Ingo Heinemann: Scientology-Kritik
   Adresse dieser Seite: http://agpf.de/Archiv/Armstrong.htm  Zuletzt bearbeitet am 26.5.2003
zur Homepage  | zur Inhaltsseite  |  AGPF-Spendenkonto

Gerry Armstrong:
Scientology-Kritik statt Hubbard-Biografie


 
Inhalt dieser Seite: Zum Thema auch: In anderen Websites:
Impressum
  • www.AGPF.de: Infos über Sekten, Kulte und den Psychomarkt


 

Der Boykottaufruf
 

 
Waiblinger Kreiszeitung vom 9.6.01 u.a.
Gerald Armstrong - der Mann, der ein Sklave war

Ein hochrangiger Scientology-Aussteiger sprach in Backnang über seine Leidensgeschichte und die Methoden der Sekte

Von unserem Redaktionsmitglied Peter Schwarz

Backnang. Der Mann, der L. Ron Hubbards Sklave war, wirkt zierlich, fast schmächtig. Die Augen über dem schütteren Bart liegen verschattet in den Höhlen - und sind doch so groß,  dass sie das ganze Gesicht beherrschen und einen magnetischen Sog aussenden. Die schweren, buschigen Brauen sind immer leicht hochgezogen und geben der Mimik eine Anmutung ständiger Aufnahmebereitschaft, eine Aura zwischen Wachheit und Wachsamkeit. 

Das Fesselndste aber an Gerald Armstrong, dem hochrangigen Scientology-Aussteiger, der zehn Jahre lang zum innersten Zirkel des Sekten-Konzerns gehörte, ist der Tonfall: Da erzählt einer eine luftabschnürende Geschichte - und das ganz langsam, überdeutlich artikulierend, in einem gleichförmigen Satzfluss, als stünde er vor einem Untersuchungsausschuss, als prüfe er jedes Wort, bevor er es ausspricht, auf Justitiabilität. Der ausgekühlte, fast erstarrte Ton vermittelt den Eindruck einer ungeheuren Disziplinierung - um so beklemmender wird das Gemisch aus Schmerz und Aufklärungsfuror spürbar, das hinter dem anästhesierten Sprachklang schwelt. Kein Flüstern, nicht mal ein Kleiderknistern ist zu hören im Publikum, bei den Mitgliedern des "Wirtschaftsrates des CDU Rems-Murr" in Backnang.

1969 macht sich Armstrong, 22 Jahre alt, "zum Sklaven der Organisation": ein schüchterner junger Mann mit einer ins Leere tastenden Intelligenz, vom Glauben an die Vernunft geprägt --und um so anfälliger für das scientologische Heilsversprechen: Hier findet Armstrong ein Sinnstiftungsangebot, das nicht auf Vertrauen und Glauben fußt, sondern für sich in Anspruch nimmt, wissenschaftlich begründet zu sein. Sektengründer Hubbard lehrt: Wer sich der psychoanalytisch angehauchten Verhörmethode des "Auditing" aussetzt, könne seinen Intelligenzquotienten um einen Punkt pro Stunde steigern und sich erheben über die menschliche Begrenztheit.

1971 wird Armstrong Mitglied der "Sea-Organisation", einer Art Stoßtrupp Scientologys. 400 Leute um Hubbard reisen auf dem Schiff "Apollo" durch die ganze Welt. Armstrong ist Rechtsberater, später Öffentlichkeitsarbeiter.

Der Knick in Armstrongs Sekten-Karriere kommt 1976: Nach einem Streit mit Hubbards Frau wird er "gefangen gesetzt" in einem der Scientology-Umerziehungscamps - "we call them Gulags", Konzentrationslager. Dort, abgeschieden in der kalifornischen Wüste, abgeschnitten von Zeitungen, Fernsehen, Radio, trägt er eine Arbeitsuniform und unterzieht sich hunderten von Verhörstunden mit Lügendetektor. Alles wird ausgeforscht: sein Sexualleben, tiefste Ängste und Zweifel. Die Protokolle der angeblich "vertraulichen" Aushorchungen sind dem Geheimdienst der Sekte zugänglich. So verfügt Scientology über eine Art Röntgenbild von Armstrongs Psyche - eine gewaltige Waffe, um einen Menschen abhängig zu halten und gefügig zu machen.

Es folgt eine Berg- und Talfahrt aus Wiederaufnahmen in den inneren Zirkel und erneuten Verhören. Eine Zeit lang dient Armstrong in Hubbards Haushalt, später wird er beauftragt, für eine verherrlichende Biographie des Sektenchefs zu recherchieren - und dringt vor in ein labyrinthisches Lügengebäude, in dem Hubbards mittelmäßige Militär-Karriere zur Heldenvita umgedichtet und seine ruhmlos abgebrochenen universitären Versuche zur strahlenden Physikerlaufbahn umkonstruiert werden ... Armstrong flieht 1981. Zwölf Jahre seines Lebens hat er "vergeudet".

"Freiwild-Doktrin" und "schwarze Propaganda": wie Scientology mit Aussteigern umgeht

Und nun beginnt der Kampf, nun gehört Armstrong zu denen, für die Hubbard die "Freiwild-Doktrin" vorsieht: Abtrünnige darf man "belügen, bestehlen, zerstören". Armstrongs Auto wird auf der Autobahn gerammt, fortan überzieht Scientology ihn mit Prozessen und der im Konzern-Jargon so genannten "schwarzen Propaganda": gezielten Rufmordkampagnen.

In Deutschland ist Scientology nicht wirklich ein Machtfaktor: Experten gehen von  5000 Scientologen hierzulande aus - auf 20000 Einwohner kommt ein einziges Mitglied. Sektenbeauftragte, Regierungsstellen, Initiativen leisten Aufklärung. Scientology ist keine Religion, sondern eine nackte, skrupellose "money making machine" - in Deutschland gehört das zum gesellschaftlichen Allgemeinwissen. 

Doch Armstrong kommt aus einem anderen Land: In Amerika ist ihm per Gerichtsurteil und 650 000 Dollar Strafandrohung untersagt, das Wort "Scientology" öffentlich auch nur in den Mund zu nehmen. In den USA genießt die Geldmaschine die Privilegien einer Religionsgemeinschaft. Showgrößen wie Tom Cruise oder John Travolta wurde nachgesagt, sie seien Mitglieder. Ihrer Karriere schadet es nicht.

Erst vor diesem Hintergrund wird Armstrongs Schlussreaktion richtig verständlich: Die Maske seines Gesichts, das anderthalb Stunden wie eingefroren in Ernst und Dringlichkeit wirkte, löst sich angesichts des anhaltenden Beifalls auf in ein strahlendes, fast gerührtes Lächeln.


 
Backnanger Kreiszeitung 9.6.01
Scientology-Aussteiger werden zu Freiwild erklärt

Gerald Armstrong, einst enger Vertrauter von Sektengründer L. Ron Hubbard, kämpft heute gegen schwarze Propaganda

Backnang - Die Machenschaften der Scientology-Sekte, ihre leeren Versprungen und ihre Art, mit Aussteigern umzuspringen, geißelte Gerald Armstrong, der auf Einladung des CDU-Wirtschaftsrats in Backnang sprach. Und der 51-jährige Sektenflüchtling weiß, wovon er spricht. Jahrelang war er ein enger Vertrauter von Sektengründer Hubbard. 

Von Matthias Nothstein

Nur wenige lernten L. Ron Hubbard so gut kennen wie Armstrong, der schon 1969 in Vancouver zu Scientology stieß und nach seinem Umzug 1975 in die USA viele Jahre lang bis 1981 in unmittelbarer Nähe des Sektengründers lebte. Doch so richtig lernte Armstrong diesen erst in den letzten beiden Jahren seiner Sektenzugehörigkeit kennen. Denn in dieser Zeit recherchierte er für eine Hubbard-Biographie und bekam dabei so viele handfeste Lügen mit, dass er beschloss, der Organisation den Rücken zu kehren. Was aber - wie er schnell merken sollte - nicht einfach war.

Anfangs machte Armstrong geradezu Karriere. Er gehörte der Sea-Organisation an, einem Team von engsten Mitarbeitern rund um Hubbard, das über die Weltmeere segelte. Laut Armstrong war die Sea-Org wie eine paramilitärische Einheit organisiert. Er selbst war an Bord des Flaggschiffes zusammen mit Hubbard und dessen Familie und hatte dort die Funktion des Rechtsbeauftragten inne. Auch war er zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit.

Als es im Juni 1976 zu einer Auseinandersetzung mit der Frau von Hubbard kam, wurde Armstrong erstmals gefangen genommen. Er kam zur Rehabilitation Projekt Force (RPF) in eine Art Arbeitslager. RPF-Menschen müssen dem Referenten zufolge überall arbeiten. Sie müssen spezielle Anzüge tragen, dürfen sich nicht zu jeder Zeit unterhalten, nicht Radio hören oder fernsehen und sind so von der Außenwelt komplett abgeschnitten. Die Zuteilung zur RPF ist willkürlich. Die Mitglieder müssen sich stundenlangen Verhören aussetzen, den so genannten Sicherheitschecks. Diese Tests können mit einem psychotherapeutischen Verfahren gleichgesetzt werden. Die Teilnehmer müssen alle Informationen aus jedem Lebensbereich preisgeben. Nichts bleibt im Verborgenen. Dabei sind die Macher vor allem auf solche Informationen aus, die den Menschen kompromittieren, also unangenehme Interna aus der Familiengeschichte, dem Berufsleben oder dem Sexualleben. Den Sektenmitgliedern wird gesagt, das Verfahren sei vergleichbar geheim wie die Beichte in der katholischen Kirche, es dringe also nichts an die Öffentlichkeit. Tatsächlich werden jedoch alle Informationen an den Geheimdienst übermittelt und so das Vertrauen der Menschen missbraucht. Armstrong: "Das Wesentliche, was die Organisation ausmacht, ist der Geheimdienst, der die Mitglieder erpresst." Deshalb bezeichnete er es auch als gerechtfertigt, die Organisation in Deutschland zu verbieten oder herauszufinden, wo in Führungsebenen solche Menschen vertreten sind.

Nach einiger Zeit fiel Armstrong ein zweites Mal bei Hubbard in Ungnade. Er soll sich lustig gemacht haben über einen Film des Sektenchefs. Wieder kam er zur RPF. Acht Monate später wurde er dem Privathaushalt Hubbards überstellt, um eine Biographie zu erarbeiten. Er erhielt tiefe Einblicke in das Vorleben des Sektenchefs. Zu dieser Zeit sei ihm bewusst geworden, "Hubbard war ein Lügner". So hatte er etwa behauptet, Bauingenieur zu sein mit einem abgeschlossenen Studium. Tatsächlich hatte er dieses nach zwei Semestern abgebrochen. Und statt eines großen Kriegshelden mit vielen Auszeichnungen, wie er immer wieder von sich behauptete, sei Hubbard nur ein durchschnittlicher Kriegsteilnehmer gewesen.Für den Zweifler wurde immer klarer, Hubbard log hinsichtlich allem. Auch die Versprechen, die Armstrong zum Beitritt zu Scientology bewogen hatten, sie waren nichts wert. Trotz aller Persönlichkeitschecks hatte er keine besonderen Fähigkeiten erwerben können, trotz 1000-stündigem Auditing - "mein IQ blieb der gleiche". Armstrong bereitete daher heimlich seine Flucht vor. Flucht ist laut Armstrong die einzige Art, aus der Sekte frei zu kommen. Ansonsten werden Abgänger eingesperrt und müssen unterschreiben, nichts gegen die Sekte zu unternehmen. Armstrong: "Ich glaube, wenn ich nicht geflohen wäre, ich wäre heute immer noch in den Fängen der Sekte oder tot."

Immer wieder wird versucht, Ex-Mitglieder zu kriminalisieren

So wurde er von den Scientologen zur Suppressive Person, zu einem bösen Menschen, erklärt. Heute sei er quasi Freiwild, eine Person, die man verfolgen, ja auch zerstören darf. So berichtet Armstrong denn auch, dass er seit seinem Verlassen der Organisation dauernd terrorisiert werde. Neben Einbrüchen und Diebstählen greifen die Scientologen vor allem zu einem Mittel, zur schwarzen Propaganda. Immer wieder werde versucht, ihm kriminelle Machenschaften anzulasten.

Besonders besorgniserregend ist für Armstrong die Entwicklung in den USA. Während die CIA noch 1990 die Sekte unterdrückt, "ist es meiner Meinung nach heute zu einer Verbindung gekommen zwischen dem Geheimdienst von Scientology und dem der USA". Als Armstrong dieser Tage zu einer Vortragsreise in Russland war, erfuhr er, dass auch der russische Geheimdienst Infos über ihn hatte. Auch war versucht worden, die Mitglieder der amerikanischen Botschaft zu beeinflussen. So wundert es nicht, dass selbst Armstrongs Vortrag in Backnang, der im Ambiente Ausbauzentrum der Schröter Einrichtungs GmbH in der Sulzbacher Straße stattfand, von der Sekte verhindert werden sollte. 


 
Badische Zeitung 6.6.2001:
Eine Abrechnung mit Scientology
Als Gast des CDUWirtschaftsrates sprach gestern ein "Aussteiger" über seine Erfahrungen

LÖRRACH (kh). Einen ungewöhnlichen Gast hatte der CDU-Wirtschaftsrat am Dienstagmittag in die Kreisstadt geladen: Vor Vertretern von Politik und Wirtschaft berichtete der Kanadier Gerald Armstrong in der "Kantine" über seine Erfahrungen mit der Scientology-Sekte. Der 51-Jährige war nach eigener Auskunft über zwölf Jahre hinweg in Führungspositionen bei Scientology tätig und galt als enger Vertrauter des Sektenführers Ron Hubbard.

Zu Scientology sei er gestoßen wie viele andere auch: Er sei auf all jene Versprechungen hereingefallen, mit denen die Menschen zu Tausenden zu Scientology gelockt würden. Zum Beispiel sollen die Kommunikationsfähigkeiten verbessert und sogar die Intelligenz gesteigert werden - und alles vor einem wissenschaftlichen Hintergrund. Armstrong erläuterte ausführlich seinen Werdegang innerhalb der in den Vereinigten Staaten als Kirche anerkannten Organisation. So habe er einmal für eine Biografie über Hubbard recherchiert - und dabei, so erklärt er heute, sei ihm klar geworden, dass "dieser Mann in jeder Beziehung gelogen hat". Hubbard sei entgegen seiner eigenen Behauptungen kein Nuklearwissenschaftler, kein Ingenieur und auch kein Kriegsheld, sagte Armstrong über seinen ehemaligen Weggefährten.

Vor allem aber war sein Vortrag eine Abrechnung mit der Sekte, der er über Jahre hinweg zutiefst verbunden war: Scientology könne man nicht vertrauen, die Organisation betreibe eine Art eigenen Geheimdienst und sogar eigene Straflager, Aussteiger wie er selbst würden verfolgt, freiheitliche Grundrechte mit Füßen getreten.

Nach Armstrongs 40 Minuten langer Rede entspann sich eine gut einstündige Diskussion: Die Zuhörer stellten etliche Fragen, wollten immer mehr Hintergrundinformationen über Scientology und die Stellung der Organisation in den Vereinigten Staaten. In Armstrongs Augen ein löblicher Ansatz: "Ich rate jedem, möglichst viel über Scientology zu lernen. Nur so kann man gegen die Organisation gewappnet sein." In all die interessierten Fragen mischte sich eine Wortmeldung, die für Unruhe im Saal sorgte: "Ich bin Scientologin ", sagte eine Frau ganz offen, führte ihre Ansichten aus und betonte: "Wir wollen uns nicht geheim halten." Armstrong reagierte gelassen: In seiner Zeit bei Scientology habe er auch noch nicht über alles Bescheid gewusst - aber er sei gerne bereit, das Gespräch zu suchen.

www.badische-zeitung.de/991977766393


 
 



1. Version dieser Seite installiert am 11.6.2001


Impressum:
Verantwortlich für Inhalt und Gestaltung:
Ingo Heinemann
D-53579 Erpel Grabenstrasse 1
Tel. 02644-98013-0
Fax 02644-98013-1
Email: Ingo.Heinemann@t-online.de


Die Website www.Ingo-Heinemann.de wurde eröffnet im September 1998