-8) aufwärts) sei so geheim und so gewaltig-gefährlich, daß es nur in elektronisch verschlossenen Ordnern und nur an Bord des Schiffes "Freewinds", fern von allem Zugriff der Unterdrücker, weitergegeben wird. In der Tat werden die Grade 0T-8 und darüber nur auf dem "Schiff" erteilt.

Somit sind meiner Meinung nach die OT-8 nichts anderes als Soldaten zum Schutz von Scientology, willenlose und fanatisierte geistige Roboter, Wächter der großen Geldkammer. Und im ausgerufenen heiligen Krieg von Scientology zur Eroberung des Planeten sind alle Mittel recht, im Krieg gelten ja andere Gesetzmäßigkeiten als im Frieden.

Wenn ich diese Logik weiterverfolge, so sind die Grade bis OT-15 hauptsächlich dazu da, daß sich der Anhänger von allen seinen persönlichen Problemen "befreien" kann, die er mit der Ethik haben könnte. Hat er dann in sich absolut keinen Widerspruch mehr zur Ethik, dann ist er ein Scientology nicht – widersprechendes und vollkommen gehorsames Wesen geworden.

Dadurch ist es für mich "logisch", daß der OT-15 sich als gottähnlich fühlt. Denn Gott hat uns als sein Ebenbild geschaffen. Und weil Gott unendlich geduldig, vergebend, großzügig und liebend ist, ist meiner Meinung nach die notwendige Cognition zum Abschluß des Grades OT-15 folgende: "Die einzige und wahre Kraft, die alles in diesem Universum bewegt, ist die Liebe. Von daher kommt meine Macht, solange ich im Rahmen der Liebe handele." Aber – und da ist wieder der teuflische Hintergrund – nur innerhalb der Ethik von Scientology kann es wahre Liebe geben. Deshalb besteht für einen OT-15 sein einzig akzeptierbares Universum aus Scientology, d.h. aber auch, daß die ganze erwähnte Liebe auf Scientology gerichtet werden muß und alles, was nicht Scientology ist, an Bedeutung verliert. Das "Universum" des OT-15 besteht also aus den Personen von Scientology. Wenn jetzt nun der OT-15 ein neues Mitglied anwirbt, dann hat er sein "Universum" um eine Person vergrößert. Nachdem aber Personen räumlich erfaßbar sind, Energie haben und verbrauchen und in unserer Zeitmessung leben, so hat der OT-15 mit dem neuen Mitglied in seinem "Universum" Materie, Energie, Raum und Zeit geschaffen. Dies wäre die Einlösung des Versprechen, dem obersten Grad die Fähigkeit des Schaffens der genannten Parameter zu ermöglichen.

Ein Resultat, das eigentlich keiner unter der formulierten Form erwarten würde. Der OT-15 ist also nichts anderes als ein Schlepper für Scientology.

Sollte dies nun für mich das Ziel sein von jahrelangen Kursen, Auditings, Lesen, Lernen, "Kämpfen", vom Bezahlen horrender Summen, die Familie, Karriere und Gesundheit zerstören?

Auch ich lief dem ersehnten Endziel OT-15 hinterher, träumte Tag und Nacht davon. Dieses Ziel bedeutete mir das Erreichen der Pforte zum ewigen Glück, zum ewigen Überleben, zur ewigen Freiheit. Dieses Ziel saß so tief in meinem Geist, daß ich fanatisch daraufhin arbeitete und bereit war, alles dafür herzugeben. Ich hatte dafür viel mehr Energie als der Lachs, der die Flüsse hinaufschwimmt. Heute komme ich mir wie ein Esel vor, dem man eine Stange auf den Rücken gebunden und eine Karotte an die Spitze der Stange gehängt hat. Wie der Esel hinter der unerreichbaren Karotte bin ich hinter den unerreichbaren Versprechungen von Scientology hinterhergelaufen. Eine geldgierige Maschine hat mich bis zum letzten Tropfen ausgesaugt.

Als ich zu der oben erklärten Schlußfolgerung kam, wurde das ehemals ersehnte Ziel wertlos. Alles, was ich bis dahin wegen Scientology unternommen hatte, konnte ich als Ausbeutung durchschauen. Als dieses Ziel des OT-15 wie eine Seifenblase zerplatzte, war für mich mit der Doktrin endgültig Schluß. Das Gedankengebäude von Scientology in meinem Kopf brach zusammen, mein Geist war ein Trümmerhaufen.

Wenn ich zurückdenke und sehe wie ich durch die Doktrin geistig versklavt war, versuche ich zu verstehen, wie dieser Mechanismus funktionierte. Damals hätte ich panische Angst gehabt, in eine Situation zu geraten, wo ich von Scientology getrennt nicht mehr die ersehnten Antworten auf so viele Fragen bekommen hätte können. Einmal aus der Gruppe draußen hätte ich nicht die "Brücke" hinaufsteigen können, wäre dem ewigen Verderben ausgeliefert gewesen. Daher gab es damals für mich nur eine Alternative: in der Gruppe zu bleiben, egal wie, egal zu welchem Preis, und allen Anweisungen zu gehorchen. Die wachsamen Augen der Ethik-Offiziere und deren Organisation waren überall.

Das Denunziantentum war vorgeschrieben und wurde gefördert. Das Wichtigste war die ewige Rettung, welche ich außerhalb der Gruppe nicht bekommen konnte. Ich hatte Angst, eventuell von der Gruppe losgelöst zu werden und war ein zahmes Wesen in den Händen von Scientology. Es waren keine Gitter oder Stacheldraht notwendig, um mich darin zu halten. Ich kam immer wieder hin, wie die Tiere zu ihrem Stall. Die Doktrin und deren Sehnsüchte wurden mir dauernd aufgefrischt, ich wurde mit Post und mit Anrufen bombardiert. Die Arbeit der "Staffs" wurde mit einem sehr filigranen und komplizierten System bewertet. Zwei sehr wichtige Bestandteile dieser Statistik waren die Anzahl der hinausgehenden Anrufe und Briefe.

Es war wie die Methode "Zuckerbrot und Peitsche". Die Peitsche waren die dauernden Erinnerungen daran, daß die nächsten Invasoren nicht so dekadent sein würden wie die jetzigen, weil letztere uns noch Zeit geben würden, uns vorher noch über die "Brücke" zu retten. Das hieß für uns Anhänger, daß wir keine Zeit verlieren sollten, die Dienste von Scientology in Anspruch zu nehmen. Es war das typisch amerikanische "buy now", "kaufe jetzt!", "unsere Telefone sind wieder frei ..." Ich sollte also noch Kaufverpflichtungen eingehen, solange die neu angefachte Begeisterungsflamme loderte. Danach hätte die Verkaufsanstrengung des anderen umsonst sein können, obwohl hier der künstlich hergestellte Zeitdruck für das Gesamtprojekt "Brücke" gemeint war. Auf der anderen Seite war die ewige Rettung der Zucker, der mir versprochen wurde.

Die "Brücke" war auf einer Tafel abgedruckt. Dabei bestand sie aus der "linken" und der "rechten" Seite. Auf der rechten Seite wurden die Stufen zur "Befreiung" dargestellt, während auf der linken Seite die Studiengrade angeführt wurden, die notwendig sind, um persönlich die verschiedenen Klassen der Auditoren zu erlangen. Je nach dem Grad der rechten Seite durfte nur ein Auditor entsprechenden Grades der linken Seite auditieren. Die rechte Seite ermöglicht es bis zum Grad "Clear" mittels bezahltem Auditing hinaufzusteigen. Danach werden die Grade mit Selbst-Auditing auch bis zum OT-15 hinaufgestiegen. Jedoch mußte für das Selbstauditing vorher auf der linken Seite mindestens der "Student Hat", die "Training Routines" und der "Auditor Klasse 0" absolviert werden. Obwohl die oberen Grade selbstauditiert wurden, mußte dafür sehr viel Geld bezahlt werden. Das Studium zum Auditor der Stufen auf der linken Seite war massive Indoktrinierung. Sie enthielt eine Unzahl von Kursen, viel Training, sehr viel Zeitaufwand (auch ein sogenanntes "Internat) und wenig Freiheit. In den Training Routines wurde anscheinend hauptsächlich die Unterwerfung trainiert. So hatte ich z.B. in den Studienräumen die Gelegenheit zu beobachten, wie der Student lange Zeit dem Studienüberwacher gegenüber saß und sie sich gegenseitig in die Augen sehen mußten. Wer mit der Wimper zuckte, fiel durch. Auch sah ich, wie ein Student lernen mußte, ungerührt die Fassung zu bewahren, wenn er überraschend von hinten angebrüllt wurde.

Die mir nahestehenden Personen wunderten sich über die Veränderung meiner Persönlichkeit. Da ich glaubte, einer Gruppe von Übermenschen mit erhöhten Fähigkeiten anzugehören, wurde ich arroganter. Ich sah die Welt nur noch durch die Brille von Scientology und vertrat nur mehr deren vorgefaßte Meinungen, daher akzeptierte ich kaum mehr die Argumente der Nicht-Scientologen und wurde immer zänkischer und besserwisserischer. Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, woher meine Familie soviel Geduld und Kraft hernahm, um mich zu ertragen.

Als ich dann von meinem Höhenflug in Flag zurückkam, verwandelte ich mich immer mehr in einen gefühllosen Roboter. Die Emotionen hatten mich praktisch verlassen. Die wenigen Male, wenn sie mich erreichten, überwältigten und beherrschten sie mich. Zu meiner Familie wurde ich immer kälter. So z.B. hatte meine Frau einen Nervenzusammenbruch und wurde von einer Freundin zum Arzt gebracht. Als ich nachträglich hinzukam, wunderte sich selbst die Freundin meiner Frau über meine Gefühlskälte und Teilnahmslosigkeit.

Der häufigste Kommentar, den ich später zu hören bekam, wenn ich meine Geschichte erzählte, war: "Mir könnte so etwas nicht passieren". Oft hörte ich, daß wohl eine besondere Veranlagung vorhanden sein muß oder besondere Umstände oder eigene Probleme, die jemanden zu einer solchen Gruppe treiben. All dies stimmt meiner Meinung nach nicht. Man wird nicht hingetrieben, man wird systematisch gesucht und eingefangen, selbst wenn dies mittels trügerischer Werbung erfolgt. Das ist auch die Erklärung dafür, daß ich Anzahl der Opfer so schwindelerregend hoch ist. Ich war zuvor ein ganz normaler Mensch und ich war bis dahin davon ausgegangen, daß ich aufgrund meines Wissens so viel Erfolg gehabt hatte (ich hatte es zum Teilhaber und Geschäftsführer eines Unternehmens gebracht). Das Studium war mir leicht gefallen und wegen meiner guten Menschenkenntnisse, die ich in vielen Teilen dieser Welt sammeln konnte, war ich mit meiner beruflichen Entwicklung sehr zufrieden gewesen. Zusätzlich hatte ich einen Managementkurs belegt und einige Kurse zum Erlernen von Schnell-Lesetechniken und Gedächtnistraining gekauft. Ferner lernte ich noch weitere Fremdsprachen, da ich mit bereits drei Sprachen eine gute Ausgangsbasis dafür hatte. Immer ging ich davon aus, daß mein Wissen mein bestes Kapital und die Basis meines Erfolges war. Ich suchte also gar nicht "Jenseitiges" oder Religiöses. Ich wollte ganz einfach meine Persönlichkeit verbessern. Aber die Psychomutation bzw. der Mind-Control wirkten so schnell auf mich, daß ich genauso schnell eingefangen wurde, wie eine Fliege, die sich auf das Fliegenband setzt und sofort daran kleben bleibt. Deswegen möchte ich zur Vorsicht mahnen und verstehe meine Geschichte als aufklärende Information. Nur wer weiß, wie Scientology seine Opfer ködert, der kann sich frei entscheiden, ob er da mitmachen will. Die große Zahl der Mitglieder aber ist ein Beweis dafür, daß nicht allein Problemfälle, sondern hauptsächlich zahlungskräftige Personen gesucht werden. Obwohl ich ein normaler Mensch war, habe ich eine Legion von Auditing –Sitzungen über mich ergehen lassen, nächtelang studiert und habe dann sogar felsenfest daran geglaubt, einer der Schöpfer dieses Universums zu sein. Ich war ein Begeisterter eines großen Bluffs gewesen. So frage ich mich mit Recht: was hat man eigentlich mit mir gemacht?

Das Wichtigste im Leben wurde für mich die nächsten Auditing-Sitzungen, die nächsten Stufen der "Brücke" hinaufzusteigen, die ewige Rettung. Ich mußte unbedingt irgendwann das Ziel des OT-15 erreichen. Meine Gedanken drehten sich wie wild um diese Angelegenheiten. Alles andere, meine Familie, meine Arbeit und meine Umwelt, verloren immer mehr an Bedeutung. Sie störten mich sogar, weil sie Aufwand und Zeit kosteten, die ich lieber in die "Brücke" investiert hätte. Am liebsten wäre ich Tag und Nacht bei Scientology geblieben, um schneller voranzukommen. Es war wie eine übermenschliche Kraft, die mich antrieb. Mein eigener Wille existierte nicht mehr, ich war eine Marionette in den Händen von Scientology.

Nach Abschluß jeder Stufe oder jedes Kurses mußte ich eine Erklärung schreiben und unterschreiben. Diese Erklärungen fielen "natürlich" immer begeistert über den jeweiligen Kurs aus. Diese Erklärung war die Voraussetzung für den jeweiligen Abschluß, denn ansonsten hätte das eine Wiederholung mit Verbrauch der teuren Auditing-Sitzungen bedeuten können.

Je mehr die Zeit verging und je mehr dadurch die Kraft der Suggestion zunehmen konnte, desto mehr nahm auch meine Begeisterung für Scientology zu. Dabei wurde auch die Bombardierung seitens der anderen Mitglieder und der "Staffs" immer heftiger und unverschämter, was meinerseits meinen Widerstand verringerte und meinen Gehorsam erhöhte. Ich bezahlte so wie man es von mir verlangte, oder besser ausgedrückt, so wie man es mir anordnete. Bei jedem Verkaufsgespräch wurde eine Drohung an mein Unterbewußtsein gerichtet: Wenn ich nicht kaufen würde, wäre offensichtlich mein Interesse am ewigen Überleben, und dadurch an der Gruppe, gestört. Wenn ich also nicht kaufte, zweifelte man an meinem festen Willen, den Weg zum ewigen Überleben überhaupt beschreiten zu wollen. Dies könnte also bedeuten, daß ich ein "PTS" (= Potential Trouble Source = Quelle möglicher Probleme) sei, also ein Fall für die Ethik-Offiziere. Und damit würden Schwierigkeiten für meine "Brücke" auftreten. Selbst die Begründung, ich hätte kein Geld mehr, wurde in den Wind geschlagen. Sofort wurde ich gefragt, wieviel Kredit mir denn meine Bank geben könne, wieviel mir denn meine Firma geben könne, was meine Firma denn so verdienen würde, was ich denn verdiene und wann man mir denn endlich die Beteiligung auszahlen würde, etc. Aber alle Gründe dafür, nichts mehr zu kaufen, wurden als vordergründige materielle Ausreden abgetan. Die ewige Rettung sei dagegen mit Abstand das Wichtigste. Wären aber für mich andere Dinge wichtiger gewesen, dann hätte ich Sitzungen zum Reparieren des Falles (case repairs) oder ähnliches befürchten müssen. Meinungsabweichungen oder Interesselosigkeit waren nicht erlaubt und alle mußten wir immer schön in Reih und Glied bleiben. Um also meinen Weg zur ewigen Rettung nicht in Gefahr zu bringen, unterwarf ich mich vollkommen den Forderungen der totalitären Organisation. Die Anweisungen wurden von mir strikt befolgt. Ich war gehorsam wie ein dressiertes Tier.

Einmal war ich mit meinem Sohn bei meinem Fallüberwacher (case supervisor), weil ich unseren Sohn mittels eines Gespräches auch zum Beitritt in Scientology bewegen wollte. Unser Sohn kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Er sah, wie ich zu allem, was der CS sagte, immer nur begeistert nickte und zustimmte. Dabei mußte unser Sohn innerlich nur noch den Kopf schütteln über den Blödsinn, den der CS erzählte.

Meine Frau fragte mich sehr oft über meine Kurse, über mein Verhalten und über meine veränderte Persönlichkeit. Immer beruhigte ich sie, sie brauche keine Angst zu haben, es sei doch alles in Ordnung. Dabei stürzte ich bereits die ganze Familie ins Unglück. Irgendwie strahlte ich meine Begeisterung für Scientology so sehr aus, daß ich damit unbewußt begann, den Widerstand meiner Frau zu manipulieren. Ich vermittelte ihr meine Überzeugung von einer sicheren Zukunft und einer besseren Menschheit. Ich wurde von der scheinheiligen Werbung von Scientology eingefangen und diese Scheinheiligkeit gab ich weiter. Da ich meiner Frau sehr nahe stand, sie sehr gut kannte und sie zu mir vollkommenes Vertrauen hatte, fiel es mir leicht, sie zu beeinflussen und ihr etwas vorzumachen.

An Dingen, die nicht Scientology betrafen, hatte ich kein Interesse mehr. Ich las und studierte monatelang bis spät in die Nacht hinein, manchmal bis zum Morgengrauen. Das Familienleben interessierte mich nicht mehr und mir blieb für nichts mehr Zeit. Selbst meine Geschäftspartner kritisierten mich wegen meines schlechter werdenden Verhaltens gegenüber meiner Frau. Sie beanstandeten ebenfalls mein Verhalten ihnen gegenüber, weil ich arrogant und abweisend geworden wäre. Zu Hause beschwerte sich meine Familie darüber, daß ich öfters schweigend und meditierend dasaß, mit geöffneten Augen ins Leere starrend, ohne mich zu bewegen. Andere Male tat ich es mit geschlossenen Augen. Im Geiste ging ich den Inhalt der Sitzungen der L-11 und L-12 durch. Ich weiß noch, wie viele Gedanken mir damals durch den Kopf jagten und ich durfte mit niemandem darüber reden. Ich schwebte in anderen Welten und den armen Unwissenden, wie z.B. meiner Familie brachte ich nur Verachtung entgegen.

Oft kam meine Frau zum Zentrum, um mich nach den Auditing-Sitzungen abzuholen. Sie machte es, damit man mich anschließend nicht noch mit sehr langen Gesprächen aufhielt.

Nach Flag in Florida wollte ich zuerst alleine reisen. Ich hatte sogar schon mein Visum in der Tasche. Glücklicherweise setzte sich dann aber meine Frau durch und reiste mit. Sie wolle mich nicht alleine hinreisen lassen, schon alleine aus ihrem Gefühl heraus. Ich glaube, es wäre sonst auch eine Katastrophe geworden. Schon vor der Abreise hatte ich horrende Geldsummen nach Clearwater gezahlt. Das war aber anscheinend noch nicht genug. Es war, als ob sich dort eine riesige Zange in Bewegung gesetzt hätte, um noch mehr Geld aus mir herauszupressen. Die sogenannten Registrare (zuständig dafür, die erfolgten Zahlungen zu prüfen und dann grünes Licht zu geben, damit die Kurse beginnen können) waren sehr listige Profis mit sehr gut trainierter Menschenkenntnis und Personenführung. Natürlich schafften sie es, mir noch mehr zu verkaufen. Und wenn ich mich innerhalb des Gebäudes bewegte, lauerten mir zusätzlich andere Staffs auf, um mich zu einem Gespräch einzuladen und zu versuchen, mir irgendeine Dienstleistung zu verkaufen oder mich zu einer Spende für irgendeine Kampagne zu überreden. Ich war dann schon irgendwie weich geklopft, mein innerer Widerstand war vollkommen gebrochen. Immer wieder schafften sie es, in mir die Angst zu wecken, die Brücke nicht weiter emporsteigen zu können, wenn ich nicht spendete. Denn es war Vorschrift, PTS-Leute sofort der Ethik-Abteilung zu melden (wenn man nicht selber Schwierigkeiten haben wollte). Sogar der Studienüberwacher, in dessen Saal ich während der Wartezeiten studieren mußte, verlangte von mir das schriftliche Versprechen, ihm einen Ring mit dem Scientologyemblem abzukaufen. Wäre nicht der energische Widerstand meiner Frau gewesen, hätte ich sogar auf das im voraus bezahlte Hotelzimmer verzichtet, um im Hotel von Scientology zu schlafen. Natürlich hätte ich dies zusätzlich bezahlen müssen und hätte das Geld für das andere Hotel verloren.

Dank meiner Frau schliefen wir also wenigstens nicht im "Fort Harrison". Während meine Frau tagsüber im Hotel wartete, verbrachte ich den Tag in Flag, weiter auf meinem Weg zum geistigen Roboter.

Besonders eindrucksvoll fand ich es, wie abends im Studienraum die Unterrichtszeit beendet wurde: Der Studienüberwacher brüllte militärisch "That's it!" und alle hörten auf zu lernen, füllten die Blätter über ihre eigenen Studienstatistiken des Tages aus und gaben alle Unterlagen geordnet ab.

Zuvor jedoch standen alle auf und applaudierten – andächtig aufschauend – einem an der Wand hängenden Foto von L. Ron Hubbard.

Am letzten Tag meines Aufenthaltes in Clearwater hätte ich noch einmal wegen einer Überprüfung zu einer Auditing-Sitzung kommen sollen. Meine Frau überzeugte mich, daß ich nicht mehr hingehen sollte, und ich habe dann telefonisch den Auditor überzeugt, daß es für mich unnötig sei zu kommen. Ich merkte, etwas Großes erreicht zu haben, führte es jedoch auf meine Stärke als übergroßes Wesen zurück, so als ob sich meine größere Stärke durchgesetzt hätte.

Damals war ich deswegen stolz auf mich, heute bin ich stolz auf die geistige Größe meiner Frau.

Nach der Rückkehr von Flag war ich arroganter als ein kaiserlicher Pfau. Meine überzogene Selbstsicherheit machte mich unsympathisch. Alle, selbst meine Angestellten, merkten es. Meine Arroganz gestatte keine Ratschläge, denn ich - einer der Schöpfer dieses Universums - wußte nun alles und weil ich so viel von L. Ron Hubbard studiert hatte, wußte ich nun Antworten auf fast alle Fragen. Gegenüber Scientology und seinen Leuten hingegen war ich sehr unterwürfig und war folgsam wie eine Marionette.

Die Indoktrinierung ersetzte meine bisherigen Kenntnisse und Begriffe, das Leben zu sehen und zu verstehen und meine Art und Weise zu denken. Sie wurden ersetzt durch Definitionen und Begriffe der Doktrin. Beim Studium der Texte bekam ich erklärt, daß dieser oder jener normale Begriff nicht mehr richtig war, weil L. Ron Hubbard die wahre und richtige Bedeutung entdeckt hatte. Wichtigstes Instrument hierfür war das Scientology Wörterbuch.

Durch Löschen eines Teils meines Denkens und meiner Gedankenwelt wurde auch ein Teil meiner Persönlichkeit gelöscht. Dadurch änderten sich auch mein Charakter und mein Verhalten. Ich war nicht mehr der gleiche wie früher. Zuerst merkte es meine Familie, dann merkten es meine Geschäftsfreunde. Ich sah alles durch die Brille der scientologischen Doktrin und überprüfte alles nach deren Standpunkt. Ich verglich meine Eindrücke mit dem, was die Doktrin sagte und wandte deren Rezepte an.

Scientology behauptet nämlich, daß L. Ron Hubbard Antworten auf alle Fragen hinterlassen habe. So hat z.B. WISE (World Institute of Scientology Enterprises) die Admin-Tech (= Verwaltungstechnik) von L. Ron Hubbard vermarktet, indem eine Unzahl an Regeln, Befehlen und Anordnungen des Autors in zehn sehr umfangreichen Buchbänden zusammengefaßt wurden. Die Mitglieder von WISE sollen die Lösung ihrer Probleme bei der Arbeit in diesem Werk nachschlagen. Die Mitglieder von WISE International verfügen sogar über einen Informationsdienst rund um die Uhr. Per Fax kann man sein Problem der WISE-Zentrale in den USA schildern und ebenfalls per FAX kommt eine Liste derjenigen Stellen und Seiten dieser Bücher, auf denen man die Anweisungen zu Lösung des jeweiligen Problems findet. Meistens muß man dann organisatorische Korrekturen vornehmen, die eine Anpassung an das Scientology-System bedeuten und gleichzeitig bekommt WISE interne Daten über das Unternehmen, speziell über die Schwachstellen. Genauso wie die Doktrin, verursacht die Admin-Tech ein gleichförmiges gedankliches Gebäude im Verstand der Mitglieder. Alle arbeiten sie nach dem gleichen Schema, den gleichen Vorschriften und Methoden, dem gleichen organisatorischen System und kontrollieren sich mit der gleichen Art von Statistiken. Grundlage bildet das Scientology-Organigramm, in das alle Tätigkeiten, die mit Organisation zu tun haben (in Firmen, Ministerien, Schulen, etc.), passen sollen. Die Mitglieder verwandeln sich somit in Wesen, die innerhalb eines bestimmten Schemas leicht lenkbar sind: Wesen ohne eigene individuelle Eigenschaften, Wesen, die sich gleichen wie in Serie gefertigte Roboter, gehorsam den Befehlen und Anweisungen der militärähnlichen Organisation, durchsichtige Wesen, über welche die Organisation alles weiß. Sie bilden ein unterwürfiges Heer, zu Diensten des ausgerufenen heiligen Krieges, "clear the planet!".

Die Admin-Tech zwingt andererseits den Unternehmen eine Organisationsform auf, die anders ist als alle anderen bekannten Organisationsformen. Grundlage bildet das schon erwähnte von Hubbard erfundene Organigramm. Um es einzuführen, müßte das bestehende Organigramm erst ausgelöscht werden. Die Einführung müßte ein geschulter Scientologe durchführen, und wenn andere Mitarbeiter beabsichtigen, damit umzugehen (was dann notwendig werden würde), müßten sie erst Kurse bei Scientology machen und dadurch auch gleich indoktriniert werden. Das Resultat wäre eine Unterwanderung der Unternehmen, welche dann für Scientology leicht durchschaubar und beeinflußbar werden würden. Die WISE-Mitglieder senden ihre Statistiken wöchentlich (Donnerstags, 14.00 Uhr) an WISE. Später kommen dann Personalanalysen; so wie das bei mir in der Firma beginnen sollte. Leute, die nicht richtig spurten, sollten ausgetauscht werden, nur Mitarbeiter mit guten Statistiken sollte man behalten. Die Unterwanderung könnte dann auch saftige Firmenspenden für Scientology zur Folge haben.

Durch psychologische Einschüchterung erreichte man bei mir eiserne Disziplin. Ich stellte fest, daß es den anderen Anhängern genauso erging. Die ganze Organisation hatte eigentlich einen eher militärischen Charakter, man durfte nicht denken, sondern mußte Befehle ausführen und Anordnungen befolgen. Die Berge von "Policy-Letters" und "Hubbard-Office-Bulletins" waren wie eine Flut von Befehlen. Die martialische Disziplin glich der Struktur eines Heeres im Kriegszustand. Eigenes Wachpersonal, eigene "Justiz", eigener "Justizvollzug". Und eigentlich befindet sich Scientology im Krieg, im heiligen Krieg, um diesen Planeten "clear" zu machen. Um diesen Befehl durchzuführen, war jedes Mittel recht. Dafür durften auch die "normalen" Gesetze übergangen werden, Geheimagenten zur Spionage ausgeschickt, die eigene Identität versteckt oder verleugnet und Feinde bis aufs Letzte bekämpft werden. Daher kann ich heute gut verstehen, was in den Köpfen von fanatisierten Menschen vorgeht. Ich war also auch einer eigenen Gesetzgebung von Scientology unterworfen. Sie wird im Buch "Einführung in die Ethik von Scientology" dargestellt. Um deutlicher zu werden, komme ich nicht umhin, aus diesem Buch zu zitieren. Im Kapitel "Gradienten von Ethik- und Rechtsmaßnahmen" steht unter anderem:

"Unsere Linien sind zu machtvoll und zu direkt, und was wir für die Zukunft einer Person bedeuten, wird tief im Grunde, selbst während die Person meckert, so gut verstanden, daß Ethik-Maßnahmen eine weitaus schlimmere Bedeutung darstellen als bloßes Wog-Gesetz. Das Wesen, das schuldig ist, weiß mit Gewißheit, daß es sich gegen die Zukunft aller vergeht, ganz gleich, welches äußere Erscheinungsbild oder welches Verhalten es oberflächlich an den Tag legt. Außerdem kann die Wog-Rechtsprechung ihm schlimmstenfalls einigen Schmerz bereiten und ihm durch Hinrichtung einen Körper nehmen oder für die Dauer eines Lebens die Freiheit entziehen; wir dagegen bedrohen seine Ewigkeit. Selbst wenn uns dieses Wesen anschreit, weiß es dies im Grunde." ("Wog" ist verkürzt gesagt, der Humanoid, der die Erkenntnisse Hubbards über den Menschen nicht nachvollzogen hat.)
 

"Durch den Ausschluß aus Scientology bedrohen Sie jemanden mit Vergessenheit für die Ewigkeit."
Im Kapitel "Verstöße und Strafen" finden sich unter Vergehen u.a. folgende Definitionen:
 
? "Sich zu weigern, einen E-Meter-Check zu erhalten."
? "Sich zu weigern, auditiert zu werden, wenn es von einer höheren Stelle angeordnet wird."
? "Sich zu weigern, vor einem Komitee der Beweisaufnahme Zeugnis abzulegen."
Unter Verbrechen findet sich:
 
? "Nichtbefolgung dringender und sehr wichtiger Anordnungen, wenn diese einen Ansehensverlust in der Öffentlichkeit zur Folge haben".
? "Es zu versäumen, jemanden, der eine potentielle Schwierigkeitenquelle ist, an das lokale HCO zu berichten."
? "Einen lokalen Scientology-Titel dafür zu benutzen, sich über die Anordnungen oder Richtlinien des internationalen Vorstandes hinwegzusetzen."
? "Anstiftung zum Ungehorsam."
? "Sich zu weigern, Strafen zu akzeptieren, die in einem Berufungsverfahren auferlegt worden sind."
? "Einen Kursüberwacher oder Vortragsredner der Scientology mit Unterbrechungen, Provokationen oder Fangfragen zu belästigen."
Als Schwerverbrechen wird definiert:
 
? "Schwerverbrechen, diese bestehen daraus, daß man sich öffentlich von der Scientology abkehrt oder unterdrückerische Handlungen begeht."
Man muß also sofort feindliche Aktivitäten (also Scientology nicht genehme) im eigenen Feld (in der eigenen Umgebung) melden. Das schlimmste Verbrechen ist der Ausstieg, gleichkommend dem Desertieren aus einer Armee. Es gelten nur die eigenen internen Gesetzte, die Gesetze des Feindes (der nichtscientologischen Welt) darf man mißachten, die interne Autorität und Befehlsstruktur muß unbedingt respektiert werden. Ich lebte damals wie unter einem Kriegsrecht, eben im heiligen Krieg von Scientology. Und als Soldat gehörte ich zum so zahlreichen Fußvolk.

Als Mitglied war es für mich unmöglich, nur "halb" in der Doktrin zu bleiben. Wenn einmal die Indoktrinierung begonnen hatte, so gab es nur noch eine Konsequenz: das totale Mitmachen. Als Indoktrinierter durfte ich nur noch im Rahmen der Doktrin denken. Entweder war ich drinnen oder draußen. Ich war ein wandelndes Wörterbuch von Scientology und gleichzeitig ein geistiger Roboter unter den Gesetzen der Ethik von Scientology.

Besonders beeindruckte mich ein Ereignis in Flag, bei welchem ich lernte, wie strikt die Ethik-Regeln angewendet wurden. Als ich dort im Wartezimmer auf den Beginn einer Sitzung wartete, kam ein 17-jähriger Italiener herein, auf den Knien rutschend, wie ein Pilger. In den Händen hielt er ein Blatt Papier, auf welchem er uns bat zu unterschreiben, wenn wir ihm verzeihen würden, daß er aus dem Supermarkt von Flag Ware ohne Bezahlung mitgenommen hatte. Es war eine sehr ergreifende Szene. Dieser junge Mensch war dabei, "die Hörner abzustoßen" bzw. seine Persönlichkeit abgeschliffen zu bekommen, um ebenfalls, wie wir anderen, einen geistigen Roboter von Scientology zu werden. Es ging dabei gar nicht so sehr um Bestrafung, er mußte lernen, "in sein Kästchen" zu passen, wie eben ein Soldat eines Heeres, das sich im Krieg befindet.

Im Verlauf der Zeit wurde meine Welt immer kleiner. Mit Außenstehenden konnte ich nicht über die Angelegenheiten sprechen, die mich so sehr beschäftigten. Dadurch konnte mir auch niemand helfen, meine Verblendung zu erkennen, während die anderen Mitglieder mich dazu aufmunterten weiterzumachen.

Diese zunehmende Isolierung wurde gefördert, da die Doktrin besagte, 18,5 % der Weltbevölkerung seien PTS-Personen und 2,5 % seien unterdrückerische Personen (SP, unsere "Gefängniswärter"). Innerhalb der Gruppe war man sicher. "Draußen" mußte man immer damit rechnen, auf einen PTS oder SP zu treffen. Und wenn es auch nicht so gewesen wäre, so waren die Außenstehenden nie auf unserer Höhe. Sie hatten ja noch nichts auf der Brücke zurückgelegt und daher noch nicht so viel erreicht wie wir, die wir im Begriffe waren, diesen Planeten zu retten. Deshalb wurden die Nicht-dazugehörenden als "raw meat" (rohes Fleisch) bezeichnet.

Obwohl ich meine Familie aufrichtig liebte, war eine Distanzierung unvermeidlich, die in einer Kälte ihnen gegenüber zum Ausdruck kam. Normalerweise hätte mich meine Familie längst zum Teufel jagen müssen. Bei verschiedenen Gelegenheiten wurde ich von verschiedenen Staffs gefragt, aber auch von Scientologen, die aus dem Ausland kamen (offensichtlich stand dies in meiner "Personalakte"), wieso meine Frau und mein Sohn denn noch nicht Mitglieder seien. Ich wollte trotz allem die Beziehung zu meiner Familie nicht beeinflussen lassen und sagte, daß ich mich dieser Angelegenheit schon annehmen würde und daß dieser Umstand mein Verhalten nicht beeinflussen würde. Trotzdem litt meine Ehe immer mehr darunter und die Indoktrinierung verursachte eine gewisse Distanzierung. Jene Jahre waren für meine Frau sehr schwer, und ich bewundere ihre Geduld, die sie mir entgegenbrachte.

Die Doktrin war knallhart: die Außenstehenden zählten nicht so viel wie wir. Die anderen, die "Wogs", waren Wesen zweiter Klasse. Wir waren hochnäsig und verachteten jeden, der nichts von "unserer Wahrheit" wissen wollte, einer "Wahrheit", die nicht nur irgendwelche "jenseitigen" Angelegenheiten betraf. So wurde z.B. intern Druckschriften verteilt über die wahre Ursache der Erdölkrise, die wahre Ursache des Nahostkonfliktes oder des Golfkriegs, etc. Dadurch meinten wir immer, mehr als andere zu wissen, die "wirkliche Wahrheit" zu kennen. Auch wurde in den internen Zeitschriften immer wieder auf den Kampf gegen die feindlich gesinnte Außenwelt außerhalb unserer "Arche Noah" hingewiesen - wieder eine Erinnerung, daß wir uns im Krieg befanden.

Heute schäme ich mich wegen meiner erniedrigenden Haltung gegenüber meiner Familie. Sie mußte unnötigerweise durch eine Hölle, und nur Dank ihrer Liebe ist die Beziehung nicht zerstört worden von denjenigen, für die sie im Weg stand.

Vielleicht wären andere Familien nicht so weit gekommen. Aber hätte es noch etwas länger gedauert, dann hätte meine Familie bestimmt auch das Handtuch geschmissen. Die geschaffene Verbitterung jedoch war groß und noch heute müssen wir mit viel Geduld unsere Beziehung wieder aufbauen.

In diesem tief indoktrinierten Zustand versuchte ich, die Persönlichkeits-Tests von Scientology für die Personalabteilungen von Unternehmen zu verkaufen. Ich unterzeichnete einen Franchise-Vertrag mit einer Schweizer Firma, die Mitglied von WISE International war. Der Vertrag hatte Knebelklauseln, die ich mit Firmen außerhalb von Scientology nie unterschrieben hätte. Aber für mich hatte Scientology Vorrang und deswegen würde man mich schon nicht betrügen, dachte ich. Eine der Klauseln war z.B., daß sich im Streitfalle die Parteien nicht an zivile Gerichte wenden durften, sondern sich an die internen Schlichtungsorgane von Scientology wenden würden. Ich verzichtete auf den mir von Staat garantierten Schutz. Der Vertrag hatte auch Formfehler, die ihn vor normalen Gerichten ungültig erscheinen lassen würden, wie z.B. keine Ortsangabe der Vertragsfirma, etc. Beim zu verkaufenden Test handelte es sich um den normalen Scientology-Test von 200 Fragen, welcher dann, mittels eines Computer-Programms (Bestandteil der Franchise) ausgewertet und mit entsprechenden Grafiken versehen, ausgedruckt wurde. Das Ziel war, als Berater Vertrauen bei den Personalabteilungen zu schaffen, um dann, immer mittels dieser Tests, Schwachstellen in der Personalstruktur zu finden und das Personal entsprechend auszutauschen bzw. umzubesetzen. Bei nicht umbesetzbaren Fällen sollten dann die Schwächen mittels zu verkaufenden Kursen von Scientology ausgeglichen werden. Die Opfer wären also indoktriniert worden.

Das Ziel war die Unterwanderung der Wirtschaft "Clear the planet!" Jeder Teilbereich der Gesellschaft muß erobert werden, um dann in der Gesamtheit die Macht zu erzielen und um so unantastbar für die Gegner zu werden und ungestört die Kriegskasse füllen zu können. Ich selbst hatte schon einen Unternehmensberater von Scientology herbeigerufen, aber seine Ratschläge waren nicht umsetzbar gewesen.

Als weitere Möglichkeit, meine Fähigkeiten zu verbessern, wurde mir die Einnahme von sehr starken Vitaminpräparaten empfohlen. Im Dianetikzentrum meiner Stadt wurden mir oft solche Tabletten, die von Flag gebracht wurden, verkauft. Es waren die gleichen Präparate, die ich auch im Supermarkt von Flag in Florida sehen konnte. L. Ron Hubbard hatte für ein besseres Leben diese hohen Vitamindosen empfohlen. Als ich unserem Sohn befahl, das "Reinigungs-Rundown" zu machen, wurde er angewiesen, sehr hohe Mengen von Vitaminpräparaten zu schlucken, bevor er zur Sauna ging. Diese wurden ihm im Dianetik-Zentrum verkauft. Laut Scientology wollen die Unterdrücker auf diesem Planeten uns dahingehend schaden, indem sie es gesetzlich durchsetzen, daß uns in vielen Ländern der Absatz von Vitaminen sehr eingeschränkt wird. Man müßte sich gegen diese Verschwörung in solchen Ländern verteidigen, während in den USA die Gesetze viel liberaler seien und man dort selbst in Supermärkten viel stärkere Präparate kaufen könnte.

Man hatte mir sogar den Vertrieb dieser Präparate angeboten. Jedoch waren diese Produkte bei uns nicht gesetzlich erlaubt. Meine Frau bekam zufällig dieses Angebot mit, weil man mich zu Hause anrief. Dank ihrem Einschreiten - sie betonte die Illegalität - lehnte ich dann ab.

In den Vorstufen zum "Clear" empfahl mir mein Auditor immer, Niacin vor den Sitzungen zu nehmen, um angeblich bessere Resultate bei den Sitzungen zu erzielen. Inzwischen habe ich erfahren, daß hohe Dosen von Niacin Vergiftungen und Leberschäden hervorrufen können und daß starke Dosen von anderen Vitaminen psychotropische und halluzinogene Effekte haben können.

Ferner sollte ich "Cal-Mag" trinken. Es handelt sich dabei um ein von L. Ron Hubbard empfohlenes Getränk (aus Calcium, Magnesium und Apfelweinessig) zur Verbesserung der Resultate der Auditing-Sitzungen. Die Zubereitung war nicht einfach, doch im Supermarkt von Flag konnte man es trinkfertig zubereitet kaufen.

Mein stark indoktrinierter Zustand war zu einer extrem gefährlichen Mischung geworden: wenn die Ethik von Scientology das Überleben predigt und gleichzeitig Scientology den einzigen Weg zum ewigen Überleben darstellte, so mußte einerseits das eigene ewige Überleben und andererseits das Überleben von Scientology mit den obersten Prioritäten versehen werden. Es gab also nichts Wichtigeres, als die "Brücke" zu absolvieren und es war das Allerheiligste, unsere "Retterin" Scientology gegen jegliche Angriffe zu verteidigen. Und diese Retterin mußte eben laufend ihre Kriegskasse füllen. Am laufenden Band wurde ich bezüglich Kampagnen und "Feldzügen" angesprochen, die sie in deren Ländern vorbereiteten und daß sie hierfür dringendst Spenden benötigten. Sehr oft mußten sie auch ihre Verteidigung gegen "externe Angriffe" finanzieren. Man hatte mich eingeschüchtert durch die wirre Angst vor unseren Feinden. Und ich zahlte immer.

In meinem Büro wurde ich förmlich mit Anrufen bombardiert. Die Anrufe kamen aus Kopenhagen, Schweden und vom Schiff "Freewinds". Diesen Anrufen konnte ich nicht ausweichen. Sagte ich meiner Sekretärin, sie solle sagen, ich sei nicht anwesend, so wurde so oft angerufen, bis ich die Störung meinem Personal nicht mehr zumuten wollte und ans Telefon ging. Wenn ich hingegen protestierte und sagte, nicht mehr angerufen werden zu wollen, dann wurde ich sofort gefragt, ob ich denn etwas gegen Scientology hätte. Dabei versuchte nur jeder, mir etwas aus seinem Gebiet zu verkaufen. Untereinander machten sie sich ("seltsamerweise") keine Konkurrenz, jedoch bildeten alle zusammen eine koordinierte Zange, die mich unter dauernden Druck setzte. Dadurch schaffte es dann immer der eine oder andere, daß ich nachgab. Die Dringlichkeit der Anrufe war meistens begründet mit Sonderangeboten und verbilligten Kurspaketen, die ich nicht vorbeigehen lassen durfte. Und wenn ich alles bezahlt hatte, sagte man mir, daß in diesem oder jenem Land dringend eine Kampagne gemacht werden mußte und daß sie eine Spende brauchten. Sehr oft wurde ich aufgefordert, das Geld der bereits im voraus bezahlten Kurse zu spenden. Das tat ich dann auch einige Male. Danach kam in der Regel eine andere Person, welche mir dann diese gespendeten Kurse mit einem Sonderangebot verkaufte, weil ich ja meine ewige Rettung absichern mußte. Dabei sprachen sie zu mir im "Ton 40" (einem sympathisch wirkenden Tonfall), manchmal wurden sie aber auch ungeduldig und barsch und beschimpften mich, wenn ich zögerte und die "Wichtigkeit" der Situation angeblich nicht erkannte.

Wenn es telefonisch nicht ging, kontaktierten sie mich über das Büro von Scientology. Ich sollte dringend dorthin kommen, denn wichtige Besucher aus dem Ausland wollten mit mir sprechen. Wenn ich dann hinging, wollten sie nichts anderes, als mir Sonderangebote verkaufen. Diese "Interviews" fanden immer hinter verschlossener Tür und abgeschaltetem Telefon statt. Angefangen wurde immer mit der Schaffung von Begeisterung, indem mit träumerischen Erzählungen von den wunderbaren Eroberungen und von Scientology berichtet wurde. Meistens waren die Besucher zu zweit, damit der zweite einschreiten konnte, wenn dem ersten die Argumente oder die Puste ausgingen. Unter diesem unglaublich hohen Druck konnte ich fast keinen Widerstand mehr leisten. Noch dazu hatte ich für diese Gespräche oft meinen Arbeitsplatz verlassen müssen, was für diese Leute absolut unwichtig war, weil sie ja "Überleben" verkauften.

Mit großem Interesse kaufte ich einen sehr umfangreichen Kurs: "The Hard Sell Pack". Ich dachte, mich in die Verkaufstechniken zusätzlich bilden zu können. Dieser Kurs hatte einen Kern, eine grundsätzliche Botschaft, eine notwendige "Cognition". Wer diese vor Beendigung des Kurses erkannte, brauchte ihn nicht zu Ende zu führen. Diese Schlußfolgerung war, wer Scientology verkauft, verkauft ewige Rettung und daher gibt es kein Argument dagegen. Wer also nicht kaufen wollte, hatte noch nicht die Wichtigkeit von Scientology-Produkten erkannt. Daher war jedes Mittel recht, um zum Ziel zu kommen. Man meinte es ja nur gut mit dem Kunden. Der Kunde würde schon später begreifen, was man ihm Gutes mit dem Verkauf von Scientology-Produkten angetan hätte. Er würde es später noch sehr danken, sobald er es (durch die Indoktrination) begriffen und akzeptiert habe. Es konnte also nie falsch sein, den Verkauf von Scientology-Produkten mit allen Mitteln zu forcieren. Jeder Abschluß war also eine gute Tat, egal wie sie stattgefunden hatte und egal ob z.B. ich als Käufer dabei finanziell ruiniert wurde. Ich könnte ja dann durch meine verbesserten Fähigkeiten dieses finanzielle Loch bequem wieder ausgleichen. Das "hard sell" bedeutete also, daß jedes Mittel recht war, das zum Ziel führte (wie in einem heiligen Krieg), weil "Überleben" verkauft wurde. Das war deswegen "ethisch", weil man zugunsten des Überlebens handelte. Deshalb war unter Scientologen eine andauernde Jagd, jeder versuchte jedem etwas zu verkaufen. Da jeder bei jedem Abschluß Vermittlungsprovision (in der Regel 10 %) bekam, versuchte auch jeder, sich selbst (und seine "Brücke") zu finanzieren. Die meisten standen wegen Scientology schon unter finanziellem Druck, daher jagte eigentlich jeder jeden.

In Flag war ich wie in einer Wolfshöhle, man verfolgte mich überall hin. Ein Schweizer, mit dem ich mich in Clearwater angefreundet hatte, erzählte mir, daß man ihn (er schlief im Scientology-Hotel Fort Harrison) nachts telefonisch weckte und ihn daran erinnerte; daß in jenem Augenblick gerade seine Bank in der Schweiz geöffnet wurde und daß er doch sofort dort anrufen sollte, damit ihm Geld überwiesen würde. Die meisten Scientologen dort waren sehr gut für diese Art von Gesprächen trainiert, und es wurde keine Möglichkeit der Geldbeschaffung ausgelassen. Die Unverschämtheit ging sogar so weit, daß man mich überzeugte, Geld aus meiner Firma zu nehmen. Dies tat ich dann auch, doch glücklicherweise konnte ich dies dann mit einem Darlehen von der Firma regeln. Einmal sogar waren zwei Frauen von Saint Hill, der Scientology-Niederlassung in Großbritannien, gekommen und sie schlugen mir die Durchführung der Kurse dort in Saint Hill vor, die ich bereits für Flag (in den USA) bezahlt hatte, mit dem Hinweis, daß die Auditing-Stunden in Saint Hill billiger als in Florida seien. Hätte ich eingewilligt, hätte Saint Hill davon Provision bekommen. Freunde von mir, die einwilligten, hatten dann plötzlich Probleme in den Sitzungen, die mit zusätzlichen (natürlich nachzuzahlenden) Stunden (repariert) werden mußten, abgesehen vom Umstand, dafür mehrmals nach England fliegen zu müssen. Aber die Anreise und Aufenthaltskosten waren Saint Hill egal, im Gegenteil, selbst an der Unterbringung verdienten sie, da man obligatorisch dort wohnen und bezahlen mußte.

Meine Zeit in Scientology kam mir vor wie eine gebührenpflichtige Autobahn. Sie war als Einbahnstraße der einzige Weg zur ewigen Rettung, die einzige Möglichkeit ans Ziel zu kommen, und ich mußte Gebühren bezahlen, um sie befahren zu dürfen. Man hatte mir in meinem Geiste künstlich diese ausweglose Situation geschaffen. Diese Falle ließ mich nicht mehr unabhängig denken. Ich war ein willenloses Instrument geworden, um mich, meine Familie und meine Firma auszuplündern.

Wenn ich bedenke, wieviel Geld ich an Scientology bezahlt habe, sehe ich auch ganz deutlich, daß Scientology nicht an den mittellosen, gestrandeten Existenzen, sondern an den zahlungskräftigen Bürgern (z.B. Managern) interessiert ist. Die Gutverdienenden können dann unter Umständen andere gutsituierte Bekannte haben und sie auch herbeilotsen, ganz abgesehen davon können sie eventuell gute Firmenspenden einleiten.

Aus den Texten von L. Ron Hubbard lernte ich auch dementsprechend, ich solle mich nicht mit "Downstats" (Leuten mit schlechten Statistiken – schlechtem Verdienst) sondern mit "Upstats" anfreunden und beschäftigen. Für Scientology sei es unbedingt vorrangig, in der jetzigen Phase der Eroberung des Planeten erst einmal die "Upstats" (= gute Verdiener) anzuwerben. Mich hat man vollkommen ausgequetscht, und als kein Tropfen mehr bei mir herauskam, begann man durch mich meine Firma anzuzapfen. Man befahl mir sogar, meiner Firma zu sagen, daß sie die Verpflichtung habe, Managementkurse für mich zu bezahlen; Kurse zur Verbesserung der Persönlichkeit würden doch schlußendlich auch der Firma zugute kommen. Ich habe zum damaligen Wechselkurs ca 220.000,00 US $ an Scientology bezahlt.

Dazu mußte meine Firma leiden, weil ich für sie nur mehr das Nötigste aufbrachte. Und ich schadete meiner Firma, weil ich den Kopf nicht mehr für meine Arbeit frei hatte. Zu meiner Frau, die nie zu einer Sitzung von Scientology gegangen war, sagte ich immer, es handele sich um Managementkurse, denn über den wirklichen Inhalt der Kurse und Sitzungen durfte ich kein Wort sagen. Ich wurde zum Meister im Verschleiern erzogen, zum Lügner gegenüber meiner Familie. Niemand durfte etwas bemerken. Und so war es dann auch, bis es zu spät war.

Die Doktrin von Scientology hatte mich voll in ihren Fängen. Eine von Anfang an geschürte Begeisterung, die alle Schranken der Vorsicht fallen ließ, eine heimtückisch vorgenommene Umstrukturierung meiner Persönlichkeit, die mich an ein Lügengerüst glauben ließ, und die unheimliche, süchtigmachende Suggestionskraft der Texte von L. Ron Hubbard und der Auditing-Sitzungen machten mich zum geistigen Sklaven. Ein billiger Sklave zu Diensten und unter Befehl von Scientology. Ich hätte nichts dagegen, wenn die Scientologen glauben würden, von einem kunterbunten Reigen kleiner Marsmännchen umgeben zu sein. Das würde für mich noch unter Gedanken- und Glaubensfreiheit fallen. Scientology hat mich aber zu einem geistigen Sklaven gemacht, mit dem einzigen Ziel die finanziellen Interessen der Organisation zu verwirklichen. Durch die Manipulation und Versklavung meines Geistes wurde meine Persönlichkeit stark geschädigt. Auch meine Familienbande wurden und werden davon betroffen und das glückliche Leben meiner Familie wurde geschädigt. Ein geistiger Schaden war entstanden, der Wunden verursacht hat, die noch viele Jahre brauchen werden um zu vernarben.


Kapitel V

In den Grundsätzen von Scientology wird der Selbstmord erst gar nicht erwogen, weil er sich gegen das "Überleben" richtet. Gemeint ist da zwar Überleben des Einzelnen, aber das Überleben von Scientology hat eine höhergestellte Priorität. Und dennoch bekam ich durch Scientology ein sehr gelöstes Verhältnis zum Tod. Es gab wichtigere Dinge als das Überleben des Körpers dieses Lebens: das ewige Leben des Geistes bzw. des Thetans. In den Texten und in den Auditing-Sitzungen wurde sehr viel gesprochen von den vergangenen Leben, vom Tod und von den Zeiträumen zwischen den Leben. Ich verlor die Angst und den Respekt vor dem Tod. Er war ja nur mehr eine Etappe.

Je mehr ich in die Phantasiewelt vordrang, desto stärker sagte ich mir, daß ich durch den Verlust meiner geistigen Barrieren bzw. "Engramme", in den kommenden Leben nicht mehr diejenigen Fehler wiederholen würde, die ich deswegen in diesem Leben beging. Nachdem ich also sicher war, im kommenden Leben besser voranzukommen, hatte ich sogar eine gewisse Ungeduld, diesen Neubeginn zu machen. Ich machte mir bereits Gedanken, in welcher Art von Familie ich hineingeboren werden wollte und wie ich jenes neue Leben gestalten würde, unter Ausnutzung der jetzigen Erfahrungen und Kenntnisse. In Clearwater hatte man mir von Fällen erzählt, bei denen sich kleine Kinder vorgestellt hätten, die behaupteten, aus ihrem vorangegangenen leben her clear zu sein und die nun mit ihrer "Brücke" fortfahren wollten. Im Scientology-Zentrum meiner Stadt erzählte man mir, daß ein anderes Mitglied, welches an Krebs erkrankt und Clear gewesen war, beschloß, sein Leben zu beenden. Angeblich hatten sie mit einer Scientologen-Familie in einer anderen Stadt gesprochen, deren Frau schwanger war, und dieses Mitglied würde dorthin gehen, um den Körper dieses Geschöpfes zu bewohnen. Auf meine Frage hin, wie er den Selbstmord denn begangen habe, sagte man mir, daß dafür "Formeln" zur Verfügung stünden. Danach fragte ich, warum man ihn nicht mittels Auditing geheilt hätte, woraufhin man mir sagte, daß sein Körper bereits vom Krebs zu sehr zerstört sei, um ihn weiter verwenden zu können.

In Flag erzählte man mir von einem Scientologen, der gegen eine unterdrückerische Person kämpfen mußte. Um die Gruppe zu schützen meinte er sogar, die Person umbringen zu müssen, was er dann auch tat. Um die legalen Folgen zu vermeiden, machte er dann einen "EOC ("end of circle" = Selbstmord). Meine Angst und meine Hemmungen gegenüber dem Tod waren weggeblasen.

Meine tiefe Indoktrinierung ließ mich die Welt nur noch durch die Brille von Scientology sehen und meine Gedanken kreisten nur noch ums ewige Überleben, um die SP's, etc. Man kündigte mir meine Arbeit, weil ich zu konfus geworden war. Ich merkte, daß ich mir den Rest der "Brücke" nicht mehr finanzieren konnte. Ich konnte also mit meiner "Sucht" nicht mehr fortfahren. Mir ging der bereits zitierte Satz aus dem Buch der "Einführung in die Ethik von Scientology" nicht mehr aus dem Kopf: "Durch den Ausschluß von Scientology bedrohen Sie jemanden mit Vergessenheit für die Ewigkeit". Auch folgende Sätze aus demselben Buch kreisten dauernd in meinem Kopf: "Selbst der Bursche, der den Knopf zum Atomkrieg drücken könnte, weiß eigentlich, daß es nur ein Leben pro Person ist, das er da in die Luft jagt, nur eine Phase in der Existenz der Erde, die er vernichtet. Daß 'wir' hier existieren, könnte ihn tatsächlich davon abhalten. Die bloße Zerstörung eines Planeten würde ihn vielleicht nicht davon abhalten, denn sie ist vorübergehend."

Diese Teile der Doktrin prägten sich mir besonders stark ein. Die Hemmschwelle zum Tod war äußerst gering. Die Doktrin erlaubt mir keinen anderen als den von ihr vorgezeichneten Weg. Ich konnte aus dieser Doktrin nicht aussteigen, ich mußte sie immer verteidigen, stützen und finanzieren. Ich konnte mich nicht der Gefahr der ewigen Vergessenheit, der ewigen Degradierung und einem ewigen Leben von Leiden und Apathie aussetzen. Als geistiger Sklave war ich wie ein dressiertes Tier, das den Anweisungen Folge leistet, und meine Anweisungen standen in der Doktrin. Um also nicht den Weg zur ewigen Rettung zu verlassen, entschied ich mich dafür, dann eben dieses Leben zu verlassen und jenen Weg im nachfolgenden Leben fortzusetzen. Da ich bereits den Grad "Clear" erreicht hatte, brauchte ich keine Angst mehr vor den Zeiträumen zwischen den Leben zu haben und dadurch keine Angst vor dem Tod. Der Tod hatte für mich nicht mehr Bedeutung als das abendliche Einschlafen, um dann morgens in einem anderen Leben aufzuwachen. Und dazu sagte mir die Doktrin, daß ich es in jenem neuen Leben ja besser haben würde, weil ja dann meine Fähigkeiten durch den bereits zurückgelegten Weg auf der "Brücke" verbessert seien.

Zu meinem großen Glück konnte meine Frau noch rechtzeitig eingreifen und mir mein Leben retten. Meine Dankbarkeit zu ihr ist grenzenlos.

Heute frage ich mich, ob diese Zusammenhänge und die wahre Ursache meiner Absicht, mir das Leben zu nehmen, ohne den wirklichen Versuch je so deutlich hätten geschildert werden können. Ich frage mich auch, ob je jemand das dann hätte begreifen können und ob schon andere diesen Weg gegangen sind, ohne daß man es nachweisen konnte.

Der Selbstmordversuch verursachte einen verzweifelten Kampf, um meine Leben zu retten; den Ärzten und dem Krankenhauspersonal wurde eine Höchstleistung abverlangt. Selbst meine Frau half mit; sie blieb, so gut es ging, Tag und Nacht in meiner Nähe. Meine Geschwister und einige Verwandte kamen aus fernen Ländern. Die meisten glaubten, mich nicht mehr lebend wiederzusehen. Zweimal fiel ich ins Koma, zuerst drei Tage und dann neun Tage. Insgesamt war ich einen Monat auf der Intensivstation. Während dieser Zeit hatte ich Delirien und Alpträume. Die Doktrin von Scientology war bei mir so tief verankert, daß sie selbst noch im bewußtlosen und im halbwachen Zustand wirkte und hervortrat. Je länger ich bei Scientology gewesen war, desto weniger wollte ich von Ärzten wissen. Scientology heile alles und die Ärzte seien nur ahnungslose Schlachtmeister. Mehrmals brüllte ich im Delirium das ganze Krankenhaus zusammen, weil ich Angst hatte, die Ärzte würden mich kastrieren. Die Ärzte mußten meine Frau bitten, sie solle mir sagen, ich sei an einem sicheren Ort und mir würde nichts passieren. Erst dann hörte ich auf zu brüllen und ließ die Ärzte in meine Nähe. Außerdem hatte Scientology konkrete Feindbilder in mir aufgebaut. Die großen Feinde waren die Psychologen, die Psychiater, und die ganz großen Feinde waren die Deprogrammierer (Deprogramming ist eine umstrittene Methode der Befreiung aus Sekten). Selbst im Delirium wirkte bei mir noch die eingehämmerte Angst vor diesen Feinden. Ich träumte, daß Deprogrammierer mich im Krankenhaus mit Opium und Kokain vollstopfen wollten, um mich zu deprogrammieren Als ich dann aufwachte, sah ich meine Frau neben mir. Ich meinte, sie sei voller kleiner weißer Rauschgiftflocken und seltsamer Fusseln auf ihrem Haar und auf ihren Schultern. Ich sagte ihr, daß in dieser Opiumhöhle so viel Rauschgift herumfliege, und sie solle sich doch die Haare und Schultern davon abklopfen. Ich war sogar davon überzeugt, daß Rauschgift riechen zu können. Dabei war ich im keimfrei sauberen Zimmer der Intensivstation. Dies war, bevor ich das zweite Mal ins Koma fiel. Meine Frau erzählte mir, daß ich mich danach für all die Jahre mit ihr und unserem Sohn bedankte und mich verabschiedete. Allerdings setze ich dann nach einer Weile ein sarkastisches Lächeln auf und sagte. "Sie sind gerade dabei, den Leichnam ohne den Toten zu verbrennen". Kurz danach fiel ich wieder ins Koma. Nur schwer kann ich mir das Leiden meiner Familie an meinem Krankenbett vorstellen. Wegen dieser Erlebnisse möchte ich davor warnen, den Fehler zu begehen, eine solche Indoktrinierung in seiner Gefahr und in seiner Auswirkung zu unterschätzen. Die Tiefe der bei mir erfolgten Verankerung der Doktrin erkort deren grausame Stärke. Und diesbezüglich war ich kein Einzelfall. Ich kannte viele Scientologen, die so dachten wie ich, die also auch mindestens genauso stark indoktriniert waren wie ich. Es war das ganz durchschnittliche Erscheinungsbild, ich war also ganz normal unter den Scientologen.


Kapitel VI

Mein Ausstieg aus Scientology begann, als meine Frau in einer Zeitschrift einen ausführlichen Artikel las über die Machenschaften von Scientology. Da gingen ihr die Augen auf und sie begann so vieles zu begreifen. meine veränderte Persönlichkeit, mein kaltes Benehmen, etc. Nachdem sie nun endlich wußte, welcher Natur die Geister waren, gegen die sie zu kämpfen gehabt hatte, kam ihr eine erlösende Klarheit über einen erdrückenden Problemberg. Meine Indoktrinierung hatte ja bis zu jenem Zeitpunkt stetig zugenommen und die Probleme sich ständig verschärft.

Meine Frau fragte mich, ob sie mich mit jemandem zusammenbringen könnte, der mit mir über Scientology sprechen würde. Ich wurde sehr schroff und antwortete, daß es jemand von Scientology sein müßte. Andere Außenstehende würde ich als Gesprächspartner nicht akzeptieren, denn wie könnten nicht die "wirklichen" Zusammenhänge wissen. Ich sagte: "Niemand, der das nicht erlebt hat, was ich erlebt habe, kann mir etwas darüber erzählen. Keine Ärzte und schon gar nicht Psychologen, das sind nämlich die größten Verbrecher." Meine Frau fragte mich außerdem: "Wenn ich etwas gegen Scientology unternehme, mußt Du mich dann zerstören?" Prompt antwortete ich: "Ja, wenn Du etwas gegen Scientology unternehmen solltest, dann zerstöre ich Dich!" Doch trotz dieser Worte suchte sie Hilfe. Meine Frau organisierte zusammen mit dem Hauptaktionär meiner Firma ein Treffen in einem Hotel. Mir wurde gesagt, es sei ein geschäftliches Treffen mit den Geschäftsführern der anderen Tochtergesellschaften. Als meine Frau und ich dort eintrafen, war nur der erwähnte Hauptaktionär zur Stelle. Er sagte mir, daß die anderen Geschäftsleute nicht eintreffen würden und daß meine Frau und er wünschten, mit mir über Scientology zu sprechen. Ich sei in großer Gefahr und sie wollten mir helfen. Er sagte mir auch, daß danach auch noch ein ehemaliger Scientologe zum Gespräch hinzukommen würde, um mir mehr Einzelheiten zu erklären. Im ersten Moment ärgerte ich mich sehr, auf so trügerische Weise herbeizitiert worden zu sein, doch sah ich keinen anderen Ausweg, als ein Gespräch zu akzeptieren. Ich lenkte ein und meinte, wenn wegen meiner Person so viel Aufwand getrieben werde, so sollte ich mir zumindest erst einmal alles, wenn auch widerstrebend, anhören.

Der ehemalige Scientologe, der dann hinzukam, sagte mir, daß er eine hohe Position bei Scientology innegehabt hätte. Dies beeindruckte mich sehr und so akzeptierte ich ihn als Gesprächspartner. Drei Tage lang setzte ich mich mit ihm in ein Zimmer des Hotels, und wir sprachen in einer lockeren Atmosphäre über Scientology. Meine Frau dufte bei diesen Gesprächen nicht dabei sein, wobei ich heute meine, daß dies hätte der Fall sein sollen. Der Ex-Scientologe fragte mich über meinen Werdegang in Scientology, über die Resultate meiner Auditing-Sitzungen und mit welchen Schlußfolgerungen ich jeweils meine Grade bestanden hatte. Zur Doktrin erzählte er mir dann auch seine Erfahrungen. Er hatte in der Verwaltung hohe Stufen erreicht und schilderte mir daher hauptsächlich aus diesem Blickwinkel die Tricks und Ziele von Scientology. Wenn ich daran zurückdenke, wurde hauptsächlich mein Verhältnis zur Organisation Scientology durch diese Gespräche verändert. Ich akzeptierte nicht mehr die "Kirche" und deren Machenschaften. Das Informationsmaterial, das ich lesen konnte, überzeugte mich.

Trotzdem kam bei mir keine Schockwirkung, obwohl eigentlich ganze Welten hätten zusammenbrechen müssen. Heute kann ich mich nicht mehr genau erinnern, inwieweit meine Indoktrinierung auch von diesem Gespräch aufgebrochen wurde. Offensichtlich war dies nur oberflächlich der Fall, denn einige Zeit nach diesen Gesprächen regenerierte sich in mir die Doktrin. Nach diesem Treffen brach ich zwar jegliche Beziehung zu Scientology ab, aber die tief in mir verankerte Doktrin verließ mich nicht. Mein Gesprächspartner hatte offenbar meine tiefe Indoktrinierung nicht erkannt. Er sah die Problematik hauptsächlich in der Organisation und glaubte daher auch gar nicht, daß ich z.B. durch Texte oder Bücher indoktriniert worden war. Und doch bin ich ein lebender Beweis dafür, welchen Schaden die Bücher von Scientology anstellen können. Diese Fehleinschätzung zog sich wie ein roter Faden durch die nachfolgende Zeit.

Nach dem Aufenthalt im Hotel fuhren meine Frau, der Ex-Scientologe und ich zu einer Beratungsstelle. Dort bekam ich dann noch mehr Information über Scientology. Man gab mir Bücher über Erfahrungen von anderen Ex-Scientologen, über Erfahrungen, die die Ex-Frau von L. Ron Hubbard und dessen Sohn erzählten, etc. All diese Gespräche und Unterlagen bestärkten mich in meinem "Ausstieg". Es war ja auch das erste Mal, daß ich nicht mehr nur die hausinterne Information und Desinformation akzeptierte, sondern mir auch andere Quellen anhörte. Obwohl dies eine große "Sünde" war, las ich diese Informationen mit Interesse. Es war der Beginn meines Erwachens, es begann für mich der Bruch mit der Organisation.

Meine Indoktrinierung und meine Überzeugung blieben anscheinend ziemlich unberührt davon. Ich hatte bei der Beratungsstelle einige Gespräche mit einer Psychologin. Diese war anscheinend mit meinen Antworten zufrieden, weil ich der Organisation den Rücken gekehrt hatte. Es wurde mit mir aber nicht über die Doktrin selber diskutiert, über den Hinterlist und Betrug. Niemand klärte mich sachkundig über deren Lügengebäude auf, niemand setzte sich mit mir darüber auseinander. Dabei war mir doch die Doktrin das Wichtigste im Leben gewesen, und deswegen blieb dieser in meinem Kopf eingepflanzte Bereich ziemlich unberührt. Vielleicht dachte man, wenn man mir die Machenschaften der Organisation verständlich macht, dann würde in mir auch das Lügengebäude der Doktrin zusammenbrechen. Dies war aber nicht der Fall. Erst als ich viel später nach meinem Selbstmordversuch meine eigenen Schlußfolgerungen zog und die dunklen Zusammenhänge erkannte, dann erst brach das ganze Gerüst zusammen.

Bei der erwähnten Beratung, meine ich, hat niemand meine tiefe Indoktrinierung erkannt. Auf keinen Fall bestreite ich den guten Willen der Beratungsstelle: sie versuchte nach bestem Wissen und Gewissen zu helfen, aber die unzureichenden Kenntnisse über die Doktrin erlaubten keine bessere Hilfestellung. Sicherlich bin ich in dieser Hinsicht kein Einzelfall. Es wäre daher sehr wichtig, daß sich die Psychologie und Psychiatrie mit der Doktrin von Scientology gründlich befassen, damit die Gefahr besser erkannt wird und den Opfern besser geholfen werden kann.

Nach der Beratung wurde meine Familie und ich unserem Schicksal überlassen. Niemand beschäftigte sich weiterhin mit meiner Indoktrinierung, nachdem fälschlicherweise angenommen wurde, sie sei aufgelöst. Das Leid meiner Frau ging jedoch weiter. Durch meine Indoktrinierung muß ich sie für eine feindliche und "unterdrückerische" Person gehalten haben, weil sie mich aus Scientology herausgeholt hatte. Ich kann mich nicht daran erinnern, daß ich dies tat bewußt tat, aber ganz bestimmt war dies unbewußt der Fall.

Vier Monate danach waren wir erneut bei dieser Beratungsstelle und mein wahres Problem blieb weiterhin unerkannt. Im Gespräch mit der Psychologin wurde meine Indoktrinierung nur am Rande gestreift. Hingegen wurden die großen Probleme in unserer Ehe behandelt (ich war sehr kalt zu meiner Frau geworden) und auf unsere unterschiedlichen Persönlichkeiten zurückgeführt. Die Psychologin hatte sogar Verständnis für meinen Scheidungswunsch. Es war unfaßbar, eine Ehe, die vor meiner Mitgliedschaft bei Scientology fast vierzehn Jahre sehr gut funktioniert und dann noch weitere vier Jahre Indoktrinierung überstanden hatte. Niemand glaubte ernsthaft meiner Frau, wenn sie von der Hölle erzählte, die sie durchmachte. Die Verwandten und Bekannten glaubten, sie sei nervös und daher überempfindlich und hysterisch und sie würde Probleme sehen, die es gar nicht gebe. Dabei mußte sie mit einem Partner zurechtkommen, der oberflächlich unschuldig und freundlich tat, aber im Unterbewußtsein feindlich gesinnt war. Selbst die Beratungsstelle wußte keinen besseren Rat, als meiner Frau zu sagen, sie solle doch endlich meine ehemalige Mitgliedschaft bei Scientology vergessen und eine dicke geistige Betonplatte darüber legen. Aber wie sollte sie vergessen können, wenn ich tagtäglich filigransten Psycho-Terror machte?

Meine Frau suchte auch bei anderen Beratungsstellen um Rat, aber auch dort wurde die Tragik der Situation nicht erkannt. Einige dieser Stellen waren mehr auf die familiären Probleme oder auf rechtliche Fragen spezialisiert. Nirgendwo kannte man die Doktrin von Scientology ausreichend genug, um auch deren Effekte zu erkennen und hierüber zu beraten. Somit waren wir weiterhin unserem Schicksal ohne geeignete Hilfe überlassen. Meine Frau wurde immer mehr von den Problemen erdrückt. Auch unser Sohn hatte unter der Situation zu leiden. Ein halbes Jahr nach meinem ersten "Ausstiegsgespräch" wurde ich gekündigt. Ich sei zu konfus geworden. Als dies geschah, brachen für unseren Sohn die Zukunftspläne zusammen, weil er vorgehabt hatte, nach seiner Ausbildung mit mir zusammenzuarbeiten.

Die Doktrinierung tickte in meinem Kopf wie eine Zeitbombe.

Ziemlich auf den Tag genau, ein Jahr nach meinem ersten Ausstiegsgespräch, unternahm ich meinen Selbstmordversuch. Die Zeitbombe war explodiert, meine geistige Verwirrung hatte ihren Höhepunkt erreicht. Trotz allen guten Willens der helfenden Personen hatte sich meine Indoktrinierung an allem unerkannt vorbeigeschlichen. Daß sie aber noch da war, wird bewiesen durch meinen Selbstmordversuch und durch meine Phantasien im Delirium und Koma. Nach dem Selbstmordversuch mußte ich einen Monat auf der Intensivstation bleiben und danach 18 Monate im Krankenhaus verbringen. Heute, einige Jahre danach, sitze ich im Rollstuhl. Durch meine eigenen Zukunftspläne und die meiner Familie wurden dicke Striche gezogen. Sehr viel Leid wurde uns zugefügt und alles nur, weil ich falschen Versprechungen glaubte und geistig versklavt wurde.

Als ich aus der Intensivstation kam, war ich am ganzen Körper gelähmt und konnte lediglich den Kopf bewegen. Ich kam mir lebendig begraben vor. Es war ein erschütterlicher Zustand, in dem ich mir vorkam wie ein Stück Fleisch in der Metzgerei, das dort hin- und hergeworfen wird. Es dürfte für gesunde Menschen sehr schwer sein, sich vorzustellen, wie schwer es ist, einen solchen Zustand zu erleben. Mich befielen starke Depressionen, die dazu führten, daß meine Frau, die oft aufmunternd lächelnd ans Krankenbett kam, weinend gehen mußte. Meine Genesung kam nur sehr langsam voran, und es war für mich eine Hölle. Dies muß ich so schildern, weil dieses Leiden mein geistiges Erwachen ermöglichte.

Mein gesundheitlicher Zustand führte aber auch dazu, in mir die ersten Zweifel an der Indoktrinierung aufkommen zu lassen. 18 Monate lang lag ich im Krankenbett alleine, und hatte dadurch sehr viel Zeit zum Nachdenken. Anfänglich sah ich alles noch durch die Brille der Doktrin. Als dann aber für mich die ersten Ungereimtheiten aufkamen, konnten diese nicht mehr wie vorher mit anderen Scientologen geklärt werden. So wäre es ja Vorschrift gewesen. Die internen Informationen und Desinformationen sollte ja dazu führen, jede andere Information von mir sozusagen abperlen zu lassen. Das System war einfach und sehr wirkungsvoll. Während ich Mitglied war, durfte ich bei aufkommenden Fragen oder Zweifeln nur diejenigen befragen, die mir diese Theorien auftischten und die von mir Geld haben wollten. Jemand anderen durfte ich nicht fragen, denn er hätte mir den Betrug erklären können. Jetzt begann ich, verschiedene Aspekte der Doktrin zu analysieren, ohne jedoch dem direkten Einfluß und der Überwachung von Scientology ausgesetzt zu sein. Das Gedankengebäude der Doktrin begann brüchig zu werden.

Der Abbau der Doktrin dauert auch heute noch an. Ich muß immer noch gegen diese Geister kämpfen. Am schwierigsten ist es für mich, die mir verlorengegangenen Teile meiner Persönlichkeit wieder aufzubauen. Ich finde, daß meine Persönlichkeit noch verkrüppelt ist. Ich weiß nicht, ob ich mich je wieder vollkommen wiederherstellen kann. Was ich ablegen muß, weiß ich größtenteils, aber schwer ist es für mich das zu finden, was ich an mir verloren habe. Wie werde ich in Zukunft sein? Werde ich wieder die fröhliche und zärtliche Person von früher sein können? Wer bin ich denn jetzt? Mein Gott, was bin ich denn jetzt!?

Soll dies die positive Entwicklung der Persönlichkeit sein, die Scientology verspricht? Ich wurde zu der Überzeugung geführt, einer der Schöpfer dieses Universums zu sein. Das autorisierte Personal von Scientology bestätigte mir meine Überzeugung und gratulierte mir. Dann frage ich mich jetzt, ob ich nicht verrückter war als der, der seine Hand auf den Magen legt und behauptet, er sei Napoleon. Sollte dies also die geistige Gesundheit sein, die Scientology verspricht? Oder sollte dies alles religiös sein? Ist Scientology eine Religion? Und die geistigen Roboter: stellen diese die versprochene geistige Glückseligkeit dar?

Das Erwachen war sehr hart, sehr hart, weil ich erkannte, was ich meiner Familie und mir angetan hatte. Sehr hart, weil mein gesundheitlicher Zustand deprimierend war und weil ich durch eine sehr lange und schmerzhafte Rehabilitation gehen mußte, die mir tagtäglich meine Behinderung vor Augen führte. Sehr hart, weil in mir eine Welt zusammengebrochen war, an die ich felsenfest geglaubt hatte. Sehr hart, weil ich nur einer sehr schwierigen Zukunft entgegensehen konnte. Ich bekam starke Depressionen. Sehr hart, weil ich meine Karriere zerstört hatte und meiner Familie und vielen, die in mich ihr Vertrauen gesetzt hatten, eine schwere Enttäuschung gebracht hatte. Das Empfinden der Härte dieser Rückschläge war eine der Hauptursachen für das Zerbröckeln der Doktrin in meinem Kopf. Nur wegen dieser Härte und wegen der Isolation im Krankenhaus konnte ich beginnen, meine systematische Unterdrückung und meine willenlose Abhängigkeit zu erkennen. Ich war einer künstlich verursachten geistigen Zwangssituationen bzw. Einbahnstraße entkommen, die mich dahin bringen sollte, aus allen möglichen Quellen Geld für Scientology herbeizuscheffeln.

Sobald ich die Zusammenhänge der Doktrin erkannt, begann ich die Finger davon zu lassen. Wären mir doch bloß früher die Augen aufgegangen, hätte ich doch bloß früher andere Informationen über Scientology gehabt, hätte ich doch bloß früher drüber aufgeklärt und richtig beraten werden können.

Deswegen schreibe ich diese Zeilen. Ich möchte andere vor so einem Schicksal bewahren. Wichtig ist es, daß man frühzeitig die wirkliche Vorgangsweisen von Scientology enttarnt und erkennt. Wenn man die Methoden, Arbeitsweisen und Vorgangsweisen erkannt und richtig begriffen hat, dann und nur dann kann man sich dagegen wehren.

Abschließend möchte ich meiner Familie meinen herzlichen Dank aussprechen für ihre aufopfernde und ausdauernde, liebevolle Hilfe, ohne die ich all dies nicht hätte berichten können.

 
 
 



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