Ingo Heinemann: Scientology-Kritik
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Zuletzt bearbeitet am 17.12.2007
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DAS BESTE aus Readers Digest Mai 1980
Die erschreckenden Praktiken der Scientology-"Kirche"
Diebe, Schlepper und Spione gehören zum harten Kern
einer der gefährlichsten modernen Sekten
"Hubbard lockt neue Anhänger an, indem er sich ihre Einsamkeit und Angst mit einer üblen Mischung aus Hypnose und Gehirnwäsche, Pawlowscher Konditionierung und verzerrter Psychotherapie zunutze macht" (-->).


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Stichworte und Namen:
 
Abhörgeräte
Ausweispapiere gefälscht
Banoun Raymond Staatsanwalt
Bombendrohungen
"Botinnen"
Bundesministerium
CIA
Cooper Paulette
Doppelbewußtsein
Elite des Universums
Julie Christofferson
Einbruch
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Erpressung
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Geheimdienst
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Inquisitor
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Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte
Konditionierungsübungen
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Morddrohungen
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Meisner Michael
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"rohes Fleisch"
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Schadensersatz
Schülerhilfe
Selbstmorde
Margaret Thaler Singer
Spionage
Stettler Jürg
Strafanstalt
Tarnorganisationen
Verschwörung
Verteidigungsministerium
verurteilt
ZIEL



DAS BESTE aus Readers Digest Mai 1980

Die erschreckenden
Praktiken der
Scientology-"Kirche"

1.Teil

Diebe, Schlepper und Spione gehören zum harten Kern einer der gefährlichsten modernen Sekten

Von Eugene H. Methvin

Ende der 40er Jahre erklärte der Groschenromanschreiber L. Ron Hubbard: "Es ist lachhaft, für einen Hungerlohn Zeilen zu schinden. Wer Millionen scheffeln will, gründet am besten eine eigene Religion."

Hubbard hat eine eigene Religion gegründet und sie "Church of Scientology" genannt. Inzwischen ist sie zu einem Unternehmen herangewachsen, das weltweit etwa 100 Millionen Dollar im Jahr umsetzt. Hubbards Kirchen führen gewöhnlich 10 Prozent ihrer Einnahmen an ihn ab und horten bereits ungezählte Reichtümer auf Schweizer und anderen Bankkonten, die von ihm und seiner Frau verwaltet werden. Angeblich lebt er umgeben von einer Dienerschaft, die ihm jeden Wunsch von den Augen abliest, auf einem Besitz in Südkalifornien, der seiner Kirche gehört.

Die Scientology-Kirche ist in den Vereinigten Staaten eine der ältesten, reichsten und gefährlichsten aller größeren "neuen Religionen" oder Sekten. Einige der fanatischen Mitglieder schrecken selbst vor Einrüchen, Spionage, Entführungen und Rufmordkampagnen nicht zurück, wenn es um die Ziele ihrer Kirche geht. So sagt der amerikanische Staatsanwalt Raymond Banoun, Leiter einer großen Ermittlungsaktion, nach der im Oktober 1979 neun hohe Scientology-Funktionäre in Washington wegen Verschwörung beziehungsweise Diebstahls verurteilt wurden:
"Die dem Gericht vorgelegten Beweise zeugen von haarsträubenden Verbrechen gegen private und öffentliche Institutionen sowie Einzelpersonen. Unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit haben die Scientology-Funktionäre alle Regeln der menschlichen Gesellschaft mit Füßen getreten."

Science-fiction-Reden
1950 veröffentlichte der 39jährige Hubbard das Buch: Dianetics: The Modern Science of Mental Health ("Dianetik. Die moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit"). 1954 gründete er die erste Scientology-Kirche in Washington. 1978 berief die Organisation sich auf 38 Kirchen in Amerika, 41 weitere im Ausland, 172 "Missionen" und fast 5,5 Millionen Mitglieder in aller Welt. Die Angaben sind jedoch höchst zweifelhaft; kritische Beobachter schätzen den harten Kern auf etwa 3000 hauptamtliche Mitarbeiter und höchstens 30000 Anhänger in den USA.

Hubbard führt ein fürstlicheres Leben als einst der Maharadscha von Dschaipur, dessen 30-Zimmer-Villa auf einem 23 Hektar großen Gelände in England er Ende der 50er Jahre als "Welthauptquartier" für seine immer größer werdende Bewegung gekauft hat. Zu seinem persönlichen Gefolge gehören junge Frauen - offiziell "Botinnen" genannt - die dem Kettenraucher die Zigaretten anzünden und die Asche auffangen. Sie halten jedes Wort fest, das er von sich gibt, auch seine häufigen obszönen Wutausbrüche. Sie helfen ihm morgens aus dem Bett, drehen die Dusche für ihn auf und ziehen ihn an. Sie schrubben sein Arbeitszimmer, das er täglich mit weißen Handschuhen inspiziert, und spülen seine Wäsche 13mal mit frischem Wasser. (Nach Berichten früherer Anhänger "bricht er aus, wie ein Vulkan", wenn er an seiner  Kleidung noch Waschmittel riecht.)

Hubbard gewinnt und fesselt seine andächtige Gefolgschaft durch sein erstaunliches Talent, endlose Sciencefiction-Geschichten zu erfinden. in denen er als oberster Führer einer erwählten Elite auftritt. Er erzählt ihnen auch, er sei Atomphysiker gewesen und im Zweiten Weltkrieg als Soldat bei der Marine schwer verwundet worden. "Als blinder Krüppel" sei er in ein Marinehospital gekommen und habe "in weniger als zwei Jahren seine volle Gesundheit und Sehkraft wiedererlangt". Damals habe er auch die "Forschungen" betrieben, die zur Entdeckung der "Dianetik" und der "Scientology" geführt hätten, der beiden Antworten auf fast alle Leiden der Menschheit.

Die Wahrheit sieht ein wenig anders aus. Hubbard hat tatsächlich auf dem College einen Kurs in Molekular- und Atomphysik belegt, aber nicht abgeschlossen. Er hat auch in der Marine gedient, doch aus den Unterlagen der Marine geht nicht hervor, ob er je die Front gesehen oder daß er gar eine Verwundung erlitten hat. Er wurde entlassen und bekam später wegen eines Magengeschwürs, Arthritis und anderer Krankheiten eine 40prozentige Behindertenrente zugesprochen. Etwa um diese Zeit beantragte er auch bei der Kriegsteilnehmerfürsorge psychiatrische Behandlung wegen "anhaltender depressiver Phasen und Selbstmordneigung". Als er an das FBI schrieb, er werde von kommunistischen Spionen verfolgt, heftete ein Beamter an einen seiner Briefe den Vermerk: "Verdacht auf Geistesgestörtheit."

"Wie Roboter."
Seit seinem ersten Buch ist Hubbards bizarre "Philosophie" zu einer 25 Millionen Wörter umfassenden Sammlung von Büchern, Artikeln und Tonbandlektionen angewachsen. Hubbard will die Existenz des Menschen 74 Billionen Jahre weit zurückverfolgt haben bis zu ihren Anfängen auf der Venus. Die heutigen Erdlinge seien materielle Manifestationen ewiger Geister, die über Äonen immerzu wiedergeboren würden. Aber, sagt Hubbard, unsere irdischen Nöte resultierten oft aus gespensterhaften Gedankenbildern, die er "Engramme" nennt - schmerzliche Erlebnisse in diesem oder einem früheren Leben.

Hubbards Dianetik-Buch sorgte für Schlagzeilen. Er behauptete darin, 270 Engramme  "geklärt" zu haben; dadurch sei es ihm gelungen, den Intelligenzquotienten der betreffenden Personen beträchtlich zu erhöhen sowie sie von allerlei Krankheiten - von der Arthritis bis zum Herzleiden - zu heilen. Später ließ er wissen, die Scientology rotte Krebs aus und sei das einzige spezifische Heilmittel gegen Atombombenstrahlen.

Die Engramme entdeckt Hubbard mit einem batteriegespeisten Elektrometer, das an zwei leere Blechbüchsen angeschlossen ist. Ein "Auditing", eine Anhörung, kostet 150 Dollar pro Stunde. Der Scientology-"Priester" fordert den Kandidaten auf, die Blechbüchsen anzufassen, und stellt ihm detaillierte Fragen nach seinem gegenwärtigen oder einem vergangenen Leben. Die Zeigerausschläge spüren angeblich Engramme auf. Der "Priester" sagt dem Kandidaten, er solle "den Engrammen die Stirn bieten", damit er "seinen Erinnerungsbehälter leeren" und so seinen Körper und Geist auf einen übermenschlichen Stand "totaler Freiheit" erheben könne.

Der Inquisitor hält auch alle intimen Bekenntnisse des Kandidaten sorgfältig fest einschließlich sexueller oder krimineller Aktivitäten oder ehelicher und familiärer Probleme. Nach den kircheneigenen Unterlagen und den eidesstattlichen Versicherungen von Abtrünnigen dienen die Aufzeichnungen dem Zweck, Mitglieder (oder deren Familien) zu erpressen, wenn sie mit Austritt, Anzeige oder nachteiligen Veröffentlichungen drohen.

Natürlich wird von neuen Kandidaten nie verlangt, daß sie die ganze lächerliche Geschichte auf einmal schlucken; man verabreicht sie ihnen fein dosiert. Einer, der den ganzen Prozeß durchlaufen hat, sagt, man werde dadurch in einen roboterähnlichen Zustand versetzt.

Gespaltene Persönlichkeiten.
Bezeichnend sind die Erlebnisse der 17jährigen Julie Christofferson. Nachdem sie die Schule mit Auszeichnung absolviert hatte, wurde sie von einem Bekannten - der in Wirklichkeit ein Schlepper war - eingeladen, an einem "Kommunikationskurs" teilzunehmen. (Nach Angaben der Sekte bekommen die "Außenmitarbeiter" 10 Prozent Provision von allem, was die Neulinge bezahlen.) Ahnungslos unterwarf Julie sich damit den von Hubbard ausgeklügelten, verwirrenden hypnotischen "Konditionierungsübungen". Der zynisch als "rohes Fleisch" bezeichnete Neuling sitzt stundenlang Knie an Knie mit einem "Lehrer", zuerst mit geschlossenen, dann stundenlang mit offenen Augen. Anschließend versucht der Lehrer "emotionale Druckstellen" zu finden. Es folgen stundenlange Gehorsamsübungen: "Heb den Stuhl hoch." "Verrücke ihn." "Setz dich auf den Stuhl."

Die PsychologinMargaret Thaler Singer von der Universität von Kalifornien, die mit Julie und über 400 anderen ehemaligen Mitgliedern verschiedener Sekten gesprochen hat, bemerkt dazu: "Diese Übungen können die Persönlichkeit in ein extremes Doppelbewußtsein aufspalten, und der Neuling ist abhängig, bevor er weiß, was mit ihm geschieht."

Julie mußte feststellen, daß der nächste Schritt, das Auditing, die Grenze zwischen Wirklichkeit und Phantasie weiter verwischte. In dieser Phase gab sie die 3000 Dollar fort, die sie fürs College gespart hatte. Dann sagte man ihr, sie könne Kurse auf College-Niveau belegen, während sie gleichzeitig als hauptamtliche Mitarbeiterin neues "rohes Fleisch" herbeischaffe und bearbeite. Schließlich schuftete sie 60 bis 80 Stunden in der Woche für ein Höchstentgelt von 7,50 Dollar. Sie hatte jetzt den "roboterähnlichen" Zustand erreicht.

Julie dünkte sich überlegen, fühlte sich einer erwählten Elite des Universums zugehörig. Sie war eine der Getreuen, die "mit Ron auf den nächsten Planeten gehen" durften. Auf diese Weise kann man Menschen in jene "Wir-gegen-die-anderen"-Haltung hineinsteigern, die für religiösen und politischen Fanatismus so kennzeichnend ist.

Julie Christofferson gehörte jedoch zu denen, die Glück hatten. Nach neun Monaten holten ihre Eltern sie aus der Sekte heraus und befreiten sie aus ihrer zombieartigen Trance. Im August vorigen Jahres erklärte ein Gericht in Portland im Staat Oregon das Verhalten der "Kirche" für betrügerisch und sittenwidrig und sprach Julie zwei Millionen Dollar Schadenersatz zu.

Doktrin und Dollars.
Weniger Glück hatte Anne Rosenblum, die der Scientology-Kirche fast sechs Jahre angehörte. Die letzten 15 Monate mußte sie in der sekteneigenen Strafanstalt, der Projektgruppe Rehabilitation", verbringen. Dort werden die Gefangenen ständig bewacht, nie allein gelassen und dürfen nie ohne Sondergenehmigung  mit  Außenstehenden reden. Sie leben von Essensresten, schlafen auf dem Fußboden und müssen den ganzen Tag schwere und erniedrigende Arbeiten verrichten. In Unterrichtsstunden müssen sie Hubbards Werke studieren und das zermürbende Auditing über sich ergehen lassen, bei dem "Verbrechen gegen Ron" in diesem oder einem vergangenen Leben aufgedeckt werden sollen.

Abtrünnige haben ausgesagt, daß viele durch die Verhöre hysterisch und psychotisch werden. Dann steckt man sie in Isolationshaft. Daß es dabei zu Selbstmorden kommt, überrascht nicht. So stürzte sich im Januar ein Mitglied der Scientology-Kirche in Clearwater in Florida ins Meer und ertrank.

Mit den Jahren erfand Hubbard immer neue Grade und "Ebenen" des Glaubens hinzu. Der Aufnahmekurs kostet 3812 Dollar, aber um auf die höchste Stufe zu gelangen, muß der Getreue 14 295 Dollar hinblättern. Hubbards Richtlinienbriefe an seine Mitarbeiter sind mit Aufforderungen gespickt wie GELD EINTREIBEN MEHR GELD EINTREIBEN, ANDERE ARBEITEN LASSEN, UM GELD EINZUTREIBEN. Wenn die Zahl der Neuzugänge und die Einnahmen sinken, verordnet Hubbard den Mitarbeitern eine Diät aus Reis und Bohnen.

Aber die Einnahmen scheinen hoch gewesen zu sein. 1974 bezahlte die Sekte 1,1 Millionen Dollar für ein altes Jesuiten-Novizenhaus in Oregon. 1976 fand die Steuerfahndung auf Hubbards 98 Meter langem Flaggschiff Apollo 2,86 Millionen Dollar in bar. Auf Geheimkanälen erstand die Sekte für weitere 8 Millionen Dollar ein Hotel und andere Liegenschaften in Florida.

Schmutzige Tricks
1966 stellte Hubbard einen eigenen Geheimdienst auf, den er "Guardian Office" (Schutzbüro) nannte, abgekürzt GO. Er war überzeugt, daß hinter den Angriffen auf die Scientology-Kirche eine "Zentralorganisation" stecke, und sein Verdacht richtete sich gegen die Weltorganisation für seelische Gesundheit. "Die Psychiatrie und das KGB arbeiten heimlich Hand in Hand", erklärte er. Anscheinend glaubte er, sie operierten über das FBI, die CIA, verschiedene Zeitungen und andere Gruppen. Die Leitung des Gegenangriffs vom Hauptquartier Los Angeles aus übertrug er seiner dritten Frau, Mary Sue Hubbard.

Zum Ausbildungsprogramm des GO gehörte, wie man anonyme Morddrohungen gegen Journalisten richtete, Rufmordkampagnen gegen unfreundlich gesinnte Geistliche inszenierte, Zeitungsausschnitte fälschte und Einbrüche plante und durchführte. Pressesprecher wurden darauf gedrillt, die Presse zu belügen. Wichtigste Ziele waren Organisationen und Medien, die sich mit der Scientology-Kirche befaßten oder kritische Berichte über sie veröffentlichten.

Auch Einzelpersonen knöpfte man sich vor. 1971 veröffentlichte die New Yorker Schriftstellerin Paulette Cooper das Buch The Scandal of Scientology. Die Sekte reagierte mit einer bis ins letzte ausgetüftelten Kampagne aus Prozessen, Diebstahl, Rufmord und falschen Beschuldigungen. Die Autorin bekam telefonische Morddrohungen. Das Ziel der Kampagne war nach später aufgefundenen Unterlagen der Sekte, "P. C. in ein Irrenhaus oder ins Gefängnis zu bringen".

Paulette Cooper und ihr Verleger wurden an mehreren amerikanischen und ausländischen Gerichten verklagt. Um dem Paragraphenkrieg mit der Sekte zu entgehen, zog ihr Verleger das Buch zurück.

Am schlimmsten war, sagt Paulette Cooper, daß ein Agent der Scientology Briefpapier von ihr stahl und damit Bombendrohungen fälschte, die er ihr unterschob. Sie wurde vor einem Bundesgericht angeklagt. Zwei Jahre lang machte sie die Hölle durch, bis das Verfahren schließlich eingestellt wurde.

Der Gegenangriff
1976 erwischte das FBI zwei Agenten der Scientology. die sich mit Hilfe falscher Ausweispapiere Zutritt zum Justizministerium verschafft hatten, um dort bei Nacht herumzuschnüffeln. So entdeckte man die Spitze eines ausgedehnten Spionagerings in Washington. Einer dieser Agenten, Michael Meisner, bot den Behörden seine Zusammenarbeit an, nachdem er fast ein Jahr lang auf der Flucht gewesen war. Meisner erklärte, die Scientology-Kirche habe 1974 einen Großangriff auf amerikanische Regierungsbehörden gestartet,. von denen sie annahm, daß sie sich in ihre Unternehmungen einmischten. Er selbst habe den Spionagering in Washington geleitet. Zusammen mit einem anderen Agenten sei er bei der Steuerfahndung eingebrochen und habe dort im Fotoarchiv die Ausweispapiere gefälscht. Damit seien sie dann in verschiedene Ämter eingedrungen um achtlos liegengelassene Schlüssel zu stehlen und nachzumachen, Schlösser zu knacken und Akten zu entwenden und zu kopieren.

Dank Meisners Aussage erhielt das FBI eine Durchsuchungsgenehmigung und nahm sich die Hauptniederlassungen der Sekte in Washington und Los Angeles vor. In Los Angeles beschlagnahmte es außer Einbruchswerkzeug und elektronischen Abhörgeräten 23 000 Dokumente, von denen viele bei Bundesbehörden gestohlen worden waren. Der Umfang der Spionageoperation war erschütternd. In einer Dienststelle des Justizministeriums arbeitete ein eingeschleuster Spitzel der Scientology-Kirche sogar in einem Tresorraum, in dem streng geheime Unterlagen der CIA und des Verteidigungsministeriums aufbewahrt wurden. Andere Sektenangehörige drangen nachts und an Wochenenden ein und durchwühlten Amtsräume, darunter das Büro des stellvertretenden Justizministers.

Am 26. Oktober 1979 wurden neun hohe Funktionäre der Scientology-Kirche von einem amerikanischen Bundesgericht wegen Diebstahls und Verschwörung gegen die Regierung verurteilt. Obenan stand die 48jährige Mary Sue Hubbard. Hubbard selbst und 24 weitere Scientology-Anhänger wurden als nichtangeklagte Mitverschwörer bezeichnet.

Seit diesen Verurteilungen haben viele ehemalige Scientology-Anhänger Dinge ausgesagt, über die sie bis dahin aus Angst vor Hubbards "Schutzbüro" geschwiegen hatten. In Boston hat Staatsanwalt Michael Flynn im Namen eines früheren Scientology-Anhängers und anderer, die von der Sekte mißbraucht wurden, eine Schadenersatzklage von insgesamt 200 Millionen Dollar wegen Betrugs, Mißhandlung und Vertragsbruchs eingereicht.

Aber Hubbard und seine Anhänger lassen sich nicht abschrecken. Seit den Verurteilungen vom letzten Herbst werben sie Freiwillige für den Gegenangriff des Schutzbüros an, "um diejenigen aufzuspüren, die sich der Scientology in den Weg stellen".

DIE LEHREN, die es aus Hubbards Scientology-Kirche zu ziehen gilt, sind vielfältig. Wie die Geschichte zeigt, kann ein einzelner Fanatiker mit starker Ausstrahlung eine gehorsame Gefolgschaft um sich versammeln, sie mit seinen Wahnvorstellungen infizieren und ihr einreden, die Außenwelt stehe ihr feindlich gegenüber und sie allein könne die Welt retten.

So läßt sie sich schließlich zu einem kollektiven Durchbrechen aller zivilisatorischen Schranken und zu scheußlichen Verbrechen verleiten. Aus den Verurteilungen, den beschlagnahmten Dokumenten, den unstrittigen Beweisen und eidesstattlichen Versicherungen Abtrünniger geht hervor, daß Angehörige der Scientology-Kirche bereits Einbrüche, Spionage, Erpressungen, Entführungen, Falschanschuldigungen und gemeinschaftlichen Diebstahl amtlicher Dokumente sowie Behinderung der Justiz auf ihr Konto geladen haben. Einige haben Selbstmord begangen. Im Januar richteten die Eltern einer Minderjährigen, nachdem sie ihrer Tochter für ein paar Wochen in den Kreis der Hubbard-Anhänger gefolgt waren, einen dringenden Appell an die Öffentlichkeit, einzugreifen, bevor daraus "wieder ein Massenmord oder Massenselbstmord werden kann.".

Seit 1970 ist die Scientology-Kirche in Westdeutschland vertreten. Die Münchner Zentrale beschäftigt etwa 200 Mitarbeiter, denen ein weltweites Kommunikationsnetz zur Verfügung steht. Zweigstellen gibt es in Stuttgart, Heilbronn und Hamburg. Schätzungen über die Zahl der deutschen Mitglieder schwanken zwischen 10 000 und 60 000, während es in Österreich zwischen 3000 und 15 000 Mitglieder sein sollen. Für ein "Auditing" bezahlt man etwa 250 Mark; ein volles Kursprogramm kann bis zu 30 000 Mark kosten. Das Hubbard-Elektrometer, dessen Herstellungskosten etwa 60 Mark betragen, wird für rund 700 Mark verkauft.

Nach Erkenntnissen des Bonner Bundesministeriums für Jugend, Familie und Gesundheit bedient sich die Scientology-Kirche zahlreicher Tarnorganisationen; dazu gehören "Narconon e.V.", eine Beratungsstelle für Drogensüchtige, die "Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte", die "Kommission zum Schutz des Bürgers gegen Datenmißbrauch", die "Schülerhilfsorganisation ZIEL", das "Institut für angewandte Philosophie" und das "Aktionskomitee für freie religiöse Entfaltung".



Gegendarstellung aus DAS BESTE


Nach dem Landespressegesetz von Baden-Württemberg sind wir verpflichtet, folgende Erklärung ohne Prüfung des Wahrheitsgehalts abzudrucken:

Gegendarstellung
zum Artikel "Die erschreckenden Praktiken der Scientology-Kirche" in der Ausgabe Mai 1980:
1) Die Scientology Kirche hat ihrem Gründer, L. Ron Hubbard, zu keiner Zeit irgendeinen Prozentsatz ihres Einkommens bezahlt. Dies würde gegen den in den Statuten festgelegten Zweck verstoßen.
2) Die Aufzeichnungen aus geistlichen Beratungsstunden dienen zu Zwecken der Überwachung für eine genaue Anwendung der religiösen Technologie der Kirche. Eine anderweitige Verwendung widerspräche dem Kodex der geistlichen Berater der Scientology Kirche, der mit dem Beichtgeheimnis der katholischen oder evangelischen Kirche vergleichbar ist.
3) In keinem Teil der Scientology Kirche halten sich irgendwelche Personen gegen ihren Willen auf, vielmehr kann sich eine Person nur auf Gund ihrer eigenen Bestimmung verbessern. Dies ist eine Vorbedingung eines jeden Mitgliedes für den Eintritt in die Scientology Kirche.
4) Das Ausbildungsprogramm für Mitarbeiter des Guardian Office beinhaltet keinerlei der im Bericht behaupteten Anleitungen.
5) Sprecher der Public Relations müssen sich an eine wahre Berichterstattung halten. Alles andere würde gegen die für alle geltende Richtlinie des Gründers L. Ron Hubbard verstoßen, die besagt "Sage oder veröffentliche nie etwas, das Du nicht nachweisen oder dokumentieren kannst".

München, 19.5.1980 Jürg Stettler, Vorstand der Scientology Kirche Deutschland



Anmerkung der Redaktion: Wir bleiben auch in Einzelheiten bei der Darstellung in unserem Beitrag "Die erschreckenden Praktiken der Scientology-Kirche" in der Mai-Ausgabe 1980. Organisationen der Scientology-Kirche haben in Australien, Dänemark, Neuseeland und Südafrika die Veröffentlichung des Artikels in den dortigen Reader's-Digest-Ausgaben durch gerichtliche Verbote zu verhindern versucht. Ohne Erfolg.

Teil 2

Die erschreckenden Praktiken der Scientology-Kirche, 2. Teil

DAS BESTE aus dem Reader's Digest
September 1981

Von Eugene H. Methvin
 
Vor eineinhalb Jahren versuchte die aus Amerika stammende Scientology-Kirche (Church of Scientology) mit einer weltweiten, aber erfolglosen Kampagne das Erscheinen des Artikels "Die erschreckenden Praktiken der Scientology-Kirche" in Readers' Digest-Ausgaben zu verhindern. Sie beauftragte ein Detektivbüro, dem Autor Eugene H. Methvin nachzuspüren. In einem halben Dutzend Ländern wurden die Digest-Redaktionen belagert oder mit Anrufen bombardiert. Der Verlag DAS BESTE in Stuttgart erhielt zahllose Anrufe aus München und Österreich, teils anonym, teils unter Angabe falscher Namen und Anliegen. Verlagsangestellte wurden um persönliche Daten von Kollegen angegangen. Sprecher der Scientology-Kirche stellten in Briefen wahrheitswidrige Behauptungen über den Ausgang von Prozessen gegen Reader's-Digest-Redaktionen in anderen Ländern auf, um die deutsche Redaktion von der Veröffentlichung des Artikels abzuschrecken. Das Stuttgarter Verlagshaus wurde belagert, und es wurden verleumderische Schmähschriften gegen die Zeitschrift verteilt. In Dänemark, Südafrika und Australien ging die Organisation ohne Erfolg vor Gericht, um die Veröffentlichung zu unterbinden.

Seit Erscheinen des Artikels im Mai 1980 hat uns eine Flut von Leserreaktionen in allen Ländern überzeugt, daß wir nur die Oberfläche angekratzt hatten. Es sieht ganz so aus, als sei die internationale Tätigkeit der Sekte mindestens so beängstigend wie ihr Auftreten in den USA. Und noch immer hat sie alarmierenden Zulauf.

Der folgende Beitrag schildert, wie die Scientology-Kirche in aller Welt vorgeht.

IN BRESCIA erhält Rodolfo Zucca, der Besitzer einer italienischen Radiostarion, laufend Drohungen, Sein Auto wird demoliert. Zweimal werden die Kabel zum Studio durchgeschnitten und der Sender lahmgelegt.

• In Paris erfährt Professor Yves Lecerf, daß alle Nachbarn seines Wohnhauses von jemandem angerufen worden sind, der sich als Beamter des Gesundheitsministeriums ausgegeben hat. Der "Beamte" hat die Nachbarn gewarnt, Lecerf sei eine Gefahr für ihre Kinder.

• In St. Petersburg in Florida werden Andrew Orsini, dem Direktor der Easter Seal Society für behinderte Kinder und Erwachsene, in anonymen Briefen an Zeitungen und Behörden kriminelle Manipulationen in den Geld- und Verwaltungsgeschäften der Gesellschaft zur Last gelegt, und man fordert seine Verhaftung und Verurteilung.

Alle genannten Personen haben eines gemeinsam: Sie haben den Zorn der Scientology-Kirche auf sich gelenkt. 1978 zählte sie über fünf Millionen Anhänger - und jährlich kommen Tausende hinzu.

Was steckt hinter der Sekte? Eine Analyse von beeideten Aussagen und die Feststellungen von Gerichten in zwölf Ländern sowie unabhängige Untersuchungen haben die Scientology-Kirche als multinationales Schwindeluntemehmen entlarvt, das sich als religiöse Bewegung tarnt. Ausgehend von den Zentren in Clearwater in Florida, Los Angeles, Saint Hill Manor in der englischen Grafschaft Sussex und Kopenhagen, pendelt ein Elitekorps von "Missionaren" zwischen 79 Scientology-Kirchen und 172 Missionen und "Studiengruppen" in 34 Ländern hin und her - von Argentinien bis Simbabwe. Gestützt auf einen 19bändigen Leitfaden zur Überrumpelung Ahnungsloser, üben sie gleichsam eine Konzession zum Betrug auf der Grundlage einer weitgehend geheimen Humbuglehre aus.

1978 hatte die Sekte nach eigenen Angaben 6559 hauptberufliche Funktionäre. Sie leben hauptsächlich von "priesterlichen" Beratungsdiensten, für die der unbedarfte Konvertit 1980 eine Gebühr von 350 Mark pro Stunde bezahlt hat. Manche Kurse kosteten insgesamt bis zu 76000 Mark. Der Profit ist gewaltig. Nach Informationen der amerikanischen Regierung hat die Sekte allein in den USA in einem Jahr über 150 Millionen Dollar eingenommen.

Gemetzel im Weltraum.
Was hat es nun mit diesem Kult namens Scientology auf sich, und wie hat er seine heutigen Ausmaße erlangt?

Anfangs gab ihr Gründer, der Science-fiction-Autor L. Ron Hubbard, seine Theorien gar nicht als Religion aus, sondern als die "fortschrittlichste und einleuchtendste Methode der Psychotherapie und Weiterbildung, die es je gab". 1950 veröffentlichte er seine Theorien in dem Buch Dianetik: Die moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit; dabei stellte er sie als Allheilmittel für sämtliche Gebrechen der Menschheit dar. 1954 gründete der 42jährige dann in Washington die erste Scientology-Kirche. [1] [1] Siehe "Die erschreckenden Praktiken der Scientology-Kirche", Das Beste aus Reader's Digest, Mai 1980.

Er hatte, wie er sagte, wissenschaftlich nachgewiesen, daß die Persönlichkeit ein unsterblicher Geist sei, ein sogenannter "Thetan", der sich vom Körper lösen könne, ohne daß dieser sterben oder zerstört werden müsse.

Mit Hilfe eines Elektrometers wollte Hubbard einen Neuling durch "Auditing" (Anhörung) oder "Processing" (Verarbeitung) zu einem übernatürlichen "Operating Thetan" (Tätigen. Thetan) machen, der nach Belieben in den Weltraum reisen und wieder in seinen Körper zurückkehren könne.

Hubbards Elektrometer - ein batteriegespeistes Galvanometer mit einer an zwei Blechbüchsen angeschlossenen Skala - ähnelt einem schlichten "Lügendetektor". Die Kandidaten, die indoktriniert werden sollen, fassen die Büchsen an und geben auf Befragen intimste Einzelheiten aus ihrem Privatleben preis (die nach beeideten Aussagen früherer Scientology-Mitarbeiter aufgezeichnet und für eventuelle spätere Erpressungen aufbewahrt werden). Schweißabsonderungen der Haut lassen die Nadel ausschlagen, worauf dem Kandidaten gesagt wird, man habe ein "Engramm" entdeckt - eine Erinnerung an unangenehme Erlebnisse in diesem oder einem früheren Leben. Wenn er diesen Erlebnissen die Stirn biete, werde er "vollkommen frei" und in einen übermenschlichen Zustand zurückgeführt.

Der wahrhaft Gläubige erfahrt, daß er ein "Elite-Thetan" sei - ein Held einer lange untergegangenen intergalaktischen Zivilisation, die vor 40 Billionen Jahren auf dem Planeten Helatrobus von bösen Mächten dahingemetzelt worden sei. Die besiegten Thetans seien auf den Planeten Erde verbannt worden, wo sie in Unwissenheit verharrten, bis Hubbard sie dazu aufrufe, ihren Platz im Galaktischen Bund wieder einzunehmen.

Hubbard lockt neue Anhänger an, indem er sich ihre Einsamkeit und Angst mit einer üblen Mischung aus Hypnose und Gehirnwäsche, Pawlowscher Konditionierung und verzerrter Psychotherapie zunutze macht. In Monatsschriften und "persönlichen" Briefen preist er die Scientology als Mittel gegen alle möglichen Leiden von Schnupfen bis Krebs an - er verspricht sogar, daß durch das "Auditing" der Intelligenzquotient um einen Punkt pro Stunde ansteige.

In München trat Marianne Weller [Name und Ort sind geändert] mit 21 Jahren der Sekte bei und bezahlte in drei Jahren etwa 7500 Mark für verschiedene Kurse. Der Reinigungskurs kostete sie 1900 Mark; dafür versprach man ihr, daß sie zu einer gewandteren Gesprächspartnerin würde, ihre Lektionen besser verstehen, sogar Farben besser unterscheiden könne. Zuerst glaubte sie, daß es "wirklich half", aber bald merkte sie, daß die Wirkung nachließ. Sie hatte auch weiterhin Probleme mit ihrem Freund, der ebenfalls Sektenmitglied war - Probleme, die eigentlich gelöst werden sollten. Angewidert suchte sie schließlich juristischen Beistand, um ihr Geld wiederzubekommen.

Seine "Priester" weist Hubbard an, die Zeitungen nach Unfall-, Krankheits- und Todesmeldungen durchzusehen. "Stattet dem Verletzten oder den Hinterbliebenen so schnell wie möglich einen persönlichen Besuch ab", befiehlt er. "Solange ihr keine Leute im Laden habt, verdient ihr nichts. Nützt deshalb jede Gelegenheit, Leute heranzuschaffen."

Alan Wilson aus Vancouver im US-Staat Washington erholte sich nach einem Autounfall gerade von einer schweren Hüftverletzung, als er von einem Mitarbeiter der Sdentology-Kirche angesprochen wurde, der auf 10prozentiger Provisionsbasis arbeitete. Schon nach wenigen Kursen sah sich Wilson, dem man eine Heilung zugesagt hatte, um 7000 Dollar Versicherungsentschädigung erleichtert.

Und Hubbards Profitmaschine läuft wie geschmiert. Ein französischer Scientology-Anhänger bezahlte für ein paar Wochen "Dienste" in der Zentrale in Florida 200000 Dollar. Der Sohn eines ehemaligen US-Botschafters in London blätterte 123 000 Dollar hin. Ein deutsches Ehepaar nahm einen Kredit von 250000 Mark auf, um "fortgeschrittene" Erleuchtung in Kopenhagen zu bezahlen.

Und was steht am Ende des galaktischen Phantasielandes der Erlösung? Wenn Gehirn und Brieftasche erst fest in Hubbards Griff sind, macht er seine Konvertiten zu willenlosen Sklaven, die 12 Stunden täglich für einen Monatslohn von 400 bis 500 Mark arbeiten, emsig missionieren und immer mehr Anhänger und mehr Geld herbeischaffen, um "Ron zu helfen, diesen Planeten von Wahnsinn, Verbrechen und Bosheit zu säubern".

Das Ergebnis ist eine internationale Blutspur von tragischen Opfern. In Australien mußte eine Frau nach einem 60stündigen "Processing" durch die Scientology-Kirche in eine Heilanstalt eingewiesen werden. In der Bundesrepublik verließ ein junger Mann, der zwei Jahre lang gekämpft hatte, um sich aus den Fesseln des Kults zu befreien, zu Weihnachten sein Elternhaus und warf sich vor einen Zug. In Paris kündigte ein junger Mann nach einem "Processing" seine Arbeitsstelle, schloß sich ein und schnitt sich die Pulsadern auf.

"Immer angreifen!"
Als die Scientology-Kirche 1966 in die Schlagzeilen geriet, gründete Hubbard eine eigene Vollstreckungstruppe, das "WorId-Wide Guardian Office" (Weltweites Sicherheitsbüro), um die Kritik zum Schweigen zu bringen. Seine dritte Frau Mary Sue und die Südafrikanerin Jane Kember, eine fanarische Anhängerin, wurden mit der Leitung des Büros beauftragt. "Niemals verteidigen, immer angreifen", lautete Hubbards Devise. "Findet oder erfindet so viel Belastungsmaterial gegen sie, daß sie um Frieden bitten müssen. Organisiert Kampagnen, die den Ruf des Betreffenden so nachhaltig ruinieren, daß er geächtet wird. Erhebt bei jeder Gelegenheit Verleumdungsktagen, um die Presse davon abzuschrecken, über die Scientology-Kirche zu schreiben. Es geht nicht darum, die Verhandlungen zu gewinnen. Der Zweck ist, den Gegner zu zermürben und zu entmutigen."

In München reagierte Pfarrer Friedrich-W. Haack von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern auf Erkundigungen seiner Gemeindemitglieder nach der Scientology-Kirche mit einer Serie von Kampfschriften, in denen er Hubbards Scharlatanerie aufdeckte. Die Antwort war eine Flut von Schmähungen nebst den üblichen schmutzigen Tricks, die in aller Welt zum Markenzeichen der Gegenangriffe des Sicherheitsbüros geworden sind. Haack wurde als Kommunist, Faschist und CIA-Agent verunglimpft; man warf ihm gewaltsame "Deprogrammierung" aus Gewinnsucht und Steuerhinterziehung vor. Mehrmals wurde ihm der Prozeß gemacht. Ein junger Helfer entpuppte sich als Scientology-Spion. Ein anderer, ein Kanadier, drängte Haack, seine Artikel für kanadische Zeitungen übersetzenzulassen; die Übersetzungen erwiesen sich als manipuliert, um dem Pfarrer eine Verleumdungsklage anhängen zu können.

Haack führte und gewann seinerseits mehrere Rufmordprozesse gegen die Scientology-Kirche. Einer geheimnisvollen Einzahlung von 500 Mark auf sein Bankkonto, angeblich von einer Berliner Sektenbewegung, folgte ein anonymer Brief an seine kirchlichen Vorgesetzten, in dem er der Bestechlichkeit bezichtigt wurde. "Wir haben das Geld genommen und davon weitere Flugblätter gegen die Scientology-Kirche drucken lassen", sagt Haack grinsend.

Die Zeitungen St. Louis Post-Dispatch und Los Angeles Times mußten Tausende von Dollar aufwenden, um Klagen gegen kritische Berichte über die Tätigkeit der Sekte abzuwehren. Die Zeitungen wurden letztlich jedoch von den Gerichten unterstützt. Ehemalige Mitglieder der Sekte erzählten, ihre Agenten seien in die Kanzlei des Anwalts der St.Petersburg Times eingebrochen; auch in das Büro des Anwalts vom Boston Globe hätten sie sich eingeschlichen und Unterlagen gestohlen, um sich über die Aktionen der Zeitungen zu informieren.

"Die Klagen wurden von der Sekte zu dem einzigen Zweck erhoben, ihre Kritiker finanziell zu ruinieren und eine Atmosphäre der Angst zu schaffen, damit sie sich künftig scheuen sollten, von ihrem Grundrecht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch zu machen", erklärte der Staatsanwalt Ray Banoun vor Gericht. Banoun hat elf Spitzenagenten des Sicherheitsbüros wegen Verschwörung, Einbruchs oder Diebstahls aus Amtsräumen der amerikanischen Regierung verklagt (die Berufung läuft noch).

Aber das Sicherheitsbüro befaßt sich nicht nur mit Kritikern der Sekte. 1975 befahl Hubbard seinen Getreuen, auch staatliche Fonds für gesundheits-, bildungs- und andere sozialpolitische Zwecke anzuzapfen, und zwar durch Gründung einer Reihe von Tarnorganisationen, die sich für eine staatliche Förderung eigneten. Zu diesem Zweck wurde dem Sicherheitsbüro in Saint Hill und allen übrigen in Europa und Amerika je eine Abteilung "Soziale Koordination" angegliedert. In Kopenhagen unterhält die Sekte zwei Schulen, um staatliche Zuschüsse zu kassieren; die dänische Regierung bezahlt Privatschulen bis zu 85 Prozent der Kosten. In deutschen Großstädten wurden "Zentren für individuelles und effektives Lernen" (ZIEL) eröffnet, um Schüler anzulocken. "Durch diese Kinderkurse werden schon Achtjährige seelisch gefügig gemacht und auf die Gehirnwäsche durch die Sekte vorbereitet", sagt Ingo Heinemann, ein Stuttgarter Assessor und Geschäftsführer einer Verbraucherberatungsstelle.

Der bisher größte Fischzug der Scientology-Kirche waren jedoch die "Narconons" - Tarnorganisationen, in denen angeblich Drogenabhängige rehabilitiert wurden. Die Juristen des Sicherheitsbüros in Saint Hill dichteten stapelweise Korrespondenzen und Protokolle von Vorstandssitzungen zusammen, um die Narconons unabhängig erscheinen und in den Genuß staatlicher Gelder in Form von "Beratungshonoraren" kommen zu lassen. Narconon berechnet 530 Dollar pro Grundkurs und noch mehr für Fortgeschrittenenkurse und gibt eine Heilungsquote von 60 bis 80 Prozent an.

Von solchen Zahlen beeindruckt, engagierten zwei Schulverwaltungen im US-Staat Idaho Narconon-"Experten", die ihre Schüler über Drogen belehren sollten. Die Gefängnisverwaltung von Michigan zahlte an Narconon über 100000 Dollar "für die Rehabilitierung" ihrer Strafgefangenen. Erst später ergab eine Überprüfung von 29 Narconon-Schützlingen, daß sie nach halbjähriger Zugehörigkeit zu der Gemeinschaft schlechter dastanden als andere auf Bewährung Entlassene. Den Westberliner Behörden wurden 1,5 Millionen Mark aus der Tasche gezogen. Scientology-Funktionäre beschwatzten Drogenabhängige, bei Narconon einzutreten, und manchmal ging der Narconon-Chef persönlich mit ihnen zum Bezirksamt, um ihr Behandlungshonorar in bar abzuholen. Die "Therapie" bestand aus dem üblichen Hubbard-Hokuspokus. Zeitungs- und Fernsehreporter deckten den Schwindel schließlich auf, und 1977 ordnete

der Senat eine Überprüfung an. Das Ergebnis bewies, daß die Erfolgsquote von 80 Prozent maßlos übertrieben war; wirklich "sauber" geworden waren nur etwa 10 Prozent der Behandelten, und die wohnten größtenteils im Haus der Narconon-Gruppe.

Ein typischer Fall ist Klaus Rebner [Der Name ist geändert], der sich 37 Tage lang der Narconon-"Therapie" unterzog, während Narconon noch vier Monate später das Geld für ihn kassierte. Rebner starb 15 Monate darauf an einer Überdosis. Aber so unglaublich es klingt: Im März dieses Jahres eröffnete die Scientology-Kirche wieder eine Narconon-Filiale in Stuttgart und sprach immer noch von einer 60prozentigen Rehabilitationsquote.

Rat und Hilfe.
Hubbard lebt dem Vernehmen nach zurückgezogen auf einer Ferienranch in Südkalifomien. Wie ein früheres Mitglied aus seinem Gefolge von "Communikatoren" berichtete, kaufte und verkaufte er mit den Millionen, die seine weltweiten "Missionen" anbringen, Gold, Silber und andere Kostbarkeiten. Derweil beschäftigt er ein Heer von Rechtsanwälten für die Berufungsprozesse, die seine elf verurteilten Vasallen vor dem Gefängnis bewahren sollen, und um andere Strafverfolgungsbehörden und Zivilgerichte hinzuhalten.

Aber die Zukunft könnte doch den Opfern des Kults und ihren Familien gehören. In Europa und Amerika haben sie sich zusammengetan, um denen, die noch im Netz der Sekte zappeln, juristische und psychologische Hilfe zu leisten und ihren Kampf vor die Gerichte und Parlamente zu bringen. In Paris erstattete ein Opfer - unterstützt von der französischen Gesellschaft zum Schutz der Familie und des einzelnen - Betrugsanzeigen, die zur Verurteilung (in Abwesenheit) Hubbards, eines seiner französischen Spitzenleute und eines Exmitarbeiters, ebenfalls Franzose, führten. Wenn Hubbard je nach Frankreich kommt, erwarten ihn vier Jahre Gefängnis und eine Geldstrafe von rund 35000 Franc.

Lorna Levett aus Calgary in der kanadischen Provinz Alberta gründete eine Scientology-Mission und leitete sie sechs Jahre lang, bis ihr aufging, daß "wir in eine internationale Verschwörung verwickelt sind". 1974 trat sie zusammen mit 43 anderen aus. Trotz Verleumdungen, Drohungen und einer 100000-Dollar-Klage haben sie jedem Versuch der Scientology-Kirche, sie zum Schweigen zu bringen, bisher erfolgreich widerstanden. Miß Levett erklärt im Namen vieler desillusionierter Sektenmitglieder und ihrer Familien:

"Psychologischer Zwang durch gefährliche, den Geist verwirrende Kulte unter religiösem Deckmantel hat, wie eine ansteckende Krankheit, nur dann eine Chance, wenn es keine Schutzimpfung dagegen gibt. Der beste Impfstoff ist im vorliegenden Fall die freie Meinungsäußerung, Sekten können nur dann unter Inanspruchnahme steuerfreier Gelder die Menschenrechte verletzen, wenn man zuläßt, daß die Wahrheit unterdrückt wird."
 

Organisationen zur Sektenbekämpfung:

Der Beauftragte für Sekten- und Weltanschauungsfragen der
Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Pfarrer Friedrich-W. Haack,
Bunzlauer Straße 28, Postfach 50 03 05,8000 München 50. Pfarrer Haack
ist der führende Sektenexperte der Evangelisch-Lutherischen Kirche und
Verfasser mehrerer Broschüren über die Scientology-Kirche und andere
Kulte.

Aktion Bildungsinformation (ABI), Alte Poststraße 5, 7000 Stuttgart 1,
Tel. (0711) 225959 oder 223682. Der Geschäftsführer dieser
Verbraucherschutzorganisation, Assessor Ingo Heinemann, hat eine
Broschüre über die Scientology-Kirche und ihre Tarnorganisationen
verfaßt und schon in mehreren Fällen Geld für ihre Opfer zurückgeholt.
 


Gegendarstellung zu Teil 2:

Wir drucken folgende Erklärung ab, entsprechend dem Landespressegesetz Baden-Württemberg ohne Prüfung des Wahrheitsgehalts:

Gegendarstellung
zum Artikel "Die erschreckenden Praktiken der Scientology-Kirche - 2. Teil"
1. L. Ron Hubbard war nicht der Begründer der Scientology Kirche. Vielmehr wurde die Kirche 1954 von drei Personen namens Ayres, N. und J. Farber gegründet.
2. Das für die geistliche Beratung verwendete E-Meter mißt den mentalen Widerstand. Schweißabsonderungen werden nicht berücksichtigt.
3. Aufzeichnungen über geistliche Beratung werden nur für die Technische Überwachung benötigt und nicht zu dem im Artikel erwähnten Zweck aufbewahrt.
4. Keiner Person werden die im Artikel angeführten Verbesserungen durch den Reinigungsrundown versprochen. Der Reinigungsrundown hat nur geistige Ziele, und es werden keine Versprechungen über konkrete Verbesserungsmöglichkeiten gemacht.
5. Die Scientology Kirche ist gemeinnützig und zahlt keine Gelder an L. Ron Hubbard (Profitmaschine trifft also nicht zu).
6. Die Mitarbeiter der Kirche sind selbstbestimmt und arbeiten in der Regel 8 Stunden pro Tag.
7. Der junge Mann, von dem im Artikel die Rede ist, durfte schon zwei Jahre vor seinem Tod nicht mehr aktives Mitglied der Kirche sein: Die Behauptung im Artikel trifft nicht zu.
8. Pfarrer Haack gewann keinen Rufmordprozeß gegen die Scientology Kirche.

5.10.1981 Vorstand der Scientology Kirche Deutschland, Jürg Stettler

Anmerkung der Redaktion: Wir halten auch in Einzelheiten unsere Darstellung im Artikel "Die erschreckenden Praktiken der Scientology-Kirche - 2. Teil" in der Septemberausgabe 1981 aufrecht. Pfarrer Friedrich W. Haack gewann zahlreiche Zivilgerichtsverfahren auf Unterlassung gegen die Scientology-Kirche Hubbard Scientology Organisation oder deren Mitglieder uund erreichte auch die rechtskräftige strafrechtliche Verurteilung eines Mitgliedes wegen übler Nachrede.
"Das Beste aus Reader's Digest", Januarheft 1982
 
 



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