Ingo Heinemann: Scientology-Kritik
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Zuletzt bearbeitet am 4.6.2007
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Das Bayerische Scientology-Gutachten
von Küfner, Nedopil und Schöch, 2002


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Impressum Zitate aus dem Gutachten in dieser Website:
  • www.AGPF.de: Infos über Sekten, Kulte und den Psychomarkt

Das Gutachten wurde von der Bayerischen Landesregierung in Auftrag gegeben.
Deshalb im Titel die Bezeichnung als Bayerisches Gutachten.

Ein Auszug im Umfang von 129 Seiten ist zu laden über die Website des Bayrischen Innenministeriums
http://www.stmi.bayern.de/sicherheit/verfassungsschutz/extremismus/detail/05320/index.php
oder direkt als PDF über http://www.stmi.bayern.de/imperia/md/content/stmi/sicherheit/verfassungsschutz/scientology/4.pdf

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Gegengutachten von Besier?

Der Historiker Besier soll angeblich ein Gegengutachten für Scientology verfassen. Dazu:


 
 
Heinrich Küfner, Norbert Nedopil,
Heinz Schöch (Hrsg.)
Gesundheitliche und rechtliche Risiken bei Scientology
Eine Untersuchung psychologischer Beeinflussungstechniken bei Scientology, Landmark und der Behandlung von Drogenabhängigen
Pabst-Verlag, 2002, 647 Seiten
ISBN 3-936142-40-8

 
 
05.12.2002 - (idw) Ludwig-Maximilians-Universität München
entnommen aus: http://www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/10273.html

Wissenschaftler legen vergleichende Studie vor 

München, 05. Dezember 2002 - Auf dem stark wachsenden Markt der Lebenshilfe, der Psychogruppen und der neureligiösen Gruppierungen fällt die Orientierung schwer. Es fehlen Methoden und Instrumente zur objektiven Beurteilung von Risiken und Nutzen im Vergleich verschiedener Anbieterorganisationen. Oft mangelt es einfach an den notwendigen Kenntnissen, so dass Vorwürfe, die häufig gegen diese Gruppierungen geäußert werden, nur schwer verifiziert werden. 

In einer interdisziplinären Studie mit dem Titel "Gesundheitliche und rechtliche Risiken bei Scientology: Eine Untersuchung psychologischer Beeinflussungstechniken bei Scientology, Landmark und der Behandlung von Drogenabhängigen" haben sich Psychologen, Psychiater und Juristen dieser Fragestellung im Auftrag des Freistaats Bayern gewidmet. Die Herausgeber sind Professor Heinz Schöch, Professor für Strafrecht, Kriminologie, Jugendrecht und Strafvollzug und Dekan der Juristischen Fakultät der LMU, Professor Norbert Nedopil, Leiter der Abteilung für Forensische Psychiatrie der LMU und Dr. Heinrich Küfner, Institut für Therapieforschung.

Ziel der Untersuchung war es, mit neu entwickelten Instrumenten und sich ergänzenden empirischen Methoden Erkenntnisse über ver-schiedene Psycho- und Sozialtechniken bei Scientology, Landmark sowie zwei anerkannten Einrichtungen zur stationären Drogentherapie zu gewinnen und deren Auswirkungen abzuschätzen. 

Der kommerzielle Anbieter für Lebenshilfetechniken, die Landmark Education GmbH, geht auf ein Kursprogramm zur Persönlichkeitsentwicklung zurück, das erstmals 1971 von Werner Erhard angeboten wurde. Seit 1983 werden auch in Deutschland Programme durchgeführt. Landmark ist heute weltweit in 17 Ländern vertreten.

Die drei Anbieter werden dreifach beleuchtet; dies ist die empirische Basis der Untersuchung: Zwei Befragungen haben stattgefunden - nach der Erfahrung von Betroffenen sowie nach der Einschätzung von Experten - und es wird der Inhalt der Primärliteratur der jeweiligen Organisation analysiert. Im juristischen Teils des Projekts wurde ferner untersucht, inwieweit es in den Gruppierungen zu Straftaten kommen kann und ob Anhängern aufgrund des Engagements in der Organisation zivilrechtliche Ansprüche gegen diese erwachsen können. 

Ergebnisse der Befragungen

In der Expertenbefragung zeigte sich, dass bei Scientology eine deutlich höhere Anzahl von Beeinflussungsmethoden eingesetzt wird, was als größere Einflusspower interpretiert werden kann. Für Scientology und Landmark wurden Risiko und Nutzenprofile erstellt, die die größere Einflusspower von Scientology hinsichtlich des Risikos manipulativer Beeinflussung belegen. Anhand der Betroffenenbefragung wurde deutlich, dass sich unter den Aussteigern von Scientology im Vergleich zur Landmark-Gruppe wesentlich mehr Menschen selbst als psychisch labil oder krank vor Beginn ihrer Erfahrungen mit Scientology bezeichneten. 

Ein wesentliches Motiv, sich Scientology zuzuwenden, war die Erwartung, von psychischen Problemen und Belastungen befreit zu werden (58 Prozent). Nur sechs Prozent waren vorwiegend und 19 Prozent etwas an religiösen Aspekten von Scientology interessiert. Nach den Berichten der Betroffenen wurde von Scientology neben vereinzelten Verfahren, die aus der Psychotherapie stammen, vor allem eine Vielfalt von Methoden angewandt, die psychologischen Manipulationstechniken vergleichbar sind. 56 Prozent der Scientology-Aussteiger konnten mit Hilfe einer Abhängigkeitsskala als psychisch abhängig und zusätzlich 24 Prozent als Klienten mit einem schädlichen Engagement beurteilt werden.

Bei Landmark und der Kontrollgruppe wurden von keinem die Kriterien für Abhängigkeit erreicht, 30,8 Prozent der Landmark-Teilnehmer und 29,4 Prozent in der Kontrollgruppe zeigten ein schädliches Engagement. Eine Zunahme gesundheitlicher Probleme wurde nur von einem der Befragten berichtet. 

Der Ausstieg wurde von den Teilnehmern aller Gruppen als weitgehend problemlos geschildert. Insgesamt haben sich die von Scientology angewandten psychologischen Beeinflussungsverfahren und Techniken als weit eingreifender und für den Betroffenen weit weniger durchschaubar und kontrollierbar erwiesen als übliche psychotherapeutische Verfahren.

Juristische Beurteilung

Im Rahmen der juristischen Beurteilung, die auf der Betroffenenbefragung und der Primärliteraturanalyse beruht, haben sich rechtliche Besonderheiten nur bei der Scientology-Organisation ergeben. Anhand der gewonnenen empirischen Daten lässt sich der Vorwurf untermauern, dass zahlreiche Elemente ihres Programms in deutlichem Widerspruch zur Wertordnung des Grundgesetzes stehen. Trotz dieser Bewertung der inneren Struktur lassen sich auch bei dieser Gruppierung nur begrenzt Sachverhaltskonstellationen von tatsächlicher Relevanz ermitteln, in denen Straftaten Organisationsangehöriger in Betracht kommen. Praktische Bedeutung hat am ehesten der Betrugstatbestand sowie der Vorwurf der unerlaubten Ausübung von Heilkunde. Hier bestehen Anhaltspunkte für eine organisationstypische Begehung zumindest des objektiven Tatbestandes, so dass sogar ein vereinsrechtliches Vorgehen in Betracht kommt. Anderen denkbaren Straftatbeständen dürfte dagegen nur unter engen Voraussetzungen und nur im Einzelfall Bedeutung zukommen.

Im zivilrechtlichen Bereich bestehen dagegen durchaus realistische Möglichkeiten, das für "Auditing" und ähnliche Dienstleistungen bezahlte Geld von der Organisation zurückzuerhalten. Aus Sicht der Geschädigten dürfte daher dem zivilrechtlichen Vorgehen gegen die Scientology-Organisation weit größere Bedeutung zukommen als ihrer strafrechtlichen Verfolgung.

Es ist jedoch zu betonen, dass das Gutachten ein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren oder ein zivilrechtliches Klageverfahren weder ersetzen kann noch initiieren will. Die gewonnenen empirischen Daten ermöglichen eine Kategorisierung und Beschreibung des Risikopotentials. In jedem Fall muss jedoch der konkrete Einzelfall geprüft werden. Das Gutachten kann dabei als Hilfestellung für den Rechtsanwender dienen. Die Aufgabe, praktische Konsequenzen zu ziehen, liegt bei den zuständigen Behörden und Gerichten. Die Autoren geben hierfür keine Empfehlungen ab.


 
Pressemitteilung des Pabst-Verlages


Scientology: häufig psychisch labiles Klientel und massive Gesundheitsgefährdung

München – Menschen, die sich als psychisch labil empfinden, lassen sich leicht von Scientology anwerben; in der "Sekte" erhoffen sie sich Befreiung von ihrer persönlichen Problematik, werden jedoch häufig abhängiger als zuvor – vielfach von der Sektenorganisation selbst. Eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe der Maximilians Universität (LMU) und des Instituts für Therapieforschung (IFT) München untersuchte die massiven Gesundheitsrisiken, die Scientology auslöst. Das Gutachten, herausgegeben von Dr. Heinrich Küfner, Prof. Dr. Norbert Nedopil, Prof. Dr. Heinz Schöch, ist jetzt bei Pabst Science Publishers (Lengerich) erschienen.

Die Studie diagnostizierte bei mehr als der Hälfte der Scientology-Aussteiger(innen) eine psychische Abhängigkeit.

Scientology wendet vielfältige Methoden an, Manipulationstechniken, wie sie "zur Aufweichung der Persönlichkeit" in totalitären Staaten üblich sind:
 

  • Zwang, über eine längere Zeit reglos eine unphysiologische Körperhaltung einzunehmen;
  • Nötigung zu monotonen, unsinnig erscheinenden, frustrierenden Aufgaben;
  • Verstärkung bestehender Ängste;
  • Lebensbeichte mit anschließender Dokumentation;
  • Vermittlung des Eindrucks, daß die Organisation den Probanden genau, auch in seinen tiefsten Geheimnissen kennt;
  • Schaffung von Double-Bind-Situationen (widersprüchliche Botschaften und Emotionen);
  • Reizdeprivation oder sensorische Fokussierung, das Erzeugen totaler Erschöpfung und die unmittelbar anschließende Beeinflussung.


Bei Scientology-Klienten werden häufig psychotische – d.h. die Realität verkennende – Ausnahmezustände beschrieben: Betroffene sehen in sich selber fremde Wesen oder haben das Gefühl, sich außerhalb des eigenen Körpers zu befinden.

(Heinrich Küfner, Norbert Nedopil, Heinz Schöch (Hrsg.) Gesundheitliche und rechtliche Risiken bei Scientology. Pabst. 648 Seiten, ISBN 3-936142-40-8, 40,-Euro; http://www.pabst-publishers.com)
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Pabst Science Publishers
Eichengrund 28
D-49525 Lengerich
Tel. 05484-308
Fax 05484-550
E-mail: pabst.publishers@t-online.de
Internet: http://www.pabst-publishers.de

Inhaltsverzeichnis
Es handelt sich um eine unkorrigierte Scanner-Abschrift
 

Inhaltsverzeichnis
Kurzfassung.........................................................................................................................13

A. Einleitung und Beschreibung der Rahmenbedingungen...............................................33
Heinrich Küfner, Norbert Nedopil, Heinz Schöch

1. Ausgangslage.........................................................................................................33
2. Aufgabenstellung und Ziele der Studie.......................................................................35
3. Allgemeine Grundsätze und Grenzen der Untersuchungsmöglichkeiten .......................35
B. Beschreibung der Anbieterorganisationen.....................................................................39
Raik Werner, Robert Doerr, Stefanie Eiden
1. Scientology-Organisation..........................................................................................39
2. Landmark Education GmbH.............. .......................................................................42
3. Einrichtungen zur Behandlung von Drogenabhängigen (Kontrollgruppen) .......................43
3.1 Klinik 1..................................................................................................................43
3.2 Klinik 2..................................................................................................................44
C. Methodik..........................................................................................................................47
Heinrich Küfner, Norbert Nedopil, Heinz Schöch, Robert Doerr, Stefanie Eiden, Raik Werner
1. Methodische Rahmenbedingungen.............................................................................47
2. Methodik der Expertenbefragung ...............................................................................48
2.1 Ziel und Untersuchungsansatz.................................................................................48
2.2 Erhebungsinstrumente.............................................................................................48
2.3 Probandenstichprobe...............................................................................................50
2.4 Durchführung...........................................................................................................50
3. Methodik der Betroffenenbefragung .............................................................................50
3.1 Ziele und Methodik...................................................................................................50
3.2 Untersuchungsansatz...............................................................................................50
3.3 Erhebungsinstrumente..............................................................................................51
3.4 Probandenstichprobe................................................................................................52
3.5 Durchführung............................................................................................................52
3.6 Auswertung..............................................................................................................52
4. Analyse der Primärliteratur..........................................................................................52
D. Expertenbefragung...........................................................................................................55
Heinrich Küfner, Stefanie Eiden, Robert Doerr, Raik Werner, Norbert Nedopil, Heinz Schöch
1. Fragestellung............................................................................................................55
2. Methodik..................................................................................................................55
2.1 Untersuchungsansatz .............................................................................................55
2.2 Erhebungsinstrument...............................................................................................56
2.3 Expertenstichprobe..................................................................................................57
2.4 Durchführung...........................................................................................................57
3. Ergebnisse................................................................................................................57
3.1 Charaktenstika der Expertengruppe und deren Erfahrungshintergrund............................57
3.2 Gründe der Kontaktaufnahme....................................................................................58
3.3 Symptome der Klienten...............................................................'.............................58
3.4 Psycho- und Sozialtechniken ...................................................................................59
3.4.1 Maßnahmen zum Kommunikationsprozeß ..............................................................60
3.4.2 Psychotechniken...................................................................................................61
3.5 Beurteilung von Risiken und Nutzen ..........................................................................65
3.6 Beurteilung im Überblick...........................................................................................71
3.6.1 Anwendung von Psycho- und Sozialtechniken..........................................................71
3.6.2 Risiko-Beurteilung.................................................................................................72
3.6.3 Nutzen-Beurteilung................................................................................................73
4. Zusammenfassung und Diskussion.............................................................................75
E. Betroffenenbefragung ......................................................................................................81
Norbert Nedopil, Heinrich Küfner, Robert Doerr, Stefanie Eiden
1. Ziele und Methodik....................................................................................................81
1.1 Ausgangssituation und Aufgabenstellung...................................................................81
1.2 Ziele und Fragestellung.............................................................................................82
1.3 Untersuchungsansatz...............................................................................................82
1.3.1 Probandengruppen ...................................................................................................82
1.3.2 Erhebungsinstrumente..............................................................................................83
2. Ergebnisse der Betroffenenbefragung.......................................................................84
2.1 Soziodemographische Daten ....................................................................................84
2.2 Vorerfahrungen.........................................................................................................84
2.3 Gründe für die Kontaktaufnahme mit der Anbieterorganisation .................................85
2.3.1 Motive für die Kontaktaufnahme.....................................................i..........................85
2.3.2 Situative Besonderheiten der Kontaktaufnahme........................................................87
2.3.3 Umstände der Kontaktaufnahme...............................................................................88
2.3.4 Versprechungen der Anbieterorganisationen ............................................................88
2.3.5 Interpretation..... .......................................................................................................89
3. Psycho- und Sozialtechniken und ihre Auswirkungen aus Sicht der Betroffenen.......91
3.1 Spezielle Psycho- und Sozialtechniken................................................... .................91
3.1.1 Therapeutische oder esoterische Verfahren..............................................................91
3.1.2 Spezielle Techniken..................................................................................................92
3.1.3 Psychophysische Methoden......................................................................................94
3.1.4 Diskussion der Anwendung von Psycho- und Sozialtechniken..................................95
3.2 Information und Kommunikation...... .........................................................................97
3.3 Propagierte Ziele und deren Erreichbarkeit...............................................................98
3.31 Ziele..........................................................................................................................98
3.3.2 Erreichen der angebotenen Zielsetzungen................................................................99
3.4 Regel- und Sanktionssysteme.................................................................................101
3.4.1 Regeln und Sanktionen...........................................................................................101
3.4.2 Einschränkungen und Sanktionen...........................................................................102
3.5 Auswirkungen der Teilnahme..................................................................................103
3.5.1 Auswirkungen auf das soziale Umfeld.....................................................................103
3.5.2 Auswirkungen auf das Wohlbefinden - Gesundheitliche Störungen........................105
3.5.3 Psychische Störungen ............................................................................................107
3.5.4 Subjektive Krankheitseinschätzung.........................................................................109
3.5.5 Abhangigkeitsentwicklung.... ..................................................................................110
3.6 Ausstiegssituation................ . ................................................................................115
3.7 Veränderungen in der Werteorientierung ................................................................117
4. Interpretation und Folgerungen aus der Betroffenenbefragung ...............................118
5. Juristischer Teil der Betroffenenbefragung (Heinz Schöch, Raik Werner)...............121
5.1 Zielsetzung ..... ......................................................................................................121
5.2 Gestaltung der Fragen und Grenzen der Sachverhaltsermittlung............................122
5.3 Behandelte Problemkreise................. ....................................................................123
5.3.1 Allgemeine Angaben über die Beziehungen zur Anbieterorganisation ....................123
5.3.2 Bemühungen der Organisation um das gesundheitliche Wohlbefinden...................123
5 3.3 Informationen über Risiken und Wirkungsweise des Kursprogramms.....................124
5.3.4 Ausübung von Heilkunde............................... ........................................................125
5.3.5 Vertragsabschluß mit der Anbieterorganisation.......................................................125
5.3.6 Inanspruchnahme und Finanzierung entgeltlicher Leistungen.................................125
5.3.7 Täuschungshandlungen..........................................................................................126
5.3.8 Nötigungshandlungen .............................................................................................127
5.4 Erläuterung zur Ergebnisdarstellung .......................................................................128
5.5 Ergebnisse..............................................................................................................129
5.5.1 Bemühungen um das gesundheitliche Wohlbefinden..............................................129
5.5.2 Information über Risiken und Wirkungsweise des Kursprogramms.........................133
5.5.3 Ausübung von Heilkunde ........................................................................................143
5.5.4 Vertragsabschluß mit der Anbieterorganisation.......................................................144
5.5 5 Inanspruchnahme entgeltlicher Leistungen der Anbieterorganisation......................145
5.5.6 Finanzierung der Zahlungen an die Organisation....................................................151
5.5.7 Tauschungshandlungen..........................................................................................155
5.5.8 Nötigungshandlungen .............................................................................................159
5.6 Interpretation der Ergebnisse..................................................................................167
F. Analyse der Primärliteratur..................................................................................169
Raik Werner, Heinz Schöch
1. Zielsetzung ............................................................................................................169
2. Methodik.................................................................................................................170
2.1 Forschungsansatz. Strukturierende Inhaltsanalyse .................................................170
2.2 Beschaffung der untersuchten Schriften..................................................................172
2.3 Beschreibung der ausgewerteten Schriften.............................................................173
2.3.1 Schriften der Scientology-Organisation ...................................................................173
2.3.2 Schriften der Landmark-Organisation......................................................................180
2.4 Darstellung der Ergebnisse.....................................................................................181
2.4.1 Auswahl der Zitate..................................................................................................181
2.4.2 Umgang mit organisationsspezifischen Ausdrücken ...............................................182
2.4.3 Zitierweise...............................................................................................................183
3. Ergebnisse der Analyse der Schriften der Scientology-Organisation.......................184
3.1 Ziele der Organisation... . ........... ...........................................................................184
3.1.1 Ziele im Hinblick auf den Einzelnen.........................................................................184
3.1.2 Ziele im Hinblick auf die Organisation selbst...........................................................188
3.1.3 Ziele im Hinblick auf die Gesellschaft......................................................................191
3.2 Menschen- und Weltbild der Organisation...............................................................196
3.2.1 Sicht des Menschen................................................................................................196
3.2.2 Sicht des Lebens ....................................................................................................200
3.2.3 Sicht der Welt ................................................................................................203
3.3 Selbstbild der Organisation .....................................................................................203
3.3.1 Sicht als „Religion"..................................................................................................204
3.3.2 Sicht als „Wissenschaft"..........................................................................................215
3.3.3 Aussagen zum Verhältnis beider Elemente.............................................................220
3.4 Organisationsaufbau und interne Aufgabenverteilung .............................................221
3.4.1 Aufbau der Gesamtorganisation................ .............................................................221
3.4.2 Interne Gliederung und Aufgabenverteilung in einer einzelnen Scientology-Organisation  .227
3.4.3 Fuhrung von Mitarbeitern und Ausübung von Macht........................................... ...230
3.4.4 Vorgaben für Mitarbeiter der Organisation ..............................................................233
3.5 Internes Normensystem der Organisation ...............................................................241
3.5.1 Grundkonzept des Normensystems ........................................................................242
3.5.2 Norminhalte der „Ethik" und des „Rechts" ...............................................................261
3.5.3 Sanktionen..............................................................................................................272
3.5.4 Durchsetzung der Normen ......................................................................................284
3.6 Aktivitäten im wirtschaftlichen und soziokulturellen Bereich ....................................297
3.6.1 Aktivitäten im wirtschaftlichen Bereich ....................................................................297
3.6.2 Aktivitäten im sozialen und kulturellen Bereich........................................................298
3.6.3 Aktivitäten im Gesundheitsbereich ..........................................................................301
3.6.4 Kampf gegen andere „Praktiken" ............................................................................301
3.7 Leistungsaustausch zwischen Organisation und „Kunden" .....................................306
3.7.1 An die Öffentlichkeit gerichtete Aussagen zum Leistungsumfang der angebotenen
Dienstleistungen................... ........... . . ........................................................... .....306
3.7.2 Interne Aussagen zum Leistungsumfang der angebotenen Dienstleistungen..........317
3.7.3 Vom „Kunden" zu erbringende Gegenleistung ........................................................318
3.8 Maßnahmen zur Qualitätssicherung........................................................................326
3.8.1 Ausbildung..............................................................................................................326
3.8.2 Interne Sicherheitsmaßnahmen ..............................................................................329
3.8.3 Vorgaben zum Umgang mit erkannten Fehlern und auftretenden Notfällen ............335
3.9 Umgang der Organisation mit zweifelnden Anhängern und Kritikern.......................339
3.9.1 Perfektion des bestehenden Systems.....................................................................339
3.9.2 Verhinderung von Kritik und Änderungen des bestehenden Systems .....................342
3.9.3 Umgang mit negativ eingestellten oder unsicheren Personen .................................342
3.10 Zusammenfassung der Ergebnisse (Scientology-Organisation).............................. 350
3.10.1 Ziele der Organisation.............................................................................................350
3.10.2 Menschen- und Weltbild der Organisation...............................................................351
3.10.3 Selbstbild der Organisation.......... ..........................................................................351
3.10.4 Organisationsaufbau und interne Aufgabenverteilung.............................................352
3.10.5 Internes Normensystem der Organisation...............................................................352
3.10.6 Aktivitäten im wirtschaftlichen und soziokulturellen Bereich ....................................354
3.10 7 Leistungsaustausch zwischen Organisation und „Kunden" .....................................354
3 10.8 Maßnahmen zur Qualitätssicherung........................................................................355
3.10.9 Umgang der Organisation mit zweifelnden Anhängern und Kritikern.......................355
4. Ergebnisse der Analyse der Schriften der Landmark-Organisation .........................356
4.1 Ziele der Organisation.............................................................................................356
4.1.1 Ziele im Hinblick auf den Einzelnen.........................................................................356
4.1.2 Ziele hinsichtlich der Organisation selbst................................................................357
4.1.3 Ziele hinsichtlich der Gesellschaft . . .................................................................... .357
4.2 Menschen- und Weitbild der Organisation...............................................................358
4.3 Selbstbild der Organisation .....................................................................................358
4.4 Organisationsaufbau und interne Aufgabenverteilung .............................................360
4.5 Internes Normensystem der Organisation.. ............................................................361
4.6 Aktivitäten im wirtschaftlichen und soziokulturellen Bereich ....................................361
10

4.7 Leistungsaustausch zwischen Organisation und „Kunden" ............................... 362
4.8 Maßnahmen zur Qualitätssicherung................. .. . ................................. 363
4.8.1 Ausbildung ...................... ................................ ................... ... 363
482 Interne Sicherheitsmaßnahmen . 364
483 Vorgaben zum Umgang mit erkannten Fehlern und auftretenden Notfallen . 365
4.9 Umgang der Organisation mit zweifeinden Anhangern und Kritikern ............. 365
4.10 Zusammenfassung der Ergebnisse (Landmark-Orgamsation) .............. 365

G. Juristische Bewertung . . .............................................................. ... 367
Raik Werner, Heinz Schöch
1. „Unkonventionelle Psycho- und Sozialtechniken" als Gegenstand juristischer Beurteilung . . .367
2. Gegenstand und Zielsetzung des juristischen Teils der Expertise .........................368
3. Stand der juristischen Auseinandersetzung mit den Organisationen.................. 370
3.1 Rechtsprechung ................ 370
3.1.1 Scientology-Organisation . ........................................................................ . 370
3.1.2 Landmark Education GmbH ..............................................................................380
3.2 Literatur ... .............................................................................381
4. Verfassungsrechtliche Fragen............................................................................384
4.1 Anwendung von Grundrechten ................................................. 384
4.1.1 Anbieterorganisationen als Grundrechtstrager................................................. 384
4.1.2 Anbieterorganisationen als Grundrechtsadressaten........................................... 389
413 (Mittelbare) Drittwirkung von Grundrechten ........................................390
42 Beurteilung interner Normensysteme der Anbieterorganisationen .................. .398
4 2 1 Einzelfragen ............................ 398
4.2.2 Übergreifende Bewertung ..................................................................................400
5. Strafrechtliche Beurteilung ........................................................................ 404
5.1 Straftaten gegen die körperliche Unversehrtheit . .. ........................ 405
5.1.1 Fahrlässige Körperverletzung durch aktives Tun (§ 229 StGB) .................... 405
5 1 2 Vorsätzliche Körperverletzung durch aktives Tun (§ 223 l StGB) ..................... 419
5.1 3 Körperverletzung durch Unterlassen (§§ 223, 229, 13 l StGB) ...................... 420
5.1.4 Strafantragserfordernis ............................................................................ 424
5.2 Straftaten gegen das Leben ....................................................................... 424
5.2.1 Verantwortlichkeit für Suizidfalle .........................................................................425
5.2.2 Fremdtotungen ........................................................................................428
5.3 Nötigung (§ 240 StGB) .............................................. ........... . ........ . ... . ..........428
5.3.1 Sanktionierung in der Scientology-Organisation ...................................................431
5.3.2 Sanktionierung in der Landmark-Orgamsation ...................................................435
5.4 Betrug (§ 263 StGB) ............. ......... . ............................................. ..... . 435
541 Tauschung über Tatsachen ....................................................................... . 435
542 Sonstige Voraussetzungen ............................................. ..439
5.4.3 Vorsatz und Absicht rechtswidriger Bereicherung........................... ..............439
5.4.4 Teilnahme an Betrugstaten der Kunden ................................................................439
5.5 Wucher (§ 291 StGB) . ...................... 440
5.6 Straftaten gegen den personlichen Lebens- und Geheimbereich ..................... 442
5.7 Delikte gegen die öffentliche Ordnung ............................. .. .. 442
5.8 Nebenstrafrecht .. ...................... . . .. .... 444
581 Unerlaubte Ausübung von Hellkunde (§ 5 HeilpraktG) ...................................... 444
582 Progressive Kundenwerbung (§ 6c UWG) ..... .............. . 448
5.9 Bildung krimineller Vereinigungen (§ 129 StGB) ...................................................448
5.10 Psychosoziale „Manipulation"..................................................................................449
6 Zivilrechtliche Beurteilung .. ...................................................................................451
6 1 Vorhandene Vertragsbeziehungen..........................................................................451
61 1 Vertragsinhalte . . . . ...............................................................................452
612 Ablauf des Vertragsschlusses ...............................................................................453
62 Unwirksamkeit von Verträgen . . .. ...............................................................455
6 2 1 Geschäftsunfähigkeit (§§ 104, 105 BGB) ...............................................................455
622 Verstoß gegen Hellpraktikergesetz (§ 134 BGB i V m. § 1 HeilpraktG) ..................456
6.23 Wucher (§138 II BGB) . .... ............................ .......................456
62.4 Sittenwidrigkeit (§138 l BGB) . .. ........................................................................457
6 2.5 Objektive Unmöglichkeit (§ 306 BGB) .....................................................................459
6 2.6 Anfechtbarkeit nach § 123 BGB ..............................................................................460
6.2.7 Rechtsfolgen der Vertragsnichtigkeit.......................................................................460
6.3 Vertragliche Sekundaranspruche .........................................................................462
6.4 Gesetzliche Anspruche...........................................................................................463
7. Vereinsrechtliche Beurteilung .................................................................................463
7.1 Strafgesetzwidrigevereine . ...............................................................................464
7.2 Gegen die verfassungsmäßige Ordnung gerichtete Vereine . ..........................465
7.3 Gegen den Gedanken der Volkerverständigung gerichtete Vereine ........................470
8. Zusammenfassung . . . ..................................................................................470
8.1 Verfassungsrechtliche Fragen.................................................................................470
8.2 Strafrechtliche Beurteilung......................................................................................472
8.3 Zivilrechtliche Beurteilung .......................................................................................474
8.4 Vereinsrechtliche Beurteilung .................................................................................475
H. Zusammenfassende Diskussion..............................................................477
Heinz Schöch, Norbert Nedopil, Heinrich Küfner

Literaturverzeichnis.........................................................................................................483
Anhang..............................................................................................................................489
1. Tabellen . ..... ......................................................................... 491
1.1 Ergänzende Tabellen zu Kapitel D........................................................................ 491
1.2 Ergänzende Tabellen zu Kapitel E..........................................................................527
2. Gutachten von Dr Matthias Mende zu Auswirkungen von Hypnose
und Suggestionsverfahren sowie behavionstischen Therapieverfahren .................573
3. Briefverkehr mit Scientology und Landmark............................................................609
4. Erfahrungsberichte . . ......... ...... .... .... .................................621
4.1 Erfahrungsbericht 1 über die Teilnahme am Landmark-Forum
im März 1995. . . . . ............... ...............................621
4.2 Erfahrungsbericht 2 über die Teilnahme am Landmark-Forum
im September 1999.................................................................................................630
5. Abkürzungsverzeichnis ...........................................................................................647

Klappen-Text
Es handelt sich um eine unkorrigierte Scanner-Abschrift der Rückseite des Buchumschlages
 
 
Auf dem stark wachsenden Markt der Lebenshilfe, der Psychogruppen und der neureligiösen Gruppierungen fehlen Methoden und Instrumente zur objektiven Beurteilung von Risiken und Nutzen im Vergleich verschiedener Anbieterorganisationen. Ziel der vorliegenden Untersuchung war es, mit Hilfe neu entwickelter Instrumente und sich ergänzender empirischer Methoden Erkenntnisse über die Auswirkungen verschiedener Psycho- und Sozialtechniken bei Scientology, Landmark sowie von zwei anerkannten Einrichtungen zur stationären Therapie von Drogenabhängigen zu gewinnen. Dazu wurde eine Experten- und eine Betroffenenbefragung sowie eine Analyse der Primärliteratur dieser Anbieterorganisationen durchgeführt.

Sowohl bei der Anzahl der eingesetzten Beeinflussungsmethoden als auch bei Risiko-und Nutzenprofilen ist die Stärke des Einflusses und das Risiko manipulativer Beeinflussung bei Scientology deutlich größer als bei Landmark. Im Vergleich zur Landmark-Gruppe wiesen die Aussteiger von Scientology mit 46% (bei Landmark 12%) eine wesentlich höhere Zahl von Menschen auf, die sich selbst als psychisch labil oder krank vor Beginn ihrer Erfahrungen mit Scientology bezeichneten. Die Erwartung, von psychischen Problemen und Belastungen befreit zu werden, war ein wesentliches Motiv, sich Scientology zuzuwenden (von 58% der Aussteiger angegeben). Nur 6% waren vorwiegend und 19% etwas an religiösen Aspekten von Scientology interessiert. Die Versprechungen von Scientology beschränkten sich nach Auskunft der Betroffenen nicht auf einzelne Probleme, sondern erschienen allumfassend von der Lösung psychischer Probleme und Störungen bis hin zur Rettung der Welt vor drohenden Katastrophen. 56% der Aussteiger konnten mit Hilfe einer neu entwickelten Abhängigkeitsskala als psychisch abhängig von der Gruppierung und zusätzlich 24% als Klienten mit einem schädlichen Engagement im Sinne negativer Folgen beurteilt werden. Bei Landmark und der Kontrollgruppe wurden von keinem die Kriterien für Abhängigkeit erreicht, 30,8% der Landmark-Teilnehmer und 29,4% in der Kontrollgruppe zeigten ein schädliches Engagement.

Die Scientology-Organisation besitzt ein internes Normensystem, das die Wahrung der Interessen der Organisation ausnahmslos über die Belange des Einzelnen stellt. Die Scientology Gruppe weist ferner ein in sich objektiv widersprüchliches Selbstbild auf: "Religiöse" Ansprüche werden teils stark hervorgehoben, teils nicht erwähnt und teils ausdrücklich negiert. Gleichzeitig werden die angebotenen Dienstleistungen ausdrücklich als Ergebnisse naturwissenschaftlicher Forschung und angewandter Ingenieurskunst dargestellt, was jedoch nicht erfüllt wird. Einige der angebotenen Kurse sind als strafbare unerlaubte Ausübung von Heilkunde anzusehen, soweit sie von Personen durchgeführt werden, die keine Zulassung als Heilpraktiker besitzen. Scientology baut für ihre Anhänger Feindbilder in Form von willkürlich zu "Unterdrückern" erklärten Einzelpersonen wie Psychiatern und Psychologen auf. Massiv kritisiert wird auch die herrschende Gesellschaftsordnung, insbesondere das Sozialstaats


 

Kurzfassung, Buchausgabe Seiten 13 bis 30, entnommen aus:
http://presse.verwaltung.uni-muenchen.de//pdf/pabst.pdf
Hervorhebungen (fett und kursiv) innerhalb des Textes und einige Änderungen des Layouts wurden zwecks besserer Lesbarkeit nachträglich vorgenommen.

Küfner, Nedopil und Schöch:
Gesundheitliche und rechtliche Risiken bei Scientology

Seite 13
Kurzfassung
1. Einführung und Beschreibung der Rahmenbedingungen

1998 wurde der Bericht der Enquête-Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ des deutschen Bundestags unter dem Titel „Neue religiöse und ideologische Gemeinschaften und Psychogruppen in der Bundesrepublik Deutschland“ veröffentlicht. Er versucht, den Wissensstand der Experten zu diesem Thema zusammenzufassen. Er zeigt neben den umfangreichen Darstellungen und Meinungsäußerungen gleichzeitig den Mangel an einem mit wissenschaftlichen Methoden gewonnenen empirischen Wissen auf. Vor allem wurde den von den Gruppierungen angewandten Techniken und den dadurch bei den Betroffenen erzielten Auswirkungen nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

In verschiedenen Bereichen der Humanwissenschaften, vor allem in der Psychologie, der Psychotherapie, aber auch in der Pädagogik und den Sozialwissenschaften wurden effektive Methoden entwickelt, um Verhalten und Einstellungen von Menschen zu verändern. Die Wirkungsweise der jeweils angewandten Methoden ist sowohl für den Konsumenten wie auch für Kontrollorgane nur schwer zu durchschauen. Sie sind lediglich im Bereich der Psychotherapie einigermaßen erforscht. Im Grenzbereich der Lebenshilfe und anderer Organisationen, die modifizierend auf die Psyche des Menschen einwirken wollen, fehlen zusammenfassende Übersichten über die Methoden, ihre Wirkfaktoren und ihre Auswirkungen. Während im professionellen Bereich der Psychotherapie Standesorganisationen und staatliche Aufsichtsbehörden über die Einhaltung der beruflichen und ethischen Standards wachen, fehlen bei dem freien Markt der Lebenshilfe, bei Managementtrainings und bei Psychogruppen derartige Kontrollverfahren. Aus diesem Grund erschien es den Autoren wichtig, ein Instrumentarium zu entwickeln, mit dessen Hilfe Wirkung und Risiken der Techniken von Anbieterorganisationen in diesem Bereich evaluiert werden können.

Das Gesamtphänomen einer Anbieterorganisation kann durch einen einzelnen Untersuchungsansatz nicht adäquat erfasst werden. Das liegt in der Vielfalt von Ansprüchen, Funktionen, Zielen und Aufgaben, die sich die jeweilige Organisation selbst zuschreibt, aber auch an methodischen Problemen und Beschränkungen wissenschaftlicher Untersuchungen. Zur systematischen Einordnung der vorliegenden Expertise lassen sich verschiedene Untersuchungsebenen unterscheiden:

Die vorliegende Expertise beschränkt sich hauptsächlich auf die individuumsbezogene und die juristische Ebene. Aus Sicht der Autoren sollten die Psycho- und Sozialtechniken, mit denen die unterschiedlichen Anbieterorganisationen auf die Teilnehmer an ihren Veranstaltungen und Programmen oder auf ihre Mitglieder einwirken, unabhängig von dem


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jeweiligen weltanschaulichen Hintergrund analysiert und gleichzeitig die Auswirkungen dieser Techniken bei den Betroffenen untersucht werden, um nicht durch Überfrachtung der Fragestellung und durch eine zu große Komplexität bei einer interdisziplinären mehrdimensionalen Analyse eine derartige Untersuchung von vornherein zum Scheitern zu bringen. Untersucht werden deshalb die von den Anbieterorganisationen angewandten Techniken in ihrer Auswirkung auf die jeweilig Betroffenen.

Definition: Im Gegensatz zu den im professionellen Bereich angewandten Methoden der Therapie und der Verhaltensmodifikation haben wir die auf dem freien Markt angewandten Verfahren als unkonventionelle Psycho- und Sozialtechniken (UPS) bezeichnet. Die Bezeichnung unkonventionell kann sich sowohl darauf beziehen, dass bestimmte Psycho- und Sozialtechniken im Rahmen des Gesundheitssystems überhaupt nicht angewendet werden, als auch darauf, dass diese Maßnahmen zwar im Gesundheitssystem zur Anwendung kommen, aber Intensität, Kontrolle oder Indikation für diese Techniken sich von herkömmlichen Anwendungen deutlich unterscheiden. Gemeint sind damit alle Methoden und Techniken, die eine Änderung von Einstellungen, Verhaltensweisen und Kommunikationsstilen des Menschen zum Ziel haben.
 

2. Aufgabenstellung und Ziele der Studie

Globale Aufgaben der Expertise waren:

1. Die Entwicklung von Methoden und Instrumenten zur Beschreibung und Beurteilung von Anbieterorganisationen im Bereich religiöser und weltanschaulicher Gruppierungen sowie Psychogruppen und Lebenshilfeorganisationen außerhalb des anerkannten Gesundheitssystems.
2. Die konkrete Beschreibung der Methoden und Techniken der Anbieterorganisationen Scientology und Landmark.
3. Die rechtliche Beurteilung, ob und in welchem Ausmaß es bei den untersuchten Anbieterorganisationen insbesondere zu strafrechtlichen, verfassungsrechtlichen oder zivilrechtlich relevanten Rechtsverletzungen und möglichen Ansprüchen der Betroffenen kommen kann.


Ziel der Methodenentwicklung war die Beurteilung von Risiken, aber auch eines Nutzens der von den Anbieterorganisationen angewandten Psycho- und Sozialtechniken. Mit der Methoden- und Instrumentenentwicklung sollte auch ein Anstoß für weitere wissenschaftliche Studien erfolgen. Ziel der Beschreibung und Beurteilung der beiden Anbieterorganisationen Scientology und Landmark war die Untersuchung der psychischen, körperlichen und sozialen Auswirkungen der dort angewandten Psycho- und Sozialtechniken für die Teilnehmer und Mitglieder. Bei der dritten Aufgabe war das Ziel, rechtliche Probleme, Konflikte oder Verstöße der beiden Anbieterorganisationen darzustellen und auf eventuelle Lösungswege hinzuweisen.

Die prinzipiellen Risiken, die von Techniken ausgehen, wie z.B. Großgruppen- und Marathonsitzungen, die bei Landmark durchgeführt werden, Biofeedbackverfahren, dem die Anwendung des E-Meters bei Scientology entspricht, oder induzierte Tranceerlebnisse, die in beiden Organisationen angewandt werden, wurden in der Literatur zu diesem Thema und zu den speziellen Anbieterorganisationen ausführlich beschrieben und als bekannt vorausgesetzt. Zu den prinzipiellen Risiken der Anwendung von psychotherapeutischen Techniken durch nicht fachgemäß ausgebildete Laien wird in dem Ergänzungsgutachten („Ungünstige Auswirkungen von Hypnose und Suggestionsverfahren sowie behavioristischen Therapieverfahren“, siehe Anhang 2, Gutachten) Stellung genommen.

Die vorliegende Expertise erfolgte durch Anwendung verschiedener Untersuchungsansätze:

(1) durch Analyse der schriftlichen Quellen der Anwender;
(2) durch Auswertung der Aussagen von Experten, die ein besonderes Wissen über die zu beurteilenden Methoden und deren Anbieter haben;




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(3) durch Auswertung der Aussagen von Betroffenen und
(4) durch teilnehmende Beobachtung der Untersucher, soweit dies möglich war.


Zur Dokumentation und Beurteilung wurden folgende Instrumente eingesetzt:


Die untersuchten Anbieterorganisationen sollten ein möglichst breites Spektrum unterschiedlicher Methoden und Techniken anwenden, unterschiedliche eigene Zielsetzungen propagieren und auf unterschiedliche öffentliche Resonanz stoßen. Deshalb wurden folgende Anbieterorganisationen für die Studie ausgewählt:

Die Scientology-Organisation mit einem – gemäß der eigenen Darstellung und der öffentlichen Rezeption – umfassenden eigenen weltanschaulichen und methodischen Hintergrund, die Landmark-Education als kommerzieller Anbieter auf dem Lebenshilfesektor, dessen Methodik sich jedoch von den üblichen professionellen Therapie- und Beratungsangeboten unterscheidet, und zwei stationäre Therapieeinrichtungen für Drogenabhängige mit professionellem psycho- und soziotherapeutischem Anspruch als Kontrollgruppe. Diese wurde primär wegen der intensiven therapeutischen Beeinflussung durch eine Vielzahl von Methoden ausgewählt.

Während die Therapieeinrichtungen und die Landmark-Education zur Mitwirkung bei der Studie bereit waren, versagte die Scientology-Organisation jede Zusammenarbeit und verwehrte den Mitgliedern der Studiengruppe auch den Zugang zu ihren Versammlungs-, Beratungs- und Schulungsräumen. Auch verhinderte sie, dass aktive Mitglieder und Teilnehmer an den Veranstaltungen der Organisation befragt wurden. Die Folge ist eine gewisse Einschränkung der Gültigkeit der so gewonnenen Aussagen. Da sich die Organisation schon bei einem früheren Versuch eines der Autoren (Norbert Nedopil), sie zu einer Kooperation bei einer wissenschaftlichen Expertise zu bewegen, weigerte, sich selber durch kompetente Vertreter darzustellen, ist zu schließen, dass jede Untersuchung der von Scientology angewandten Methoden durch ihr nicht genehme Forscher scheitern würde, wenn die Kooperation der Organisation zur Voraussetzung einer Studie gemacht wird. Aus diesem Grund haben sich die Autoren entschlossen, die Untersuchung trotz der vorgenannten Einschränkungen durchzuführen und die Ergebnisse mit der gebotenen Vorsicht zu interpretieren.
 
 
 

3. Überblick
 

Der nachfolgende Überblick zum Aufbau der Untersuchung soll die Lesbarkeit des Gesamttextes erleichtern. Nach der Darstellung der Ausgangssituation sowie der Ziele und Aufgaben (Kapitel A) erfolgt im Kapitel B eine von der Primärliteratur ausgehende Beschreibung der untersuchten Anbieterorganisationen, die es dem Leser auf knappem Raum ermöglicht, sich mit dem Selbstverständnis und der Begrifflichkeit der Organisationen vertraut zu machen (Kapitel B).

In Kapitel C werden die methodischen Rahmenbedingungen, die beiden empirischen Untersuchungsansätze hinsichtlich der Instrumente und Untersuchungsgruppen einschließlich der Methodik der Inhaltsanalyse und die durch die Methodik begrenzten



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Aussagemöglichkeiten dargestellt. In den Kapiteln D und E erfolgt die getrennte Auswertung der beiden Befragungen sowie die psychiatrische bzw. psychologische Bewertung der Befunde. Die gegenüber den Befragungen aufgrund ihres qualitativen Ansatzes stark unterschiedliche Methode der Analyse der Primärliteratur wird ausführlich im zugehörigen Kapitel F beschrieben, das auch die Ergebnisse dieses Untersuchungsteils enthält.

In Kapitel G erfolgt eine juristische Bewertung verschiedener denkbarer Fallgestaltungen, die im Zusammenhang mit den Dienstleistungen der Anbieterorganisationen auftreten können und deren praktische Relevanz aufgrund der empirischen Daten abgeschätzt wurde. Vorangestellt ist ein Überblick zum Stand der bisherigen juristischen Auseinandersetzung mit beiden Anbieterorganisationen in Rechtsprechung und Literatur.
In Kapitel H erfolgt eine abschließende zusammenfassende Diskussion der Ergebnisse.
 
 
 

4. Methodik
 

Im ersten Teil der Expertise wird die empirische Untersuchung beschrieben. Es wird eine retrospektive Felduntersuchung mit zwei Teiluntersuchungen, der Expertenbefragung und der Betroffenenbefragung dargestellt. Der zweite Teil besteht aus der Analyse der Primärliteratur mit einer inhaltsanalytischen Methodik.

Aussagen über die Wirkungen von Psycho- und Sozialtechniken führen zu einer Reihe von methodischen Problemen, für die in dem beschränkten Rahmen der Expertise eine Lösung gefunden werden mußte. Zunächst ist hervorzuheben, daß die Untersuchung von Psycho- und Sozialtechniken bei Anbieterorganisationen mit jahrelanger bzw. lebenslanger Mitgliedschaft nicht in einer experimentellen Weise mit randomisierter Zuordnung der Probanden möglich ist. Eine prospektive Studie ist dann realisierbar, wenn die Untersuchung über mehrere Jahre und mit vollem Einverständnis der Anbieterorganisationen erfolgen kann. Beide Voraussetzungen waren in der vorliegenden Expertise nicht gegeben.
Die beiden retrospektiven Teiluntersuchungen ermöglichten
1. die Beschreibung der angewandten Psycho-und Sozialtechniken,
2. die Beurteilung von Risiken und Nutzen durch
Experten und
3. in abgeschwächter, interpretativer Form Aussagen über Veränderungen von Diagnosen und Symptomen bzw. Beschwerden aufgrund der Selbstangaben der Probanden.

Expertenbefragung

Für die Expertenbefragung wurden Personen ausgesucht, die Klienten und deren Angehörige wegen Problemen und Schwierigkeiten in Zusammenhang mit ihrer Teilnahme bei unterschiedlichsten Anbieterorganisationen beraten. Auswahlkriterien waren unterschiedliche therapeutische Ausrichtungen, Beratungserfahrung, Tätigkeit in stationären und ambulanten Einrichtungen sowie unterschiedliche Träger (Staat, Kirchen, Wohlfahrtsverbände). Aus einer Liste aller auf diesen Bereich spezialisierten Beratungseinrichtungen in Deutschland wurden nach diesen Kriterien 20 Experten ausgewählt, davon kam ein Interview aus Zeitgründen nicht zustande.
Zur Datenerhebung wurde hauptsächlich aufgrund von Literatur über Psycho- und Sozialtechniken und über mentale Programmierung ein umfangreicher Interviewleitfaden entwickelt, der aus folgenden Teilen besteht:
In Teil 1 werden Angaben zur Person des Experten und seinem Erfahrungshintergrund erfaßt.
In Teil 2 geht es um die Ausgangssituation der Klienten und um die Kontaktaufnahme und
in Teil 3 steht die Erfassung der Psycho- und Sozialtechniken (Aufnahme, Führung, Regeln, Ziele, Kontrolle, spezielle Psycho- und Sozialtechniken und Maßnahmen beim Ausstieg) sowie die Beurteilung von Risiken und Nutzen im Mittelpunkt.
Die Experten sollten diese Techniken auf der Grundlage ihrer Erfahrungen hinsichtlich Risiken und Nutzen für die Klienten einschätzen. Risiko wurde dabei definiert als negative Folgeerscheinungen für die Klienten und Nutzen als positive Auswirkungen im psychischen, körperlichen oder sozialen Bereich. Vor der Durchführung erfolgte eine Schulung der Interviewer, um die komplexen Beurteilungsprozesse genauer erläutern zu können.



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Betroffenenbefragung

Die Betroffenenbefragung stellt methodisch wie die Expertenbefragung eine retrospektive Feldstudie dar. Die quantitativen und qualitativen Daten der Betroffenen wurden mittels vier voneinander unabhängigen Untersuchungsinstrumenten erfaßt:
a) Ein für die Untersuchung konzipiertes semi-standardisiertes Interview. Für die Kontrollgruppe mußte eine geringfügig modifizierte Form entwickelt werden
b) Das Strukturierte Klinische Interview für DSM-IV (SKID-I, Wittchen, H.-U., Wunderlich, U., Gruschwitz, S. & Zaudig, M., 1997; SKID-II, Fydrich, T., Renneberg, B., Schmitz, B. & Wittchen, H.-U., 1997)
c) Ein eigens entwickelter Selbstbeurteilungsfragebogen zur Erfassung der Abhängigkeit
d) Ein Fragebogen zur Erfassung von Wertehaltungen.

Ad a): Der neu entwickelte Interviewleitfaden für Betroffene setzt sich aus sieben Teilbereichen zusammen und enthält die gleichen Psycho- und Sozialtechniken wie in der Expertenbefragung, wenn auch in einer anderen Strukturierung. Weiterhin beinhaltet er spezifische Fragen zur Beurteilung juristischer Aspekte und eine Liste von Symptomen und Beschwerden.
Die Teilbereiche lauten:

I. Art und Umstände der Kontaktaufnahme,
II. Ergebnisse und/oder Kontakte mit oder in der Anbieterorganisation,
III. Angebote und Themen der Anbieter,
IV. Aufbau und Struktur der Anbieterorganisation,
V. Techniken und Methoden der Anbieter (Psycho- und Sozialtechniken),
VI. Verhalten der Anbieter bei Ausstieg bzw. Verweigerung,
VII. Erlebte Veränderungen (Symptome und Probleme auf psychischer, sozialer, gesundheitlicher und finanzieller Ebene).
In den Bereichen I-IV handelt es sich um Ja/Nein Fragen. In den Bereichen V-VII werden Häufigkeit und Intensität mittels einer fünf-stufigen Skala erfragt (gar nicht, ein wenig, ziemlich, stark, sehr stark). Ferner beurteilen die Betroffenen die erlebten Methoden und Techniken hinsichtlich Schädlichkeit und Nützlichkeit mit einer sechs-stufigen Skala (nicht beurteilbar, etwas schädlich, schädlich, weder noch, etwas nützlich und nützlich). Das Interview bietet außerdem die Möglichkeit, offene Fragen zu stellen und diese mit aufzunehmen.

Ad b): Das Strukturierte Klinische Interview für DSM-IV (SKID-I, Wittchen et al., 1997) ist ein in wissenschaftlichen Studien verbreitetes, semi-strukturiertes klinisches Interview, welches dem klinisch erfahrenen Untersucher erlaubt, Symptome, Syndrome und Diagnosen entsprechend den diagnostischen Kriterien des Diagnostic and Statistical Manuals of Mental Disorders in seiner vierten Revision (DSM-IV) zu erfassen. Das Interview besteht aus zwei Teilen: Achse I Psychopathologie, das zu psychiatrischen Diagnosen führt, und Achse II Persönlichkeitstörungen (Fydrich et al., 1997). Mit diesem Interviewinstrument können ambulante, wie stationäre psychiatrische oder allgemeinmedizinische Patienten untersucht werden; ferner können auch Patienten untersucht werden, die sich nicht als Patienten mit psychischen Störungen präsentieren, z.B. im Rahmen von Bevölkerungsuntersuchungen. Die Sprache und das Spektrum an Symptomen und Störungen ist an Erwachsene (ab 18 Jahren) angepaßt.

Ad c): In Form einer Selbstbeurteilungsskala (Abhängigkeitsskala, A-Skala) wurden Items aus dem Bereich der Abhängigkeit von psychotropen Substanzen (Feuerlein et al., 1999) für den Bereich der psychischen Abhängigkeit von Anbietern unkonventioneller Psycho- und Sozialtechniken umformuliert.

Ad d): Aus der Shell-Studie (Jugendwerk der Deutschen Shell Studie, 1992) wurde ein Fragebogen zur Erfassung von Wertehaltungen übernommen. Damit sollte erfaßt werden, inwieweit es in der Zeit der Teilnahme an Veranstaltungen der Anbieterorganisation zu Veränderungen in der Wertehaltung gekommen ist.

Die Betroffenenstichprobe setzt sich aus folgenden Gruppen zusammen:

26 Teilnehmer der Scientology-Organisation: Ursprünglich war geplant, 20 sogenannte Aussteiger und 10 aktive Mitglieder von Scientology zu befragen. Nach zwei Anschreiben an die Scientology-



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Organisation und entsprechender schriftlicher Ablehnung (siehe Anhang) mußten wir auf die Einbeziehung aktiver Mitglieder von Scientology verzichten.
17 Teilnehmer der Landmark Organisation: Davon waren fünf Personen aktiv in der Organisation tätig, vier hatten eine Ausstiegsberatung in Anspruch genommen, der Rest waren Teilnehmer, die über die Organisation von Landmark benannt worden waren. Ursprünglich geplant waren 10 Teilnehmer, die über Beratungsstellen geschickt werden sollten. Da entsprechende Betroffene nichts mehr mit dem Thema zu tun haben wollten, kam dies nicht zustande. Die restlichen sollten über Landmark-Organisationen rekrutiert werden. Dabei zeigten sich unerwartete Engpässe, so daß die geplanten Zahlen nicht ganz erreicht werden konnten.
20 Patienten stationärer Einrichtungen zur Entwöhnungsbehandlung für Drogenabhängige: In zwei Suchtfachkliniken wurden je 10 Klienten befragt. Einzige Bedingung war, daß sie zumindest einen Monat dort in Therapie sein mußten, um die Fragen zur Behandlung beantworten zu können.

Die Befragung der Betroffenen sollte zeitlich versetzt nach der Expertenbefragung beginnen, um eventuell unbeachtete Aspekte gegebenenfalls in die Befragung nachträglich aufnehmen zu können. Vorab wurde eine interne Interviewerschulung durchgeführt. Bei einem Workshop zum Thema Unkonventionelle Psycho- und Sozialtechniken und über die geplanten Teiluntersuchungen hat ein Experte die Meinung vertreten, daß die Durchführung des SKID bei den zu interviewenden Aussteigern von Scientology höchst problematisch und daher nicht zu vertreten sei. Wir mußten daher bei jenen Probanden, die über diesen Experten vermittelt wurden, auf die Durchführung des SKID verzichten.

Auswertung

Die Auswertung erfolgte mit dem statistischen Programmpaket SPSS. Die statistischen Verfahren im Einzelnen werden unmittelbar vor Darstellung der Ergebnisse erläutert. Ein Großteil der Basistabellen befindet sich im Anhang.

Methodik zur Analyse der Primärliteratur

Im Gegensatz zu den beiden Befragungen war die Literaturanalyse primär qualitativ ausgerichtet. Als Untersuchungsansatz wurde das Modell der strukturierenden Inhaltsanalyse nach Mayerling (1991) gewählt. Dieser ist neben einer inhaltlichen Zusammenfassung durch eine interpretative Zuordnung der gefundenen Aussagen zu einem vorher formulierten Fragenkatalog charakterisiert.
 
 
 

5. Ergebnisse
5.1 Expertenbefragung

Erfahrungsgrundlage
 

Hinsichtlich des Umfangs der Beratung und des zeitlichen Aufwandes variierten die Angaben pro Berater erheblich. Die Variation der Beratungsdauer weist auf sehr unterschiedliche Konzepte der Beratung hin. Diese reichten von Aufgaben der Vermittlung bis hin zu Therapiekonzepten, wobei diese Konzepte nicht Gegenstand der vorliegenden Expertise sind. Festzuhalten bleibt, daß Scientology und Landmark neben den christlich fundamentalistischen Anbieterorganisationen eine bedeutende Rolle im Klientel der Experten einnehmen.

Expertenstichprobe

Die Erfahrung der befragten Experten bezieht sich auf eine Selektion von Probanden, die in irgendeiner Weise Probleme mit der jeweiligen Anbieterorganisation bekommen haben und deshalb zur Beratung gekommen sind. Es handelt sich also um Personen mit negativen Erfahrungen, was allerdings auch gleichzeitige positive Erfahrungen mit der Anbieterorganisation keineswegs ausschließt. Insgesamt ist aber damit zu rechnen, daß die Experten über ihre Klienten mehr die problematischen Aspekte einer Anbieterorganisation



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kennenlernen. Die Auswahl an Experten erfolgte nach den Kriterien der regionalen Verteilung, der Trägerorganisationen und der Berufsgruppen, so daß eine Repräsentativität für die Berater in diesem Bereich gegeben erscheint, auch wenn die Gruppe mit 19 Beratern nicht groß ist. Zwei Berater hatten zwar nicht viele Klienten angegeben, dafür aber erhebliche Beratungsarbeit mit Angehörigen durchgeführt, so daß sie in der Auswertung verblieben sind.

Angewandte Verfahren

Es werden nur jene Aussagen erwähnt, bei denen mindestens zwei Drittel der Experten übereinstimmen. Die Ergebnisse stellen die Sichtweise der Experten dar.
Bei den Gründen für eine Kontaktaufnahme mit einer Anbieterorganisation wird zwischen dem Anlass und einer langfristig sich entwickelnden Disposition unterschieden. Mit Disposition sind motivationale Faktoren und Einstellungen gemeint, nicht Persönlichkeitsfaktoren. Probleme mit Eltern und mit der Partnerschaft sind nach Meinung der Experten häufige Gründe im Sinne von Anlässen für eine Kontaktaufnahme, während eine allgemeine Unzufriedenheit, die Suche nach Selbsterfahrung und Persönlichkeitsentwicklung eher langfristige Entwicklungstendenzen darstellen. In der Regel sind immer mehrere Gründe für eine Kontaktaufnahme entscheidend.

Hinsichtlich der im Vordergrund stehenden Symptome im Klientel werden von den Experten an erster Stelle die Symptome Niedergeschlagenheit, Kontaktstörungen und Schuldgefühle genannt. Bei Scientology-Klienten stehen dagegen eher die Unfähigkeit zu vertrauen und Tendenzen der Überidealisierung an der Spitze der Nennungen gefolgt von Schuldgefühlen, Niedergeschlagenheit und Kontaktstörungen. Inwieweit dies den Einfluß von Scientology oder eine spezifische Persönlichkeitsauswahl widerspiegelt, bleibt eine offene Frage.

Die Kontaktaufnahme bei Scientology ist nach Meinung der Experten charakterisiert durch das persönliche Ansprechen von Personen auf der Straße, die Durchführung von Persönlichkeitstests und das Angebot einer persönlichen Beratung. Bei Landmark erfolgt der Kontakt hauptsächlich über Angehörige und Freunde, die an einem der Kurse teilgenommen haben. Die Durchführung eines Persönlichkeitstests, dessen psychometrische Gütekriterien Reliabilität und Validität nicht belegt sind, erscheint in den Händen von Laien problematisch.

Der Kommunikationsprozeß ist nach Meinung der Experten dadurch gekennzeichnet, daß beide Anbieterorganisationen (Scientology und Landmark) ein gruppenspezifisches Begriffssystem entwickelten, das sie zur Vermittlung eines Erklärungssystems für Verhaltensprobleme und für ihr Verständnis von Leben und Welt einsetzen. Von allen Experten wird angegeben, daß Ziele, Regeln und interne Strukturen nicht offen dargelegt werden. Charakteristisch für Scientology ist der Einsatz von Instrumenten (Fragebogen, EMeter) zur Steuerung von Informationen und das Überwiegen des Zweiergesprächs, während bei Landmark der Gruppenprozeß im Vordergrund steht.

Hypnose dürfte bei Scientology nach Aussagen von Hubbard in seinem Dianetik Buch (1950) überhaupt nicht angewandt werden. Dennoch werden von den Experten Hypnosetechniken  bei Scientology angegeben. Eine Erklärung liegt darin, daß Hypnosetechniken in einem unterschiedlichen Kontext eingesetzt werden und unterschiedlich definiert werden. Scientology ist nach Ansicht der befragten Experten charakterisiert durch Psychotechniken, die „frustrane Situationen“ erzeugen und monotone Tätigkeiten als Übung veranlassen. Die bei Scientology im Auditing verwendeten Techniken der ständigen Wiederholungen früherer problematischer Erlebnisse und Erfahrungen zur Löschung sogenannter Engramme kommen dabei mehr indirekt zum Ausdruck.

Bei beiden Anbieterorganisationen wird Länge und Intensität von Sitzungen zur Beeinflussung der Teilnehmer eingesetzt. Für Scientology erscheint das Fokussieren von Sinneseindrücken besonders charakteristisch.



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Bei Scientology werden nach Erfahrung der Experten abwertende Psychotechniken eingesetzt, welche die bisherigen Ansichten und Meinungen des Betroffenen in Zweifel stellen, ihn von seinem sozialen Umfeld lösen, indem u. a. die Werte und Normen seines bisherigen Umfeldes in Frage gestellt werden. Bei Scientology wurde von vielen Experten auch ein Kontaktabbruch zur Familie angegeben.
Landmark legt den Schwerpunkt mehr darauf, alte Haltungen und Einstellungen der Teilnehmer in Frage zu stellen, damit neue erfolgreichere Einstellungen entwickelt werden können. Außerdem wird nach Aussagen der Experten die Anwerbung neuer Teilnehmer betont.
Gruppendruck gegenüber den Teilnehmern bei beiden Organisationen wurde übereinstimmend von allen Experten erwähnt, insbesondere wenn ein Teilnehmer von Gruppennormen abweicht oder eine Anbieterorganisation verlassen will. Selektive Belohnung und Bestrafung ist eine psychoedukative Maßnahme, die offenbar ebenfalls sehr häufig eingesetzt wurde. Bei Scientology wird darüber hinaus der Verlust von Privilegien, Sondertrainings sowie Bloßstellung vor anderen praktiziert. Fast übereinstimmend wurde gesagt, daß von den Teilnehmern mehr Leistungen (Arbeit) verlangt wurde, als sie an Gegenleistung bekommen haben.

Die Führungsstruktur einer Anbieterorganisation wird durch die in diesem Bereich gestellten Fragen nur hinsichtlich der Rolle einer Führungsfigur ausreichend wiedergegeben. Bei Scientology dominiert zwar hinsichtlich der Grundkonzepte der Gründer L. Ron Hubbard, entscheidend für die Gegenwart erscheint aber die aktuelle Organisationsstruktur, die in der Regel im Erfahrungsfeld der Experten keine herausragende Rolle spielt und deshalb an dieser Stelle nicht ausreichend bewertet werden kann. Bei Landmark nimmt der jeweilige Leiter des Forums eine dominante Stellung für die Teilnehmer ein. Die Anstiftung zu illegalen Handlungen bei Scientology bedarf einer inhaltlichen Klärung. Insbesondere können bei diesem Item noch keine Aussagen darüber getroffen werden, inwieweit den Antworten der Befragten tatsächlich Sachverhalte zugrunde lagen, die den strengen Anforderungen einer Anstiftung im strafrechtlichen Sinne entsprechen.

Wichtige Ziele bei Scientology wie bei Landmark sind nach Meinung der Experten die Entwicklung eines Lebenskonzeptes und die Leistungssteigerung. Darüber hinaus erscheint bei Scientology die Befreiung von Symptomen und Störungen eine erhebliche Rolle zu spielen. Das bedeutet, daß nach Expertenauffassung Scientology auch ein Therapieversprechen gibt. Außerdem wird in Zusammenhang mit Scientology noch meist das Ziel der Menschheitsrettung erwähnt. Die letzten beiden Ziele sind auf gesellschaftlicher Ebene von besonderer Brisanz.

Risiko- und Nutzenbeurteilung

Die Risikobeurteilung der Psycho- und Sozialtechniken durch die Experten erfolgt im Hinblick auf die Probleme und Symptome ihrer Klienten sowie unter dem Aspekt der Manipulation durch die Anbieterorganisation. Die Beurteilung des Nutzens von Psychotechniken, die zum Teil in der Literatur als Manipulationstechniken beschrieben werden, ist für Experten besonders schwierig. Deshalb sollten sie den Nutzen aus Sicht der Klienten beurteilen, um die Attraktivität dieser Verfahren deutlich zu machen. 4 von 9 Maßnahmen zum Kontaktbeginn sind nach Ansicht von mindestens zwei Drittel der Experten mit einem hohen Risiko verbunden. Ein starker Nutzen wird von den Experten nur bei zwei der neun Maßnahmen gesehen. Wenn man als Voraussetzung fordert, daß eine Maßnahme von mindestens zwei Drittel der Experten als vorhanden beurteilt wird, dann werden bei Scientology drei der vier riskanten Methoden zum Kontaktbeginn eingesetzt, bei Landmark sind es ebenfalls drei.

10 von 12 Methoden zur Steuerung der Kommunikationsprozesse wurden von den Experten als hohes Risiko eingestuft und unter der Klientenperspektive 6 Methoden mit einem hohen Nutzen in Verbindung gebracht. Darunter sind zwei Verfahren, nämlich das Erfassen von Persönlichkeitsproblemen und damit zusammenhängend der Einsatz von Meßinstrumenten,



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die sowohl als stark riskant, aber auch in der Klientenperspektive als sehr nützlich eingeschätzt wurden.
Bei Scientology werden 9 der 10 hoch riskanten Methoden zur Steuerung der Kommunikationsprozesse eingesetzt, bei Landmark kommen 6 der 10 Methoden mit hohem Risiko im Sinne einer Manipulation zur Anwendung.

Spezielle Psychotechniken

8 von 12 Psychotechniken werden in der Klientenperspektive der Experten als sehr nützlich angesehen, davon gehören drei auch zur Gruppe von Verfahren mit hohen Risiken. Die Psychotechniken mit hohem Nutzen lauten: Entspannungsverfahren, körperorientierte Verfahren, Induktion von Trance-Zuständen, Methoden der geführten Imagination, Meditationsverfahren, Unterstützung durch eine hilfsbereite Person und, unerwartet, auch Hyperventilationsübungen.

Zusammenfassend werden praktisch genau so viele spezifische Psychotechniken als hoch riskant wie als stark nützlich beurteilt.

Der Scientology-Organisation werden drei spezielle Psychotechniken mit hohem Risiko zugeordnet (monotone Tätigkeiten, unbewegliche Körperstellungen, Meditationsverfahren), bei Landmark kommt danach keine Psychotechnik mit hohem Risiko zur Anwendung, allerdings verfehlt die Technik der frustranen Situationen nur knapp die Kriterien. Eine in der Klientensicht nützliche Psychotechnik (Meditationsverfahren) wird von den Experten auch häufig bei Scientology genannt, bei Landmark wird offenbar keines der als besonders nützlich bewerteten Verfahren eingesetzt. Knapp die Kriterien nicht erreicht haben bei Scientology die Methoden der Induktion von Trance-Zuständen und die Methode der geführten Imagination.

Substanzeinnahme

Hinsichtlich der Risikobeurteilung werden drei von sechs Fragen zur Substanzeinahme von den befragten Experten als sehr riskant angesehen und vier in der Klientenperspektive als sehr nützlich. Nicht nachvollziehbar ist die positive Einschätzung von Halluzinogenen durch die Experten.

Bei Scientology trifft nur die Verabreichung von Vitaminpräparaten zu, was aber nicht als sehr riskant, sondern im Gegenteil in der Klientenperspektive als sehr nützlich eingeschätzt wurde. Bei Landmark spielt die Einnahme von Substanzen offenbar keine Rolle.

Psychophysische Methoden

Sechs psychophysische Verfahren mit hohem Risiko stehen einem Verfahren mit gleichzeitig hohem Nutzen gegenüber. Dazu gehören Schlafentzug, starke körperliche Belastung ohne ausreichende Ruhezeiten und Nahrungszufuhr, körperliche Anstrengung bis zur Erschöpfung (z.B. durch überlange Saunagänge), besondere Zuwendung nach körperlicher Belastung und sensorische Deprivation (z.B. Verbinden der Augen u.a.). Der Nutzen und die Attraktivität psychophysischer Verfahren wird demnach in der Klientenperspektive insgesamt als gering eingeschätzt. Entspannungsverfahren, die man ebenfalls zu den psychophysischen Methoden rechnen könnte, sind allerdings bereits bei den speziellen Psychotechniken erwähnt worden.

Bei Scientology kommen zwei riskante Methoden zur Anwendung, nämlich körperliche Anstrengungen bis zur Erschöpfung, hauptsächlich durch überlange Saunagänge und ein mangelnder Ausgleich körperlicher Belastung durch Ruhezeiten und entsprechender Ernährung. Bei Landmark wird der Schlafentzug (hier nicht als psychiatrische Behandlungsmethode zu verstehen) von den Experten als Risiko eingeschätzt.

Kontrolle und Sanktionen

Bei Scientology werden nach Expertenmeinung sieben stark riskante Regeln und Kontrollmaßnahmen eingesetzt, bei Landmark nur drei. In der Klientenperspektive gibt es bei Scientology auch als nützlich beurteilte Maßnahmen (Druck, spezielle Schriften zu lesen, Leistungen ohne Gegenleistung).



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Führung

Folgende Führungsmethoden sind nach Ansicht der Experten mit einem hohen Risiko verbunden, nämlich
1. eine dominante Führungsfigur, nach der sich alle zu richten haben,
2. der Führungsfigur wird Allmacht, Wunderfähigkeit u.ä.m. zugeschrieben und
3. der Führer versucht, Elternfiguren zu ersetzen.
Außerdem werden Anstiftung zu illegalen Handlungen und sexueller Mißbrauch ausgehend von Führungspersonen als äußerst riskant eingeschätzt.

Bei Scientology werden nach Meinung der Experten zwei hoch riskante Führungsmethoden angewandt, nämlich die Orientierung an einer dominanten Führerfigur und die Anstiftung zu illegalen Handlungen, was aber nicht durch konkrete Beispiele ausgeführt wird. Bei Landmark werden die Kriterien für einen relevanten Einsatz der jeweiligen Methode nicht erfüllt.

Regeln und Normen

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß Regeln und Normen als wenig problematisch eingeschätzt werden und sogar mehr Regeln mit einem hohen Nutzen bewertet werden als mit einem hohen Risiko. Regeln und Vorschriften hinsichtlich des Berufes werden von den Experten allerdings als besonders kritisch beurteilt.
Bei Scientology wurde das Kriterium für ein hohes Risiko für Regeln und Normen hinsichtlich des Glaubens knapp nicht erfüllt. Ansonsten werden sowohl bei Landmark als auch bei Scientology die hier erfaßten Regeln und Normen als wenig problematisch eingeschätzt.

Ziele

Mit zwei wichtigen Ausnahmen werden bei den möglichen Zielen einer Anbieterorganisation wenig Risiken gesehen. Nur die Ziele Rettung der Menschheit und ein Heilungsversprechen wurden als starkes Risiko bewertet. Acht der 12 Ziele wurden dagegen in der Klientenperspektive als sehr nützlich für die Klienten beurteilt. Bei Scientology erscheinen besonders problematisch die Ziele Rettung der Menschheit und das Heilungsversprechen, bei Landmark gibt es nach Expertenmeinung keine hoch problematischen Ziele.

Vier Ziele, die bei Scientology in der Regel auftreten, sind als sehr nützlich eingeschätzt worden (Lebenskonzept, Leistungssteigerung, Einsicht in eigenes Verhalten, Befreiung von Symptomen und psychischen Beschwerden), bei Landmark gibt es drei Ziele mit großem Nutzen (Lebenskonzept, Leistungssteigerung, Einsicht in eigenes Verhalten).

Bemerkenswert ist, daß mit Ausnahme der Einnahme von Substanzen in allen Bereichen zwischen 50 und 100% der abgefragten Psycho- und Sozialtechniken auch tatsächlich im Klientel der Experten aufgetreten sind. Das bedeutet, daß die Experten als Berater die aufgelisteten Methoden über ihre Klienten kennen und daher auch in der Lage sind, diese zu beurteilen.

Hinsichtlich des Ausmaßes angewandter Psycho- und Sozialtechniken in den einzelnen Bereichen variiert bei Scientology die Rate angewandter Methoden zwischen 16,7% (Einnahme von Substanzen) und 92,9% (Maßnahmen hinsichtlich des sozialen Umfeldes, soziale Isolierung). Bei Landmark sind den Experten sehr viel weniger angewandte Methoden bekannt (zwischen 0 und 68,8%).

Wenn man die Anzahl der eingesetzten Methoden als Maß der Einflußpower einer Anbieterorganisation auf den Einzelnen ansieht, dann ist diese von Scientology deutlich größer als von Landmark. Bei Scientology kommen 69 der 94 Psycho- und Sozialtechniken zur Anwendung (73,4%), bei Landmark sind es lediglich 35 (37,2%). Auch wenn die Dauer der Einwirkung nicht direkt erfaßt wird, so kommt sie wahrscheinlich indirekt in der Anzahl der angewandten Techniken, die ja zur Durchführung entsprechende Zeit benötigen, zum Ausdruck.
 



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5.2 Befragung von Betroffenen
 

Bei einer Zusammenschau der bei der Betroffenenbefragung erhobenen Daten ist zunächst erkennbar, dass es sich bei den Befragten aus den drei Gruppierungen um ganz unterschiedliche Populationen handelt, die sich sowohl in Bezug auf ihre soziodemographische Herkunft, auf ihren Bildungs- und Erwerbsstatus wie auch in ihren Bedürfnissen und Zielen in vielen Aspekten unterscheiden. Diese Unterschiede in der Ausgangssituation sind bei der Beurteilung der Auswirkungen von Psycho- und Sozialtechniken zu berücksichtigen.

Landmark

Die Landmark-Teilnehmer hatten durchgehend einen verhältnismäßig hohen sozioökonomischen Status, 80% hatten Abitur, alle waren erwerbstätig und mit 30 bis 50 Jahren im Mittel um etwa 10 Jahre älter als die Mitglieder der Kontrollgruppe. Psychische Störungen und Probleme wurden von den Befragten nur selten berichtet, Heilungswünsche nicht artikuliert. 88% der Befragten gaben Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis als Ziel ihrer Teilnahme an, je 48% das Erlernen von privaten bzw. beruflichen Erfolgsstrategien. Die meisten, die diese Ziele angaben, glaubten auch, sie erreicht zu haben (Erfolgsquotienten zwischen 0,6 und 1,0). Die Versprechungen der Anbieterorganisation, nämlich Verbesserung des Selbstbewusstseins im Umgang mit Anderen und Verbesserung des Durchsetzungsvermögens, entsprachen offensichtlich weitgehend der Bedürfnislage der Teilnehmer. Kritisch muss die Verwendung einer gruppenspezifischen Sprache (von 88% angegeben), die Neudefinition von Alltagsbegriffen (52%) und das Nahelegen von universellen Erklärungsmodellen für persönliche Probleme (82%) gesehen werden. Abgrenzung und Simplifizierung dürften eine gewisse Selbstüberschätzung der Methode und derer, die sie beherrschen, nach sich ziehen. Unter den von Landmark angewandten Techniken verdient die geführte Imagination (von 53% angegeben) und die Induktion von Trancezuständen (18%) besondere Erwähnung. Die Ziele und Strukturen bei Landmark waren den meisten Teilnehmern ausreichend transparent. Kritik wurde offensichtlich zugelassen, jedoch zum Teil dem Kritiker wieder zurückgegeben (von 53% angegeben). Auswirkungen wurden in positiver wie in negativer Hinsicht beschrieben, wobei sich die positiven und negativen Auswirkungen die Waage hielten. Eine Zunahme gesundheitlicher Probleme wurde nur von einem der Befragten berichtet, vorübergehende psychische Beeinträchtigungen von drei Teilnehmern. Die Organisation hatte in keinem Fall einen Ausschließlichkeitsanspruch. Der Ausstieg war problemlos möglich. Lediglich ein Befragter berichtete von telefonischer Belästigung nach dem Ausstieg. Lästig erschien 53% der Befragten der Druck zur Werbung für die Organisation.

Scientology

Die Probanden aus der Scientology-Gruppe waren ausschließlich Aussteiger, so daß keine  Repräsentativität für die Teilnehmer von Scientology insgesamt angenommen werden kann. Die Aussagen können jedoch als charakteristisch für Aussteiger von Scientology betrachtet werden, die irgendeine Form der Beratung aufgesucht haben. Scientology hatte sich trotz intensiver Bemühungen der Untersucher geweigert, Teilnehmer ihrer Kurse oder Mitglieder der Organisation für eine Befragung zu benennen oder Ansprechpartner für die Befragung zur Verfügung zu stellen.

Im Vergleich zur Landmark-Gruppe wiesen die Aussteiger von Scientology mit 46% (bei Landmark 12%) eine wesentlich höhere Zahl von Menschen auf, die sich als psychisch labil oder krank vor Beginn ihrer Erfahrung mit der Organisation bezeichneten. Die Häufigkeit von Teilnehmern mit einer psychiatrischen Diagnose unterschied sich allerdings weniger deutlich, wenn man die kleinen Fallzahlen bei dieser speziellen Auswertung berücksichtigt (21% versus 11,8%). Entsprechend war neben anderem die Erwartung, von psychischen Problemen und Belastungen befreit zu werden, ein wesentliches Motiv, sich Scientology zuzuwenden (von 58% angegeben). Diesen Erwartungen entsprach auf der Seite der Organisation das Versprechen, die Betroffenen von inneren Blockaden (von 61% angegeben) und psychischen Problemen (von 58% angegeben) zu befreien.



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Darüber hinaus und im Gegensatz zu den beiden anderen untersuchten Gruppen standen nur bei Scientology Ziele und Versprechen im Vordergrund, die nicht nur das einzelne Individuum, sondern die Menschheit und die Welt insgesamt betreffen und zudem transzendentale und esoterische Aspekte umfassen. Wenngleich die Suche nach spirituellen Erfahrungen eine gewisse Rolle bei einigen Befragten gespielt haben mag, waren nur 6% vorwiegend und 19% etwas an religiösen Aspekten der Anbieterorganisation interessiert. Die Versprechungen von Scientology beschränkten sich nach Auskunft der Betroffenen nicht auf Einzelaspekte des jeweiligen Interessenten, sondern erschienen allumfassend, von der Lösung psychischer Probleme und Störungen bis zur Rettung der Welt vor drohenden Katastrophen. Nach den Berichten der Betroffenen wurde von Scientology neben vereinzelten Verfahren, die aus der Psychotherapie stammen, vor allem eine Vielfalt von Methoden angewandt, die psychologischen Manipulationstechniken vergleichbar sind. Dazu gehören der Zwang zu monotonen und unsinnig erscheinenden oder frustrierenden Aufgaben (von über 80% angegeben), die Schaffung von Double-bind-Situationen (35%), die Verstärkung bestehender Ängste (31%) und die Vermittlung des Eindrucks, dass die Organisation den Probanden genau und in seinen Geheimnissen kennt (39%). Die umfassende und offensichtlich durchgeführte Dokumentation über Teilnehmer und deren Benutzung wurde von allen Aussteigern bemerkt. Die Technik der Reizdeprivation oder der sensorischen Fokussierung, die ebenfalls zur Deprivation führt (von 77% berichtet), das Erzeugen totaler Erschöpfung und die Vermittlung neuer Ideen nach Schwächung des Kritikvermögens durch Erschöpfung (von 38% angegeben) sind Methoden, die der psychologischen Manipulation und kaum je der Selbstverwirklichung oder Emanzipation des Betroffenen dienen. Auditing als manipulatives Verfahren der Persönlichkeitsentwicklung und die Anwendung des E-Meters, das wissenschaftlich nicht haltbar innere Blockaden aufzeigen soll, hatten alle Befragten erlebt.

Kontrollgruppe

Die Wahl einer Kontrollgruppe hängt im wesentlichen von der Fragestellung ab. Im Mittelpunkt dieses Vergleichs steht nicht die Frage, wie unterscheiden sich die Teilnehmer von Scientology und Landmark von der übrigen Bevölkerung, sondern welche Methoden und Erfahrungen treten im Vergleich zu einer intensiven psychosozialen Therapie auf und wie werden sie von den Klienten beurteilt. Nur durch die Wahl einer Klientengruppe mit Therapieerfahrung können derartige Fragen beantwortet werden. Die therapeutische Intervention sollte möglichst intensiv und einschneidend sein und sich auf eine Form der Abhängigkeit beziehen, um eine Parallele zur eventuellen Abhängigkeit eines Teilnehmers von einer Organisation oder Gemeinschaft herstellen zu können. Deshalb wurden als Kontrollgruppe Drogenabhängige in stationärer drogenfreier Behandlung gewählt.

Die Kontrollgruppe aus zwei stationären Fachkliniken war am ehesten durch soziale Randständigkeit gekennzeichnet. Sie hatte die höchste Zahl von Arbeitslosen (über 60%), den geringsten Ausbildungsstand, die häufigsten rechtlichen Probleme. In dieser Gruppe überwogen die Männer. Die Mitglieder der Kontrollgruppe hatten sich der Anbieterorganisation, d.h. der Entwöhnungsklinik, wegen ihrer Suchtproblematik zugewandt und erhofften Hilfe für ihre psychischen Probleme und Antworten auf ihre Zukunftsfragen. Sie waren meist auf Vermittlung einer Beratungsstelle in die Einrichtung gelangt. Trotz der bekundeten großen Hilfebedürftigkeit der Betroffenen machten die Anbieterorganisationen erstaunlich wenig Versprechungen in bezug auf das, was bei der Therapie erreicht werden kann. Mit Ausnahme von Entspannungsverfahren wurden keine der in dieser Untersuchung abgefragten speziellen Techniken wie Hypnose, katathymes Bilderleben oder paradoxe Intervention durchgeführt. Auch sonst wurde eine systematische Anwendung verhaltensmodifizierender Methoden nicht berichtet, obwohl bestimmte Aufgaben und Verhaltensweisen von den Teilnehmern gefordert wurden, was auf Techniken der Verhaltensmodifikation hinweist. Techniken, die der psychischen Manipulation dienten, ohne dass ihnen nach allgemeinem Verständnis ein therapeutisches Gewicht zukommt, wurden nur in Einzelfällen angegeben. Aufklärung und Transparenz der Maßnahmen und Organisationsstruktur wurde in der Kontrollgruppe nicht ernsthaft in Frage gestellt. Kritik



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wurde geduldet. In bezug auf die angestrebten Ziele erreichten die Mitglieder der Kontrollgruppe ihre Ziele am häufigsten.

5.3 Analyse der Primärliteratur

Die Analyse der Primärliteratur hat in unerwartet großem Umfang Unterschiede zwischen den beiden untersuchten Anbieterorganisationen zu Tage gefördert. Sie hat Sachverhaltsfeststellungen über die innere Struktur und die übergeordneten Zielsetzungen der Organisationen erlaubt, die besonders für die juristische Bewertung relevant waren.

Bei der Beurteilung der Literaturanalyse als Instrument für die Bewertung weiterer Anbieterorganisationen ist allerdings zu berücksichtigen, daß ihre Effektivität für die vorliegende Expertise ganz entscheidend auf die besonderen Gegebenheiten bei der Scientology-Organisation zurückzuführen waren. Die zahlreichen, ausführlichen und sehr umfangreichen schriftlichen Äußerungen ihres Gründers L. Ron Hubbard stellen die wesentliche Grundlage aller durch die Organisation angebotenen Dienstleistungen dar. Sie werden als das eigentliche Kapital der Organisation über Immaterialgüterrechte besonders geschützt. Auf die strikte Einhaltung der schriftlichen Vorgaben durch alle Mitarbeiter wird peinlich genau geachtet. Neben dem Inhalt der schriftlichen Quellen beruht ihre Ergiebigkeit für die Literaturanalyse aber auch entscheidend auf den so nicht erwarteten inhaltlichen Abweichungen zwischen verschiedenen Büchern bzw. sogar zwischen verschiedenen Auflagen derselben Publikation. All diese Umstände lassen sich auf andere Organisationen nicht übertragen.

Aufgrund der Analyse der Primärliteratur lassen sich folgende Aussagen treffen, die auf die Scientology-Organisation, dagegen nicht auf die Landmark-Organisation, zutreffen:
Die Organisation besitzt ein internes Normensystem, das die Wahrung der Interessen der Organisation ausnahmslos über die Belange des Einzelnen stellt. In der Organisation werden Menschen nach den Kriterien „gut“ und „schlecht“ sowie nach ihrer „biologischen“ bzw. „evolutionären“ Entwicklung in Kategorien eingeteilt, was wiederum für den Umfang ihrer subjektiven Rechte ausschlaggebend ist. Maßstab der Beurteilung von Mitarbeitern ist ausschließlich ihre Leistung, die beständig gesteigert werden muß. Mangelnde Leistung führt zu Bestrafung. Für Teile der internen Strafverfolgung hat der Delinquent sogar zu bezahlen.

Die Organisation weist ferner ein in sich objektiv widersprüchliches Selbstbild auf: „Religiöse“ Ansprüche werden teils stark hervorgehoben, teils nicht erwähnt und teils ausdrücklich negiert. Gleichzeitig werden die angebotenen Dienstleistungen ausdrücklich als Ergebnisse naturwissenschaftlicher Forschung und angewandter Ingenieurskunst dargestellt. Ein überprüfbarer Nachweis für die Berechtigung des erhobenen wissenschaftlichen Anspruchs wird in den untersuchten Schriften jedoch nicht erbracht.

Die Organisation baut für ihre Anhänger Feindbilder in Form von willkürlich zu „Unterdrückern“ erklärten Einzelpersonen, Psychiatern und Psychologen auf. Massiv kritisiert wird auch die herrschende Gesellschaftsordnung, insbesondere das Sozialstaatsprinzip. Die Anhänger müssen sich von Angehörigen mit negativer Einstellung gegenüber der Organisation notfalls trennen und die dabei erfolgende Handhabung durch die Organisation als Dienstleistung bezahlen.
 

Die Organisation richtet ihre Dienstleistungen nicht nur an Einzelpersonen, sondern strebt auch Änderungen auf gesellschaftlicher und staatlicher Ebene an. Dem einzelnen Kunden gegenüber werden konkrete Erfolgschancen der angebotenen Kurse behauptet. Bei ihrem Verkauf wird mit ausdrücklich so bezeichneten „Hard-Sell“-Methoden gearbeitet. Die Verkaufsmitarbeiter werden in speziellen Trainingskursen dafür ausgebildet, dem Kunden vermeintliche Bedürfnisse bewußt zu machen, ihm die Lösbarkeit finanzieller Probleme oder eine besonders günstige Gelegenheit zum Kauf zu suggerieren sowie die Zweifel zögernder



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Kunden möglichst effektiv zu zerstreuen. Die exakte Einhaltung aller internen Vorschriften und Qualitätsstandards für die angebotenen Kurse wird streng überwacht und durchgesetzt.
 

5.4 Psychiatrisch-psychologische Beurteilung

Bei der Interpretation der Ergebnisse der Betroffenenbefragung müssen mehrere Einschränkungen, auf die bereits hingewiesen wurde, berücksichtigt werden. Die Kontrollgruppe stammt aus einer Therapieeinrichtung, die Anbieter sind berufsspezifisch approbiert, ihre Behandlungsprogramme und deren Durchführung unterliegen einer ständigen Qualitätskontrolle, hauptsächlich durch die Rentenversicherungsträger, für etwaig auftretende Risiken und Gefährdungen gibt es ein etabliertes, professionelles Auffangnetz.
Diese Voraussetzungen treffen für Scientology und Landmark nicht zu.

Die Kontrollgruppe besteht zudem aus Drogenabhängigen, die aktuell an einem Therapieprogramm teilnehmen. Demgegenüber setzt sich die Landmark-Gruppe sowohl aus aktiven Teilnehmern wie aus Aussteigern und die Scientology-Gruppe ausschließlich aus Aussteigern zusammen. Auf das intensive, aber vergebliche Bemühen, aktive Scientology-Mitglieder in die Befragung einzuschließen, wurde wiederholt hingewiesen.
Die psychiatrisch-psychologische Beurteilung der in den drei untersuchten Gruppen angewandten Techniken und deren Auswirkung auf die Betroffenen lässt trotz der gebotenen Vorsicht die Unterschiede relativ deutlich werden.
Die Kontrollgruppe erlebte die dort angewandten Techniken, die überwiegend dem klassisch psychotherapeutischen Bereich entstammten, als eingreifend, sie hatte auch Regeln und Reglementierungen ihres Lebens zu respektieren und gegebenenfalls Sanktionen in Kauf zu nehmen.

Die Regeln und Einschränkungen waren sowohl für die Befragten, wie für den außenstehenden Fachmann relativ gut nachvollziehbar und dienten dazu, einen Rückfall in den bisherigen hedonistisch geprägten Lebensstil zu vermeiden. Die Gruppe zeigte ein gewisses Maß von Abhängigkeit von der Organisation, auch waren die Hemmnisse gegen einen Ausstieg (Therapieabbruch) relativ hoch, wobei dies von den Befragten selbst als eher positiv gesehen wurde.

Landmark scheint unter den drei untersuchten Anbieterorganisationen jene mit der am wenigsten eingreifenden Methode und dem geringsten Druck auf die Teilnehmer gewesen zu sein, wobei bei dem Vergleich sicher berücksichtigt werden muss, dass die Zeit, in der Landmark auf die Teilnehmer Einfluß nehmen kann, weitaus geringer ist, dass die untersuchte Population sich als psychisch stabiler darstellte und dass ihre Ziele relativ autonom und selbstbezogen erschienen. Die Autonomie der Betroffenen wurde nach deren Einschätzung von der Organisation weitgehend respektiert.
Techniken wie die geführte Imagination und die Induktion von Trancezuständen, die von einem Teil der Teilnehmer berichtet wurden, müssen kritisch gesehen werden. Sie gehören in die Hände von Fachleuten, da sie ansonsten erhebliche Risiken bergen können. Die von der Organisation propagierten Ziele betrafen ausschließlich das teilnehmende Individuum, sie erscheinen prinzipiell erreichbar und legten keine Utopien nahe. Bei Landmark gibt es zwar eine Reihe von Regeln, die jedoch kaum als eingreifend charakterisiert werden können. Sanktionen wurden nur in Einzelfällen beschrieben, Einschränkungen gab es überhaupt nicht. Ein Ausstieg war – mit einer Ausnahme – ohne Probleme oder Druck von Seiten der Organisation möglich.

Die von Scientology angewandten Verfahren und Techniken sind weit eingreifender und für den Betroffenen weit weniger durchschaubar und kontrollierbar als intensive psycho- und sozialtherapeutische Behandlungsprogramme. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Strukturen und Ziele der Organisation den Betroffenen unklar bleiben, was bei der Hälfte der Befragten der Fall war. Eine Auseinandersetzung mit den Methoden wird auch dann



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erschwert, wenn Kritik nicht möglich ist oder nur mit Systemkonformisten besprochen werden kann. Da dies von vielen der Befragten berichtet wurde, ist es auch verständlich, dass sie sich der Organisation ausgeliefert und unfähig zu autonomen Entscheidungen fühlten.

Auditing kann im Sinn einer Konditionierungsmethode und die Anwendung des E-Meters im Sinne eines Bio-Feedbackverfahrens verstanden werden. Letztere dürfte jedoch nur ein Teil der Wirkung dieses Instruments sein. Ein anderer Aspekt besteht darin, dass das E-Meter bei einer gewissen Technikgläubigkeit zum unbestechlichen Aufklärer, vergleichbar einem Lügendetektor wird, dem sich der Einzelne ohne Möglichkeit der Gegensteuerung ausgeliefert fühlt. Die umfassende und offensichtlich durchgeführte Dokumentation und deren Benutzung verstärkt den Eindruck der Allmacht der Organisation. Die Anwendung des E-Meters erfolgt nicht auf belegbarer wissenschaftlicher Grundlage.

Im Auditing und anderen Trainingskursen kommen eine Reihe von Psycho- und Sozialtechniken zur Anwendung, die in der Psychotherapie als Behandlungsmethoden gelten. Die Anwender dieser Methoden unterliegen zwar einer internen Kontrolle, erfüllen aber weder die staatlichen Kriterien für eine Heilpraktikertätigkeit, noch die eines psychologischen Psychotherapeuten. Die Autonomie des Einzelnen wurde bei Scientology durch ein relativ rigides Regel- und Sanktionssystem weiter eingeschränkt. Dadurch empfanden sich die Befragten in einer psychischen Abhängigkeit von der Organisation, was sich auch darin ausdrückt, dass immerhin mehr als die Hälfte von ihnen ihre gesamte Freizeit in der Organisation verbrachte und auch andere Merkmale einer psychischen Abhängigkeit bei vielen von ihnen erfüllt waren. Bei über der Hälfte der Scientology-Aussteiger (56%) kann von einer Abhängigkeit gesprochen werden, während dies nur bei einem Landmark-Teilnehmer der Fall ist. Das Engagement bei und die Abhängigkeit von Scientology führte auch zu tiefgreifenden Veränderungen im sozialen Umfeld, die von den meisten der Aussteiger (65,2%) als negativ gesehen wurden. Neben der als abhängig eingestuften Gruppe wiesen bei Scientology weitere 24% ein hinsichtlich der Folgen schädliches Engagement auf. Bei Landmark zeigten 30,8% und in der Kontrollgruppe 29,4% ein schädliches Engagement im Sinne von negativen Folgen im psychischen, sozialen oder körperlichen Bereich.

Nach den Ergebnissen der Befragung werden Ziele, Versprechungen, Regeln und Einschränkungen bei Scientology mit Methoden und Techniken durchgesetzt, die für die Betroffenen kaum durchschaubar sind, die aber eine hohe Effektivität bei der Manipulation von Menschen haben. Die Betroffenen haben charakteristische Folgen für ihr subjektives Befinden, für ihr Kontakt- und Sozialverhalten und für ihre Gefühle berichtet, wobei sich diese Berichte nicht auf negative Auswirkungen beschränkten. Betrachtet man den Verlauf psychischer Beschwerden und Symptome, so bleibt festzustellen, dass sie meist schon vor dem Eintritt bei Scientology vorhanden waren, sich dort zum Teil verschlechterten und zum Teil auch nach dem Ausstieg fortbestanden. Vereinzelt wurden auch Besserungen berichtet. In der Zusammenschau traten psychische Beschwerden und Symptome zwar häufig (und wesentlich häufiger als bei Landmark) auf, sie bestanden zum großen Teil aber schon vor dem Eintritt in die Organisation.
Die Rigidität und Bestimmtheit des Systems Scientology hinsichtlich der ausschließlichen Richtigkeit der dort vermittelten Vorstellungen zeigte sich auch in der Ausstiegssituation. Eine Vielzahl von Druckmitteln sowie emotionale und äußere Faktoren der Lebenssituation der Betroffenen erschwerten den Ausstieg.

Zusammenfassend lässt sich somit aus der Betroffenenbefragung schließen, dass Scientology mit einem Ausschließlichkeitsanspruch hinsichtlich der Richtigkeit eigener Vorstellungen die Autonomie des Teilnehmers mit relativ rigiden Regeln und Sanktionen sowie mit Methoden, die vorwiegend der psychologischen Manipulation dienen, einschränkt und unterminiert. Dies ist für einen Betroffenen kaum durchschaubar. Die Organisation scheint – zumindest wenn man die Aussteiger betrachtet – von Menschen aufgesucht zu werden, die eher psychisch labil sind, Hilfe und Halt in der Organisation zu finden trachten, und durch die Organisation und ihre Methoden vorübergehend eine Stütze, emotionale Anlehnung und eine Sinngebung finden, dann aber eher die negativen Folgen spüren und in



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einem – im Vergleich zu ihrem Eintrittszustand – psychisch eher schlechteren Zustand die Organisation verlassen.

Nachdem bei der Befragung durchaus gut erkennbare Unterschiede zwischen den Gruppen zu Tage traten und diese Unterschiede zum großen Teil mit den Unterschieden übereinstimmen, die aus der Analyse der Primär- und Sekundärliteratur zu erwarten waren, erscheint der Fragenkatalog geeignet, um als Beurteilungsraster für Maßnahmen und Methoden einer Organisation der Lebenshilfe und Lebensorientierung angewandt zu werden. Auch im Einzelfall erscheint das Beurteilungsraster geeignet, das Risiko einer Anbieterorganisation, die unkonventionelle Psycho- und Sozialtechniken verwendet, zu untersuchen.
 

5.5 Juristische Beurteilung

Die juristische Beurteilung dient der Erörterung rechtlicher Probleme, die bei der forensischen Behandlung von Sachverhalten mit Bezug zur Tätigkeit der Anbieterorganisationen auftreten können. Zugrunde liegen Fallgestaltungen, die aufgrund der empirischen Daten als besonders praxisrelevant angesehen werden müssen. Eine weitere Konkretisierung ist bei den rechtlichen Normen möglich, die nicht auf individuelle Vorgänge, sondern auf die Organisationen als solche charakterisierende Faktoren abstellen, z.B. auf ihr Selbstverständnis oder ihre Ziele.

Insgesamt haben sich deutliche Unterschiede zwischen den beiden Organisationen ergeben:
Hinsichtlich der Tätigkeit der Landmark Education GmbH sind spezifische rechtliche Konfliktpotentiale nicht erkennbar. Zwar kommen hier durchaus effektvolle psychische Methoden zum Einsatz, die auch im Gesundheitswesen Verwendung finden. Daher sind genauso wie bei jeder ärztlichen oder psychotherapeutischen Behandlung abstrakt Fälle einer fahrlässigen Körperverletzung denkbar. Anhaltspunkte für regelmäßig auftretende konkrete Gefahren haben sich jedoch nicht ergeben. Immerhin existiert schriftliches Informationsmaterial über gesundheitliche Risiken, das den Teilnehmern vor den Kursen, jedoch erst nach Vertragsschluß überreicht wird. Die in diesem Material ebenfalls enthaltenen allgemeinen Geschäftsbedingungen sind wegen dieser Umstände als überraschende Klauseln unwirksam, soweit mit ihnen der geschlossene Vertrag u.a. um einen Haftungsausschluß für Gesundheitsschäden der Kunden ergänzt wird (Kapitel G.6.1.2).

Dagegen stehen sowohl mehrere Bereiche der Tätigkeit wie auch die innere Struktur der Scientology-Organisation im Widerspruch zu zentralen Prinzipien unserer Rechtsordnung:

Das im Gegensatz zu Landmark sehr komplexe interne Normensystem der Organisation verwendet zwar die Terminologie eines Rechtssystems, das dem Ausgleich von Gemeinschafts- und Individualinteressen dient, indem es Verhaltensweisen die Begriffe „gut und „böse“ bzw. „ethisch“ und „unethisch“ zuordnet. Inhaltlich fungiert es jedoch lediglich als Instrument zur Wahrung der Interessen der Organisation, denen gegenüber die Belange des Einzelnen schon dann untergeordnet werden, wenn sie diesen Interessen nicht positiv dienen. Mitarbeiter werden umfassend überwacht und zu ständiger Leistungssteigerung gezwungen. Persönliche Beziehungen zu nahen Angehörigen müssen notfalls aufgegeben werden, wenn sie durch die Organisation als „potentielle Schwierigkeitsquelle“ gewertet werden. Schon geringfügige Fehlleistungen werden als Straftaten angesehen, bei deren Aufdeckung und Sanktionierung der Delinquent aktiv mitzuwirken und hierfür wie für eine Dienstleistung zu bezahlen hat (Kapitel G.4.2). Gerade diese Umstände stehen in Konflikt mit grundrechtlichen Gewährleistungen wie der Wahrung der Menschenwürde, dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht oder dem Schutz von Ehe und Familie. Aufgrund ihrer mittelbaren Drittwirkung sind solche Widersprüche zu verfassungsrechtlichen Wertungen



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auch auf einfachgesetzlicher Ebene bei der zivil- und strafrechtlichen Beurteilung zu berücksichtigen (Kapitel G.4.1.3).

Der Inhalt der Dienstleistungen der Scientology-Organisation sowie die Art und Weise ihrer Vermarktung beinhalten in quantitativ und qualitativ stärkerem Ausmaß als bei Landmark die Möglichkeit strafbarer Handlungen. Viele der angebotenen Kurse sind als strafbare unerlaubte Ausübung von Heilkunde anzusehen, soweit sie von Personen durchgeführt werden, die keine Zulassung als Heilpraktiker besitzen. Hier ist auch von einer vorsätzlichen Begehung auszugehen (Kapitel G.5.8.1). Behauptungen, denen zufolge durch Prozessing eine Veränderung der Gehirnstruktur und damit der Status eines Clears erreichbar sei oder durch den Reinigungsrundown Folgen radioaktiver Strahlung beseitigt werden können, sind als Täuschungen über Tatsachen im Sinne des Betrugstatbestandes anzusehen. Der objektive Tatbestand dieses Delikts wird daher beim Verkauf vieler Dienstleistungen der Scientology regelmäßig erfüllt. Bei den einfachen Verkaufsmitarbeitern dürfte einer Strafbarkeit zwar häufig die subjektive Überzeugung von der Richtigkeit der über die Kurse verbreiteten Behauptungen entgegenstehen; leitenden Funktionären, die eingeweiht sind und die falschen Vorstellungen ihrer Untergebenen vorsätzlich ausnutzen, könnten solche Taten allerdings über die Figur der mittelbaren Täterschaft kraft Irrtumsherrschaft zugerechnet werden (Kapitel G.5.4).

Bisher zu wenig beachtet wurde die Möglichkeit von Körperverletzungen durch Unterlassen gegenüber solchen Kunden, die unter einer psychischen Erkrankung leiden und wegen der Teilnahme an Dienstleistungen nicht adäquat behandelt werden. Da die angebotenen Kurse angeblich die einzige wirksame Methode zur Heilung psychischer Störungen darstellen, besitzt gerade diese Konstellation praktische Bedeutung (Kapitel G.5.1.3). In der regelmäßig als Disziplinierungsinstrument gebrauchten Androhung des Ausschlusses aus der Organisation, mit der die Erduldung interner Bestrafungen erzwungen wird, kann im Einzelfall eine strafbare Nötigung liegen (Kapitel G.5.3). Die durch die Konkurrenz zu Psychiatern und Psychologen begründeten menschenverachtenden Äußerungen gegen die Angehörigen dieser Berufsgruppen, die in den untersuchten Schriften enthalten sind, begründen teilweise eine Strafbarkeit wegen Volksverhetzung. Soweit Auditing-Sitzungen heimlich abgehört werden sollten, worauf schriftliche Quellen hindeuten, wird dadurch eine Strafbarkeit nach § 201 StGB begründet. Wegen der organisationstypischen Zielstraftaten nach § 5 HeilpraktG und § 263 StGB, jedenfalls soweit eine Zurechnung in mittelbarer Täterschaft möglich ist, sowie nach §§ 130 II Nr. 1a und evtl. 201 StGB ist schließlich sogar an eine Strafbarkeit wegen der Bildung einer kriminellen Vereinigung (§ 129 StGB) zu denken (Kapitel G.5.9).

Bei mehreren Dienstleistungen aus der Angebotspalette der Organisation sind die zugrundeliegenden Verträge zivilrechtlich als nichtig anzusehen, was je nach Gegenstand auf der Verbotswidrigkeit, der Sittenwidrigkeit oder der objektiven Unmöglichkeit der versprochenen Leistung beruht. In diesen Fällen besteht für die Kunden regelmäßig die Möglichkeit, das für die Kurse an Scientology gezahlte Entgelt im Klageweg vollständig zurückzuerhalten. Ein Wertersatz für bereits absolvierte Kurseinheiten wird schon wegen deren objektiver Wertlosigkeit nicht geschuldet und scheidet bei sitten- oder verbotswidrigen Verträgen zudem generell aus (Kapitel G.6.2). Für vertragliche und deliktische Schadensersatzansprüche wegen erlittener gesundheitlicher Schäden bestehen keine
rechtlichen Besonderheiten.

Hinsichtlich der Scientology-Organisation bestehen Anhaltspunkte für die Erwägung eines Vereinsverbots nach Art. 9 II 1. Alt. GG i.V.m. § 3 I 1. Alt. VereinsG (strafrechtswidrige Vereine), da insbesondere in Form der organisationstypischen Straftaten der Mitglieder nach § 5 HeilpraktG und der regelmäßigen Verwirklichung des objektiven Betrugstatbestands eine strafgesetzwidrige Vereinstätigkeit vorliegt. Da im Angebot und der Durchführung der Kurse die Hauptaufgabe der in Deutschland ansässigen Scientology-Vereine liegt, besteht insoweit zudem auch ein strafgesetzwidriger Zweck. Ferner ist auch hier an die Zurechnung von



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Straftaten nach §§ 130 II Nr. 1 a, 201 StGB zu denken (Kapitel G.7.1). Schwieriger sind dagegen Aussagen zu einem Vereinsverbot nach Art. 9 II 2. Alt. GG (verfassungswidrige Vereine). Die Scientology-Organisation formuliert in ihren Publikationen mehrere politische Ziele, die eine Aufhebung von Teilen der gegenwärtigen Verfassungsordnung beinhalten. Dazu gehören insbesondere der Gleichheitssatz und die Menschenwürdegarantie sowie Demokratie und Sozialstaatsprinzip, letztlich aber sogar die Grundrechte als Institution. Anders als bei Art. 9 II 1. Alt. GG würde ein solches Verbot allerdings zusätzlich voraussetzen, daß Ansätze zu einer praktischen Verwirklichung dieser Ziele erkennbar sind. Die hier durchgeführten empirischen Untersuchungen hatten diese Frage nicht zum Gegenstand (Kapitel G.7.2). Allgemein wäre bei einem gegen die Scientology-Organisation gerichteten Verbot die Erweiterung der Verbotsgründe nach §§ 15 i.V.m. 14 I, 18 VereinsG (ausländische Vereine) zu beachten, da die deutschen Scientology-Vereine aufgrund ihrer Weisungsgebundenheit, ihrer vertraglichen und finanziellen Verpflichtungen sowie der bestehenden personellen Verflechtung als unselbständige Teilorganisationen der Gesamtorganisation Scientology anzusehen sein dürften, deren Sitz sich im Ausland (USA) befindet.
 
 

5.6 Zusammenfassende Diskussion

Ziel der vorliegenden Untersuchung war es, ein Instrumentarium zu entwickeln und mit dessen Hilfe Erkenntnisse über die Auswirkungen verschiedener Psycho- und Sozialtechniken zu gewinnen, die außerhalb des herkömmlichen Gesundheitswesens im Bereich der Lebensorientierung und Lebenshilfe angewandt werden. Mit Hilfe einer Experten- und einer Betroffenenbefragung sowie durch die Analyse von Primärliteratur wurden verschiedene Anbieterorganisationen untersucht. Zwei Unternehmen des sogenannten Psychomarktes, die Scientology-Organisation und die Landmark Education GmbH, wurden auf diese Weise mit zwei anerkannten Einrichtungen zur stationären Therapie von Drogenabhängigen verglichen.

Aufgrund der geringen Fallzahl und der Vorselektion bei den Befragungen einerseits und der unterschiedlichen Ergiebigkeit der schriftlichen Unterlagen bei der Literaturanalyse andererseits, ermöglicht der gewählte Ansatz noch keine endgültigen und alle Aspekte berücksichtigende Bewertung. Er trägt aber dazu bei, ein objektives, von subjektiven Vorurteilen freies Bild von Organisationen der Lebensorientierung und Lebenshilfe und ihrer Tätigkeit zu erhalten. Es konnte hierfür ein Instrument entwickelt werden, mit dem die in der Diskussion stehenden Gruppierungen wie auch einzelne Betroffene evaluiert werden können. Gegenüber dem bislang im Vordergrund stehenden und hier bewußt nicht beschrittenen Weg, die Organisationen über die diversen schriftlichen Aussteigerberichte zu beurteilen, besitzt diese Vorgehensweise mittels eines einheitlichen Beurteilungsrasters eine eigene Qualität. Das schließt aber nicht aus, daß auch systematische Auswertungen gerade solcher Aussteigerdokumente, die erkennbar um Objektivität bemüht sind, neue Erkenntnisse erbringen und abweichende Wertungen begründen können.

Die empirische Untersuchung hat deutliche Unterschiede zwischen den Anbieterorganisationen erkennen lassen. Sie betreffen zum einen den Umfang, die Zielsetzung und die Intensität der eingesetzten Psycho- und Sozialtechniken, zum anderen das Ausmaß und die Gegenstände denkbarer rechtlicher Konflikte, die sich bei dem Vorgehen der Organisationen ergeben können. In beiderlei Hinsicht birgt nahezu ausschließlich die Tätigkeit der Scientology-Organisation Risiken für die Gesundheit, Willensfreiheit und rechtliche Integrität der Betroffenen. Am Rande der empirischen Untersuchung ist außerdem deutlich geworden, daß die Scientology-Organisation neben den hier primär betrachteten therapeutisch orientierten Kursen zur individuellen Weiterentwicklung vor allem als Anbieter von „Managementtechnologie“ auftritt, die auch ein großer Teil der untersuchten Primärliteratur der Organisation zum Gegenstand hat.



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Für die Planung weiterer Forschungen über Anbieterorganisationen der Lebensorientierung und Lebenshilfe kann man von den eingangs erwähnten fünf Analyseebenen ausgehen. Die religionswissenschaftliche Ebene erscheint gegenwärtig für Fragen staatlicher Maßnahmen weniger vordringlich. Auf der kulturanalytischen Ebene ist das Thema der Toleranz gegenüber jenen Anbieterorganisationen angesprochen, die mit den zentralen kulturellen Werten in unserer Gesellschaft nicht oder nur teilweise übereinstimmen. Ein Diskurs über diesen Themenbereich, nicht zuletzt im Hinblick auf den unscharfen Begriff der Leitkultur, erscheint durchaus sinnvoll und aktuell, wurde aber im Rahmen der vorliegenden Analyse nicht aufgegriffen und war auch nicht Aufgabe der Studie. Auf der wirtschaftlichen Ebene empfehlen sich Untersuchungen, bei denen deutlich zwischen Kunde, Mitarbeiter und Mitglied unterschieden wird. Die bislang wenig bekannte Organisations- und Managementlehre der Scientology bedarf einer gesonderten Untersuchung, wobei soziologische Aspekte stärker im Mittelpunkt stehen sollten als in der vorliegenden Expertise. Auf der individuellen Untersuchungsebene erscheinen weitere Überprüfungen zur Reliabilität und Validität der zum Teil von uns neu entwickelten Instrumente für die Dokumentation der unkonventionellen Psycho- und Sozialtechniken sinnvoll. Dabei sollte der Frage nachgegangen werden, inwieweit die von einer Organisation eingesetzten Techniken ein Maß für die Einflußstärke einer Organisation oder eines Maßnahmenprogramms auf das Verhalten von Teilnehmern und Mitgliedern darstellen. Der Fragebogen zum Konstrukt der Abhängigkeit von einer Organisation der Lebensorientierung und Lebenshilfe bedarf noch weiterer Überprüfungen der Reliabilität und Validität. Das Konstrukt scheint aber ein sinnvoller Zugang zur Überprüfung des Einflusses von Organisationen zu sein, die den Menschen für ihre Zwecke zu vereinnahmen trachten.

Themen der juristischen Ebene wurden ausführlich angesprochen und diskutiert, so daß hier zunächst kein weiterer Untersuchungsbedarf vorliegt.
 
 
 



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