Ingo Heinemann: Scientology-Kritik 
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Zuletzt bearbeitet am 7.6.2010 
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Ehemaligen-Berichte
Scientology macht nur wenig nachprüfbare Angaben über die Angebote.
Umso wichtiger sind Berichte von Kunden und Mitarbeitern.
 
 
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Bücher mit persönlichen Berichten:

 
Wilfried Handl: Scientology: Wahn und Wirklichkeit 
28 Jahre in einer Psychosekte 
2005, verlegt bei: 
www.Mensch-vs-Scientology.org
Ilse Hruby: Meine Ehe mit einem Scientologen
Mit einer Einführung von El Awadalla und Maria Susanne Klar
Gütersloher Verlagshaus GTB September 2000, ISBN 3-579-01145-6

Anonymus:  Entkommen. Eine Ex - Scientologin berichtet.
3-499-19587-9   1993 Rowohlt TB-V

Norbert Potthoff, Sabine Kemming: Scientology-Schicksale.
Eine Organisation wird zum sozialen Störfall.
Lübbe, Berg.-Gladb. 1998, 396 Seiten, ISBN: 3404604598

Voltz, Tom: Scientology und (k)ein Ende
Patmos\Walter, Düsseldorf, 1994, ISBN 3-530-89980-1

Voßmerbäumer, Peter : Inside Scientology
Meine Erfahrungen im Machtapparat der "Church"
Universitas München 1996 ISBN 3-8004-1333-7

Redhead, Silvia:  Der teure Traum vom Übermenschen.
ISBN 3-532-62157-6   1993 Claudius, Mchn.

Robert Kaufman: Übermenschen unter uns, 1972

Roswitha Sieper (Hg.): Psychokulte - Erfahrungsberichte Betroffener
Ev. Presseverband für Bayer, 1986, ISBN3-583-50645-6

Jörg Herrmann: Mission mit allen Mitteln.
Rowohlt TB 1992, ISBN 3-499-19341-8

Dönz, Michael: Im Netz von Scientology verstrickt und wie es mir gelang, mich zu befreien Haag + Herchen Frankfurt 1994, ISBN 3-86137-162-6


Jesse Prince im Mannheimer Morgen 11.11.99

Auch Jahre nach dem Absprung ist Scientology längst nicht verarbeitet

Aussteiger Jesse Prince will andere vor einem ähnlichen Schicksal bewahren
Abhör-Aktionen, Entführungen und andere Verstöße gegen das Gesetz

Von unserem Redaktionsmitglied Stephan Töngi

Die 16 verkorksten Jahre sind vorbei, doch ihre Wirkung hält an. Um anderen Ähnliches zu ersparen, erzählt Jesse Prince von seiner Zeit bei Scientology in führender Stellung. "Nicht nur ich habe dort meine Persönlichkeit verloren", lautet sein Erklärungsversuch für das, was Außenstehende nur schwer verstehen: wie jemand bei dieser Organisation bleiben kann. Zwei Tage lang hat Prince mit dem Kölner Verfassungsschutz, der ihn nach Deutschland einlud, geredet. Jetzt erzählt er unserer Zeitung seine Geschichte:

1976 in San Francisco: Der 22-jährige Jesse fühlt sich einsam in der für ihn neuen Großstadt. Ideale Voraussetzungen dafür, dass er Scientology auf den Leim geht. Schon nach einem Monat gehört er zur See-Org, einer Eliteorganisation in Fantasie-Uniformen. Als Gruppenleiter arbeitet er 15 Stunden am Tag, was sich pro Woche mit mageren zwölf Dollar niederschlägt. Als er bald weg will, steckt ihn Scientology in ein Umerziehungslager. "Dort fühlte ich mich wie ein Häftling: Arbeit in schwarzen Kleidern, schlafen musste ich auf einer dünnen Matratze in einem Keller ohne Strom." Nach 18 Monaten korrigiert Scientology seinen "großen Fehler" und zahlt ihm lumpige 2400 Dollar Entschädigung.

Stundenlange Verhöre, immer wieder dieselben Fragen, Lichthypnose: "Die Gehirnwäsche hat mich verändert", bringt Prince als Erklärung dafür vor, dass er bei Scientology bleibt. Als deren Gründer L. Ron Hubbard (1911-86) 1982 den besten Mann sucht, um die Propagandisten seiner wirren Psycho-Thesen von "totaler geistiger Freiheit" auszubilden, hat Prince - wie er sagt - "bad luck", also Pech: Die Wahl fällt auf ihn, ein Trainingsprogramm für Mitarbeiter zu entwickeln. Damals, so Prince, kommt es zur einzigen Begegnung mit dem Guru: "Hubbard konnte sich nicht vorstellen, dass ein Farbiger wie ich so intelligent ist. Im Parkhaus fuhr er mehrmals um mich herum und musterte mich." Hinter den Scheiben präsentiert sich ein Mann, der überhaupt nichts mit den Werbe-Fotos gemein hat: ungeputzte Zähne, lange, ungepflegte Haare und ebensolche Fingernägel. In Prince steigen ernste Zweifel auf. "Hubbard war von einer Phobie besessen, er hatte Angst vor Menschen und Bakterien." Deshalb habe er mit seiner Umgebung stets hinter Glas kommuniziert.

Oder über Anweisungen in Briefen und auf Tonbändern, wie sie Prince empfängt. Vier Mal im Jahr dreht er danach ein Schulungs-Video, das an Mitarbeiter in alle Welt geht. Seit 1982 ist er nämlich zweiter Mann im "Religiösen Technologie-Zentrum" (RTC). Prince: "Das war damals die mächtigste und einflussreichste Organisation weltweit." Dort beschäftigt er sich nicht nur mit der Lizenzvergabe an Scientology-Organisationen, sondern auch mit geheimdienstlichen Aufgaben sowie Rechtsverfahren durch oder gegen Scientology. Beim Sprung in den RTC-Verwaltungsrat sei er gezwungen worden, einen undatierten Rücktrittsbrief zu unterschreiben. Vermutlich kommt dieser Brief zum Einsatz, als er 1987 "abgesägt" wird.

Den Absprung schafft Prince 1992 mit seiner Frau Monika, einer gebürtigen Offenbacherin. Bis dahin nimmt er u.a. Hollywood-Star Tom Cruise und dessen Frau Nicole Kidman ("Solche Berühmtheiten werden missbraucht") das "Auditing" ab, eine Seelen-Beichte, die das Innerste nach außen kehrt. "Scientology hat viele Gesichter", bilanziert Prince heute. "Das weiß ich, seitdem ich gesehen habe, dass die Leute in der Top-Kategorie ihre Lehre nicht praktizieren." Etwa wenn sie andere zu Gesetzesverstößen anstiften. Kommt die Sprache darauf, was Prince auf dem Kerbholz hat, bricht die Scham durch. Doch einiges erzählt er, untermauert mit einer eidesstattlichen Erklärung. Etwa wie er hochrangige Mitglieder, die des Betrugs verdächtigt wurden, vom Auto aus in deren Wohnung abhörte ("Eine schmutzige Sache"). Oder wie er einen Nicht-Scientologen entführte, der der "Spionage" bezichtigt wurde: "Ein Privatdetektiv hielt ihn mit einer Pistole in Schach, während ich ihn an einen Lügendetektor anschloss." Oder wie er ab 1984 Beweise vernichtete, die Scientology vor Gericht hätten belasten können. Auch weiß er von Einschüchterungsversuchen gegenüber der Justiz: "Einmal wurde der Hund eines Richters umgebracht und in den Garten gelegt."

"Scientology verabreicht einem Gift in kleinen Dosen", greift Prince zum Vergleich. "Man wird immer kränker, ohne es zu merken." Jegliche Gefühle würden ausgetrieben, bis auf den Hass auf all diejenigen, die Scientology gegenüber kritisch aufträten. "Gefühle sind gefährlich, weil sie nicht kontrollierbar sind." Prince doktert bis heute daran herum: "Ich bin immer noch dabei, Liebe und Respekt zu den Menschen zu lernen, überhaupt mir menschliche Gefühle anzulegen." Auch sieben Jahre nach seinem Ausstieg braucht er Therapie.

Ebenso wenig wie er Scientology vergessen hat, hat die Organisation ihn aus den Augen verloren. Seine erste berufliche Existenz zerstört sie durch Verleumdungen. 1998 erreicht ihn über Freunde eine Todesdrohung, in Los Angeles blickt er in den Lauf einer Pistole. Eine seiner beiden Töchter wird mit Denunziationen behelligt, vor dem Haus seines 73-jährigen Vaters marschieren Scientologen mit rassistischen Sprüchen auf. Außerdem verlangen sie, seinen Sohn zu beeinflussen, den Mund zu halten. "Sogar hier in Deutschland ist Scientology hinter mir her." Wie steht es da mit seiner Angst? "Ich habe nichts zu verlieren, was das Leben wertvoll machen würde, wenn ich es nicht dazu nutzen würde, andere zu warnen."

Copyright © 1999 Mannheimer Morgen. Alle Rechte vorbehalten. Alle Angaben ohne Gewähr.
 
 



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