Ingo Heinemann: Scientology-Kritik 
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Zuletzt bearbeitet am 31.3.2013 
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Das Beste - Reader's Digest 10/91
Nachdruck eines Artikels aus dem Time-Magazin vom 8.5.91:
Richard Behar: Scientology - ein gefährlicher Kult

 
 
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Richard Behar:
SCIENTOLOGY - ein gefährlicher Kult.

Er gibt sich den Anstrich einer Religion; doch in Wahrheit ist er ein florierendes Schwindelunternehmen.

Der 24jährlge Noah Lottick aus Kingston in Pennsylvania war allem Anschein nach ein normaler Junger Mann, der seinen Platz im Leben suchte - bis er die Scientology entdeckte. In einem knappen Jahr bezahlte er gut 5000 Dollar an die Sekte, die sich "Kirche“ nennt. Sein Verhalten wurde sonderbar. Zu seinen Eltern sagte er einmal, daß seine Scientology-Mentoren wahrhaftig Gedanken lesen könnten. Als sein Vater einen schweren Herzinfarkt erlitt, behauptete Noah steif und fest, das sei doch rein psychosomatisch. Eines Tages platzte er in die Wohnung seiner Eltern und verlangte von ihnen zu wissen, warum sie "falsche Gerüchte“ über ihn verbreiteten - eine Wahnvorstellung, die seinen Vater schließlich veranlaßte, einen Psychiater einzuschalten.

Es war zu spät. Wenige Tage darauf sprang der junge Slawist aus einem Fenster im zehnten Stock eines New Yorker Hotels und prallte von der Motorhaube eines Autos ab. Als die Polizei kam, hielten seine Finger 171 Dollar umklammert, so ziemlich das letzte Geld, das er den Scientologen noch nicht abgeliefert hatte.

Die vom Schmerz überwältigten Eltern versuchten Noahs letzte Tage zu rekonstruieren. Zuvor hatte ein Scientology-Funktionär Mrs. Lottick erzählt, er habe gehört, daß Noah wenige Stunden vor seinem Verschwinden bei der "Kirche“ gewesen sei. Aber nachdem die Leiche identifiziert war, stritten die Scientologen jedes Wissen über seinen Besuch ab. Sie feilschten mit den Lottlcks sogar noch um 3000 Dollar, die Ihr Sohn für nie in Anspruch genommene Dienstleistungen bezahlt hatte, wobei sie behaupteten, Noah habe das Geld als Spende gedacht.

Die Scientology-Kirche, von dem Science-Fiction-Autor L. Ron Hubbard zu dem Zweck gegründet, die Menschen vom Unglücklichsein zu befreien, gibt sich als Religion aus, ist aber in Wirklichkeit ein überaus profitables, weltweites Schwindelunternehmen, das sich durch Einschüchterung seiner Mitglieder und Kritiker nach Mafia-Manier am Leben erhält.

In den letzten zehn Jahren hatte es zeitweise den Anschein, als könnten die Aufklärung durch die Medien und gerichtliche Schritte gegen Scientology die Gefahr bannen*) [*) siehe "Die erschreckenden Praktiken der Scientology-Kirche“ in Das Beste, Mai 1980 und September 1981]. Nun aber droht die Sekte, die sich überall in der Gesellschaft zu etablieren versucht, immer aggressiver zu werden.

Während Hubbards Gefolgsleute weltweit Unheil stiften, versuchen Regierungen ihnen unter Aufwendung erheblicher Geldmittel und Mühen das Handwerk zu legen. "Scientology ist eine durch und durch kriminelle Vereinigung“, sagt Vicki Aznaran, die einmal zum sechsköpfigen Führungskader der Sekte gehörte, bevor sie 1987 absprang.

"Engramme“ und "Thetane“.
Der 1986 verstorbene Gründer des Unternehmens war halb Märchenenerzähler, halb Rattenfänger. Hubbard, der 1911 in Nebraska geboren wurde, bezeichnete sich später in den Schriften seiner Sekte wahrheitswidrig als "hochdekorierten“ Kriegshelden, der im Zweiten Weltkrieg verwundet worden sei und das Augenlicht verloren habe, zweimal für tot erklärt und durch Scientology wundersam geheilt worden sei. Sein Doktortitel von der "Sequoia University“ war gekauft.

Hubbard hatte sich bis 1950 mit bescheidenem Erfolg als Autor billiger Science-Fiction-Romane betätigt. Dann verfaßte er eine der "heiligen Schriften“ der Scientology: Dianetik. Die moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit. Darin propagierte er eine plumpe psychotherapeutische Technik, eine Art Persönlichkeitsanalyse, die er "Auditing“ nannte. Unglücklichsein, so Hubbard, entspringe geistigen Verirrungen oder "Engrammen“, denen ein frühes Trauma zugrunde liege. Er konstruierte einen primitiven Lügendetektor, "E-Meter“ genannt, mit dem elektrische Veränderungen auf der Haut des Probanden gemessen werden, während er über intime Details aus seiner Vergangenheit spricht. Beratungsgespräche mit dem E-Meter sollen Engramme austreiben, Blindheit heilen und Menschen sogar intelligenter und schöner machen können.

Hubbard gab seinen Anhängern immer neue Stufen zu erklimmen, eine kostspieliger als die andere. In den 60er Jahren lehrte der Guru, Menschen bestünden aus Schwärmen von Geistern oder "Thetanen“, die vor 75 Millionen Jahren von einem grausamen galaktischen Herrscher namens Xenu auf die Erde verbannt worden seien. Natürlich galt es, diese Thetane einem Auditing zu unterziehen.

"Sorgt dafür, daß jede Menge Figuren durch die Mühle gehen“, beschwor Hubbard seine Funktionäre in einem seiner Rundbriefe. Ein andermal schrieb er ihnen: "Schafft Geld ran. Schafft mehr Geld ran. Wie und warum ihr die Leute kriegt, ist egal.“
Als 1971 ein amerikanisches Bundesgericht die von Hubbard aufgestellten medizinischen Thesen für unsinnig erklärte, bemühte sich Hubbard, die seltsamen Rituale der Scientology unter den verfassungsmäßigen Schutz der freien Religionsausübung zu stellen. Seine Mitarbeiter banden sich Priesterkragen um. Man baute Kapellen, aus den Filialen wurden "Missionen“, und Hubbards seltsame Kosmologie verwandelte sich in "heilige Schriften“.

Ab und zu belud Hubbard ein umgebautes Fährschiff mit andächtigen Jüngern und stach in See, um die Botschaft zu verbreiten. Nacheinander schlossen Großbritannien, Spanien und Portugal ihre Häfen, meist als Reaktion auf die öffentliche Empörung. Ein französisches Gericht verurteilte Hubbard in Abwesenheit wegen Betrugs.

Zu Beginn der 70er Jahre konnte die amerikanische Steuerbehörde nachweisen, daß Hubbard von seiner Sekte Dollarmillionen abschöpfte, die er über eine Scheinfirma in Panama wusch und dann auf Schweizer Bankkonten deponierte. Elf hochrangige Scientologen, unter ihnen Hubbards dritte Frau Mary Sue, mußten Anfang der 80er Jahre ins Gefängnis, weil sie über 100 private und staatliche Stellen durch Unterwanderung, Einbrüche und Abhöraktionen in ihren Ermittlungen behindert hatten. Ende 1985 erstattete die amerikanische Steuerbehörde Anzeige gegen Hubbard wegen Steuerhinterziehung. Hubbard, der sich seit fünf Jahren versteckt gehalten hatte, starb 1986, bevor die Sache vor Gericht kam.

Die meisten Kulte überleben ihre Gründer nicht; Scientology aber blüht und gedeiht seit Hubbards Tod. Nach
Aussagen hochrangiger ehemaliger Mitglieder hortet die Mutterorganisation schätzungsweise 400 Millionen Dollar auf ausländischen Bankkonten.

Die Sekte wird jetzt von dem 31jährigen David Miscavige geleitet, einem Scientologen der zweiten Generation. Er arbeitet darauf hin, der Vereinigung Glaubwürdigkeit zu verschaffen.

Lug und Trug.
Kurz nach Hubbards Tod konsultierten die Scientologen in ihrem Bemühen, ihr Randgruppenimage loszuwerden, die angesehene Wirtschaftsberatung Trout & Ries in Connecticut. "Wir haben ihnen geraten, ihre Geschäftspraktiken in Ordnung zu bringen und auch nicht mehr als Kirche zu firmieren“, sagt Jack Traut. "Das wollten sie aber nicht hören.“

Statt dessen nahmen sie Zuflucht zu Tarnunternehmen und -manövern, zum Beispiel:

Feinde begraben. Beträchtliche Mittel wendet Scientology auch zur Unterdrückung von Kritikern auf. Laut einer Devise Hubbards sind alle erkannten Feinde "Freiwild“ und müssen mit "Täuschung, gerichtlicher Verfolgung, Lügen und Vernichtungskampagnen“ bekämpft werden.

Wer sich der Sekte entgegenstellt - abtrünnige Mitglieder, Journalisten, Anwälte, sogar Richter -, sieht sich oft mit Prozessen eingedeckt, von Privatdetektiven bespitzelt, erfundener Verbrechen angeklagt und mit Morddrohungen bedacht. Die 70jährige Psychologin Margaret Singer, ehemalige außerordentliche Professorin an der Universität von Kaliformen in Berkeley und vehemente Kritikern der Scientology, reist jetzt nur noch unter Pseudonym, um sich keinen Schikanen auszusetzen.

Die furchtbarsten Streiter für die Scientology sind ihre Anwälte. Hubbard hat seine Gefolgsleute einmal ermahnt, sich "vor Anwälten zu hüten, die vom Prozessieren abraten... Prozesse führt man mehr, um zu zermürben und abzuschrecken, als um recht zu bekommen.“

Den Scientologen kommt es vor allem darauf an, ihre Gegner wirtschaftlich zu ruinieren oder unter Papier zu begraben. Der Bostoner Anwalt Michael Flynn, der von 1979 bis 1987 Scientology-Geschädigten half, wurde selbst mit 14 mutwillig angestrengten Verfahren überzogen, die alle ohne Prozeß eingestellt wurden.

In Kanada hat die Sekte ein Team von Anwälten, darunter Clayton Ruby, einen der prominentesten Bürgerrechtsanwälte des Landes, als Verteidiger für zehn ihrer Mitglieder engagiert, die diesen Herbst in Toronto vor Gericht stehen sollen. Ihnen wird unter anderem vorgeworfen, Akten über die Scientology aus dem kanadischen Justizministerium, dem Büro der Psychiatrischen Vereinigung, zwei Polizeidienststellen und anderen Institutionen entwendet zu haben. Nachdem es Rubys Team gelungen war, den Prozeß mit juristischen Winkelzügen jahrelang hinauszuzögern, versuchte er schließlich "wegen unverhältnismäßiger Prozeßverzögerung“ die Einstellung zu erwirken.

Kritiker der Scientology drängen darauf, daß staatliche Stellen entschiedener und überlegter gegen die Sekte vorgehen. "Das Prozessieren sollte man nicht Privatpersonen überlassen“, sagt Rechtsanwalt Toby Plevin aus Los Angeles, der Geschädigte vertritt. "Die meisten von uns haben doch Angst, sich da hineinziehen zu lassen."

In den USA sind Steuerbehörde und FBI seit drei Jahren dabei, abtrünnige Scientology-Mitglieder auszufragen, teils um an weitere Beweise für ein offenbar ins Stocken geratenes Verfahren wegen Verabredung eines Verbrechens heranzukommen. FBI-Beamte klagen, daß ihnen vom Justizministerium das nötige Geld verweigert werde, um einen längeren Kampf gegen die Scientology durchzustehen.

In Frankreich mußte erst ein Mensch sterben, damit die Regierung etwas unternahm. Letztes Jahr wurden mehr als 15 Scientologen "wegen gemeinschaftlichen Betrugs und unbefugter ärztlicher Betätigung“ angeklagt, nachdem sich in Lyon ein Industriedesigner das Leben genommen hatte. Einer der Angeklagten ist der ehemalige Präsident der französischen Scientology-Sektion.

Am aktivsten scheinen die Scientologen außerhalb der USA in Deutschland zu sein, wo die Staatsanwaltschaft beim Landgericht München I von dem begründeten Verdacht spricht. daß es sich um eine Ideologie mit ausgeprägten totalitären Grundprinzipien handelt und daß das Ziel der Organisation die wirtschaftliche Ausbeutung hörig gewordener Kunden ist. 1984 wurden Räume der Sekte in München von fast 100 Polizisten durchsucht, die im Auftrag der Stadt Beweise dafür suchten, daß sie in Wirklichkeit ein auf Gewinn gerichtetes Unternehmen ist. 1991 wurden der Sekte in Hamburg ihre Steuerprivilegien als Religionsgemeinschaft entzogen, und eine Hamburger Bürgerschaftsabgeordnete hat sogar ein Strafverfahren angestrengt. Inzwischen wollen nun die Hubbard-Jünger den Spieß umdrehen, indem sie die deutsche Politik zu unterwandern versuchen. Im März dieses Jahres warf die Freie Demokratische Partei den Scientologen vor, sie versuchten ihre Anhänger in den Hamburger FDP-Landesverband einzuschleusen. Zur gleichen Zeit warnte die Sozialdemokratische Partei ihre Mitglieder in den neuen Bundesländern davor, sich von der Sekte für deren Zwecke mißbrauchen zu lassen.

Das wahre Ziel der Scientology ist es, weiterhin Millionen von Dollar zu scheffeln. Letzten Endes geht es ihr nämlich nur ums Geld.
"Die sogenannten Therapien sind Manipulationen“, sagt Dr. Edward Lottick, Noahs Vater. "Wir dachten, die Scientology sei eine seriöse Lebenshilfe. Ich glaube jetzt, daß es eine Schule für Psychopathen ist.“
 
 
 

Der Krieg der Sekte gegen die Psychiatrie
 
Aus: Das Beste aus Reader's Digest 10/91 
Thomas M. Burton in The Wall Street Journal: 
Der Krieg der Sekte gegen die Psychiatrie 

Psychiater waren L Ron Hubbard zutiefst verhaßt. Zur Fortsetzung seines Krieges gegen die Psychiatrie führt jetzt ein sogenanntes Bürgerkomitee für Menschenrechte, ein Ableger der Scientology, eine Kampagne gegen Prozac, das weltweit meistverkaufte Antidepressivum, in Deutschland unter dem Namen Fluctin im Handel. Prozac wird von der Gruppe als "Killerdroge“ bezeichnet, die Menschen zu Mord und Selbstmord treibe. Man führt die Kampagne mit Presseerklärungen, Auftritten in Talk-Shows und der Beeinflussung von Politikern zugunsten eines Verbots des Medikaments. 
Zur Bestürzung mancher Ärzte und der amerikanischen Herstellerfirma haben die Methoden durchaus Erfolg. Prozacs amerikanischer Marktanteil bei Antidepressiva ist von knapp 25 auf 20 Prozent gesunken. 
Prozac hat wie alle Antidepressiva natürlich Nebenwirkungen, zum Beispiel Nervosität oder Schlaflosigkeit. Nach Auskunft des Herstellers deutet jedoch nichts darauf hin, daß Menschen durch das Medikament zu Mord oder Selbstmord getrieben würden. Derartige Folgen sind auch der amerikanischen Nahrungs- und Arzneimittelaufsicht nicht bekannt, die erst im August letzten Jahres einen Verbotsantrag der Scientology-Sekte gegen das Medikament zurückgewiesen hat. Darüber hinaus ist Prozac hervorragend geeignet, Depressionen entscheidend zu lindern und die Lebensqualität des Patienten zu verbessern. "Bei vielen Patienten“, sagt Dr. Frederick K. Goodwin vom amerikanischen Aufsichtsamt für Psychiatrie und die Bekämpfung von Alkohol- und Drogenmißbrauch, "hat Prozac schon wahre Wunder gewirkt.“ 
Am St.-Vincent-Streßzentrum in Indianapolis haben sich einige unter schweren Depressionen leidende Patienten dennoch von den Ausführungen eines Scientology-Funktionärs im Fernsehen so ängstigen lassen, daß sie das Mittel nicht mehr nehmen wollten. Es ging mit ihnen schnell bergab. "Manche dieser Leute enden im Krankenhaus“, sagt der medizinische Direktor Dr. Paul Riley. "Das macht mich wütend. Über kurz oder lang wird jemand den Verzicht auf Prozac mit dem Leben bezahlen.“ 
Thomas M. Burton in The Wall Street Journal

 
 



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